# taz.de -- Irans getötetes Oberhaupt Ali Chamenei: Der rachsüchtige Unterschätzte mit Wahnvorstellungen
       
       > Der oberste Führer der Islamischen Republik Iran herrschte 37 Jahre lang
       > und trieb sein Land in die Isolation und in den Ruin. Wie er es an die
       > Spitze schaffte.
       
 (IMG) Bild: Anhänger der Regierung trauern in Teheran, nachdem das staatliche Fernsehen offiziell den Tod von Ali Chamenei bekannt gegeben hat
       
       Der Tod von Irans Oberstem Führer Ali Chameneis wurde in der Nacht zu
       Sonntag offiziell bestätigt. Sein Leben lang wurde er oft unterschätzt.
       Viele zahlten dafür einen hohen Preis, manche kostete es das Leben.
       
       Nach der Verfassung hätte er gar nicht Führer der Islamischen Republik sein
       dürfen. Er war ein zweitrangiger Geistlicher, kein Gelehrter, weshalb ihm
       der Weg an die Spitze des Systems, das sich „Herrschaft der Gelehrten“
       (وﻻﯾﺖﻓﻘﯿﮫ) nennt, eigentlich verwehrt gewesen wäre.
       
       Doch vor 37 Jahren war der damalige Parlamentssprecher [1][Ali Akbar
       Haschemi Rafsandschani] eine Schlüsselfigur im „Expertenrat“ und damit der
       mächtigste Mann des Systems. Mit Tricks und Lügen hievte er Ali Chamenei
       auf den obersten Platz. Der „Expertenrat“ wählte Chamenei zum
       provisorischen Führer. Aber er wurde zum dauerhaften Diktator, herrschte
       fast vier Dekaden.
       
       Kurz vor seiner Wahl zeigte er sich devot. Seine Selbsterniedrigung
       gipfelte in dem Satz, man müsse das Land beweinen, das jemanden wie ihn zum
       Führer wähle. Wahrscheinlich eines der wenigen wahren Worte, die er je
       verlauten ließ. Er wusste, dass er unterschätzt wird. Außerdem war Chamenei
       rachsüchtig und nachtragend, wie man zum Beispiel an seinem Umgang mit
       Mir-Hossein Mousavi gesehen hat, der 2009 als Präsident kandidierte und
       seitdem mit Hausarrest bestraft wird.
       
       Seine Illusion, er könne mit seiner sogenannten strategischen Tiefe Israel
       vernichten, zeigte hingegen seine Selbstüberschätzung. Sein krankhafter
       Israel-Hass resultierte sicherlich aus seiner islamistischen Ideologie, der
       er zeit seines Lebens treu blieb. Seine Ideologie und ein großer Teil der
       Institutionen, die er dafür geschaffen hat, werden auch nach seinem Tod
       zumindest für eine gewisse Zeit bestehen bleiben.
       
       Er stammte aus einer Familie, die in einem Armenviertel der Stadt Maschhad
       im Nordosten Irans lebte. Mit gewissem Stolz erzählte er, wie seine
       siebenköpfige Familie gedrängt in zwei kleinen Zimmern hauste.
       
       Sein Vater war ein strenger, rückständiger Prediger, der als Vorbeter in
       einer kleinen Moschee von den Gaben der Gläubigen lebte. Er war in der
       Stadt fremd. Weil er gegen die Verfassungsrevolution gewesen war, musste er
       Anfang des vergangenen Jahrhunderts seine Heimat in der iranischen Provinz
       Aserbaidschan im Nordwesten des Landes verlassen. Er siedelte nach Maschhad
       um, weil die Stadt zwar religiös, aber im Gegensatz zu seiner Heimatstadt
       nicht revolutionär war.
       
       Dort schottete er seine Familie von allem ab, was nach Moderne oder
       westlich aussah. Seine drei Söhne mussten schon als Heranwachsende
       Mullah-Kleidung tragen. In der Familie wurde nur Aseri-Türkisch gesprochen,
       da der Vater des Persischen nicht mächtig war. Sein Sohn Ali Chamenei hielt
       sich dennoch für einen Poesieexperten, einen Kenner der persischen
       Literatur. In seiner Residenz ließ er alljährlich seine Hofdichter
       vortragen – er bewertete, lobte, kritisierte.
       
       Chamenei herrschte wie in einer Wahnvorstellung. Sein kostspieliges
       Atomprogramm zerstörte die iranische Wirtschaft und die Lebensgrundlagen
       der Bevölkerung. Zum Ergebnis hatte es weder Strom noch eine Atombombe,
       [2][sondern seinen Tod].
       
       Denn es war Chameneis Atomprogramm, das US-Präsident Donald Trump und
       seinen israelischen Amtskollegen Benjamin Netanjahu das [3][Hauptargument
       für die Luftschläge] lieferte. Ali Chamenei starb während der Angriffe,
       gescheitert und verhasst, und hinterließ ein armes, isoliertes Land, dessen
       [4][Zukunft vollkommen unklar] ist.
       
       Warum er dieses potenziell sehr reiche und hochgebildete Land an den Rand
       des Ruins trieb, hatte er im Mai 2015 ganz offen gesagt: „Wenn ich den
       göttlichen Willen nicht ausführen will, warum bin ich dann hier, an der
       Spitze dieses Systems? Nicht für den wirtschaftlichen Wohlstand des Volkes,
       sondern für die Stärkung seines Glaubens an die Herrschaft des Gelehrten
       ‚Velayete Faghih‘ sitze ich, sitzen wir alle hier, sonst gäbe es für uns
       keinen Grund, hier zu sein.“
       
       Als er diese Worte äußerte, saßen ihm der ehemalige Präsident Hassan Rohani
       und ein Dutzend weitere wichtige Personen gegenüber. Gerade hatte Rohani
       mit den Amerikanern im Atomkonflikt ein Abkommen erzielt. Chamenei wollte
       klarstellen, mit ihm werde es nie eine Öffnung nach innen und außen geben,
       unabhängig vom Atomabkommen – das letztlich scheiterte.
       
       Alles in Iran war auf seine Person ausgerichtet. Nicht nur durch die
       Verfassung hatte er praktisch unbegrenzte Macht. Auch in der Realität
       wollte er der Einzige, der Unersetzbare sein. Zudem war er ein Netzwerker,
       hatte überall seine Männer. Er verhinderte gewaltsam alle Reformversuche,
       doch verlor er so Legitimität und Akzeptanz, innerhalb seines Landes ebenso
       wie international. Vier große, landesweite Massenproteste schlug er brutal
       nieder. [5][Zuletzt starben Anfang Januar in nur zwei Nächten Zigtausende
       junge Demonstranten.]
       
       Mit dem Tod des Diktators ist Iran an einem wichtigen Wendepunkt angelangt.
       Chamenei hinterlässt ein armes, isoliertes Land, dessen [6][Zukunft
       vollkommen unklar] ist. Doch es ist ein Moment, den viele Iraner seit
       Generationen herbeisehnen. Und für den Tausende ihr Leben gelassen haben.
       
       1 Mar 2026
       
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