# taz.de -- Iran nach dem Tod Chameneis: Wie geht es in Iran nach Chameneis Tod weiter?
> Mit der Tötung Chameneis geht eine Ära zu Ende. Der Nahe Osten steht
> womöglich vor einem großen Umbruch. Fragen, Antworten und
> Zukunftsszenarien.
(IMG) Bild: Die Nationalflagge Irans weht an einem Fahnenmast der iranischen Botschaft in Berlin
dpa | Der mächtigste Mann in Iran, der die Islamische Republik
jahrzehntelang mit harter Hand geführt hat, ist tot. Wie geht es nach der
[1][Tötung von Religionsführer Ajatollah Ali Chamenei] in Iran weiter?
Dessen Tod reicht den Angreifern jedenfalls nicht: Die USA und Israel
bombardieren weiter Ziele in Iran. Sie wollen einen nachhaltigen
Machtwechsel erreichen. Doch das Herrschaftssystem stellt sich neu auf –
und die mächtigen iranischen Revolutionsgarden geloben Vergeltung.
## Wie bedeutend war Chamenei für Iran?
Chamenei hat den modernen Iran in seinen fast vier Jahrzehnten an der Macht
seit 1989 geprägt wie niemand sonst. Als oberster Führer hatte Chamenei in
allen wichtigen Fragen das letzte Wort, Regierung und Präsident waren ihm
untergeordnet. Der schiitische Ajatollah war auch die oberste religiöse
Autorität der Islamischen Republik. Unter seiner Führung entwickelten sich
die Revolutionsgarden zur führenden Streitmacht des Landes und bauten ihre
Auslandseinheit aus.
Mit der sogenannten „Widerstandsachse“ setzte Teheran auf verbündete
Milizen im Irak, im Jemen, in Syrien, im Libanon und in den
palästinensischen Gebieten. Sie war eine militärische Abschreckung gegen
den Erzfeind Israel. Auch das umstrittene Atomprogramm und die Produktion
ballistischer Raketen wurden unter Chameneis Führung vorangetrieben.
## Was bedeutet sein Tod für Iran?
Chameneis Tod markiert eine Zäsur für Iran – eine epochale Veränderung,
deren Konsequenzen noch nicht absehbar sind. Die Situation ist im Fluss,
nicht zuletzt angesichts der amerikanischen und israelischen Angriffe, die
gerade erst begonnen haben. Das Herrschaftssystem der Islamischen Republik
ist erschüttert. Aber wankt es oder bricht es gar mittelfristig in sich
zusammen? Zumindest Letzteres scheint Experten zufolge kurzfristig
unwahrscheinlich: Das Herrschaftssystem hat sich in den fast 50 Jahren seit
der Revolution massiv gefestigt und kontrolliert über seinen
vielschichtigen Sicherheitsapparat das öffentliche Leben mit harter Hand.
Die Islamische Republik könne „den Verlust mehrerer Schlüsselfiguren
verkraften“, genauso wie mehrtägige Luftangriffe, schrieb etwa Thomas
Juneau, Professor an der kanadischen Universität Ottawa, auf der Plattform
X. Zudem soll Chamenei nach den israelischen und amerikanischen Angriffen
im vergangenen Jahr die Erstellung mehrschichtiger Nachfolgepläne für einen
erneuten Kriegsfall angeordnet haben, um ein Machtvakuum zu vermeiden.
Solange sich die Nachfolger auf Polizei, Militär, Revolutionsgarden und die
Basidsch-Milizen stützen können, um mögliche Proteste zu unterdrücken, und
es keine Palastrevolte innerhalb der Führungszirkel gibt, dürfte das System
Bestand haben.
## Wer hat jetzt in Iran das Sagen?
Vorübergehend soll staatlichen Medien zufolge ein Dreier-Gremium die
Führung des Landes übernehmen: Präsident Massud Peseschkian, Justizchef
Gholam-Hussein Mohseni-Edschehi und ein Jurist des sogenannten Wächterrats.
Wer später zum Nachfolger Chameneis ernannt werden soll, ist offen.
Spekuliert wurde in der Vergangenheit etwa über Chameneis Sohn Modschtaba,
der jedoch wenig in der Öffentlichkeit aufgetreten ist. Unumstritten unter
Experten ist jedoch, dass ein neuer Religionsführer zunächst kaum die
gleiche Autorität genießen wird wie Chamenei, der das System jahrzehntelang
aufgebaut und geleitet hat.
## Welche Szenarien gibt es für die weitere Entwicklung?
Aktuell kann niemand mit Gewissheit sagen, wie Iran in einer Woche, einem
Monat oder in einem Jahr aussehen wird. Es gibt jedoch Szenarien, die als
mehr oder minder wahrscheinlich gelten. Hier eine Auswahl:
Kontinuität: Irans Führung stellt sich neu auf, die Sicherheitskräfte
unterdrücken mögliche Proteste, Teheran verkraftet die Luftschläge und
erhöht mit anhaltenden Gegenschlägen die Kosten für die Angreifer. Dann
würden die Staaten in der Region unruhig werden und sich um eine
Vermittlungslösung bemühen, meint etwa Iran-Experte Vali Nasr, Professor an
der US-amerikanischen Johns Hopkins University, auf X. Falls US-Präsident
Donald Trump keinen schnellen Sieg vermelden kann, dürfte er nach einem
Ausweg suchen, um nicht in einen langen Krieg verstrickt zu werden, so die
Argumentation.
Massenproteste: Schon in der Nacht auf Sonntag kam es Berichten zufolge in
Iran angesichts von Chameneis Tod mancherorts zu Freudenfeiern. Ob es
isolierte Einzelfälle waren oder verbreiteter Jubel, lässt sich nicht mit
Sicherheit sagen. Massenproteste im Inland parallel zu den Angriffen aus
dem Ausland könnten die neue Führung zusätzlich unter Druck setzen. Die
Iraner haben in der Vergangenheit immer wieder bewiesen, dass sie trotz
großer Risiken bereit sind, gegen die Führung der Islamischen Republik zu
protestieren.
Bislang haben die Sicherheitskräfte, die loyal zur Führung stehen, die
Proteste aber immer wieder brutal unterdrückt – zuletzt im Januar, als
Tausende getötet wurden. Zudem ist Irans Opposition keine schlagkräftige
Organisation, sie ist zersplittert.
Palastrevolte: Theoretisch könnte im komplexen Herrschaftssystem der
Islamischen Republik auch ein Flügel aufbegehren und die Macht an sich
reißen, etwa seitens des Militärs oder der mächtigen Revolutionsgarden.
Bislang schien die Führungsriege allerdings immer treu zum System der
Islamischen Republik zu stehen, Risse waren nicht erkennbar.
Neues Gesicht, neuer Kurs: Experten zufolge wäre es auch denkbar, dass die
USA und Israel ihre Angriffe fortsetzen, bis eine etwas gemäßigtere Person
die Führung in Teheran übernimmt und sich auf einen Dialog mit den
Angreifern einlässt, insbesondere mit Blick auf das Atomprogramm und die
Produktion ballistischer Raketen.
Schah-Sohn für den Übergang: Der im Exil lebende Sohn des 1979 gestürzten
Schahs von Persien, [2][Reza Pahlavi], bringt sich als Übergangsführer ins
Spiel. Er wolle dem Ruf der Iraner folgen und den Weg hin zu einer neuen
Verfassung freimachen, erklärt er. Dann solle es freie Wahlen unter
internationaler Aufsicht geben. Pahlavi ist eine der bekanntesten Figuren
der Opposition im Exil – wie groß sein Rückhalt im Land tatsächlich ist,
ist unklar.
Regionaler Krieg: Der Iran-Experte Ali Vaez von der Denkfabrik Crisis Group
schrieb auf X, iranische Vergeltungsmaßnahmen würden wahrscheinlich nicht
nur direkt, sondern asymmetrisch erfolgen und möglicherweise mehrere
Fronten gleichzeitig entfachen. „Wenn die Hisbollah aus dem Libanon heraus
voll einsteigt, wenn Milizen US-Stützpunkte im Irak und in Syrien angreifen
oder wenn die Huthi im Roten Meer eskalieren, ist dies kein bilateraler
Konflikt mehr, sondern ein regionaler Krieg, der sich über den gesamten
Nahen Osten ausbreitet.“ Falls Iran die Straße von Hormus, durch die ein
bedeutender Teil der globalen Ölversorgung fließt, blockieren sollte, würde
auch die Weltwirtschaft unter Druck geraten. Ein Anstieg der Energiepreise
wäre in dem Szenario kaum zu vermeiden.
## Wie ist die Lage in Iran aktuell?
Abgesehen von offiziellen Mitteilungen dringen nur wenige Informationen
nach außen. Die Behörden verhängten eine Internetsperre. Die auf
Netzsperren spezialisierte Organisation Netblocks berichtete, es sei ein
„fast vollständiger Internetausfall“. Es gab aus dem Land nach der
Bestätigung von Chameneis Tod Berichte über Freudenfeiern und Trauer.
Angesichts anhaltender Angriffe war es aber zunächst schwer, ein genaueres
Bild der Lage zu bekommen.
Augenzeugen berichteten am Samstag per SMS, dass sich in der
Millionenmetropole Teheran lange Schlangen an Tankstellen gebildet hätten.
Viele Menschen versuchten, die Hauptstadt zu verlassen. Viele Geschäfte
waren geschlossen.
## Welche Angriffsziele verfolgt Israel?
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu begründet die Angriffe auf
Iran mit dem Schutz vor einer existenziellen Bedrohung durch Teheran.
Gemeint ist damit Irans Atom- und Raketenprogramm. Es dürfe „nicht
zugelassen werden, dass sich das mörderische Terrorregime mit Atomwaffen
ausrüstet, die es ihm ermöglichen würden, die gesamte Menschheit zu
bedrohen“, sagte Netanjahu.
## Was ist das Ziel der USA?
[3][US-Präsident Trump] will nach eigenen Angaben Amerikanerinnen und
Amerikaner verteidigen – gegen eine Bedrohung durch die iranische Führung.
Er zielte zudem in einer Videobotschaft auf das iranische Atomprogramm ab:
„Sie dürfen nie eine Atomwaffe besitzen.“ Zudem ermutigte Trump die Iraner
zu einem Machtwechsel. „Die Stunde eurer Freiheit ist gekommen“, sagte er.
„Das wird wahrscheinlich für Generationen eure einzige Chance sein.“ Er
fügte hinzu: „Wenn wir fertig sind, übernehmt eure Regierung.“ Er forderte
die Revolutionsgarden, Streitkräfte und auch Polizei auf, ihre Waffen
niederzulegen.
## Warum haben sich USA und Israel jetzt zu Angriff entschlossen?
Die Verhandlungen in Genf über das iranische Atomprogramm brachten bislang
keinen Durchbruch. Die USA zogen in den vergangenen Wochen massiv Marine-
und Luftstreitkräfte im Persischen Golf zusammen. Trump hatte Teheran ein
Ultimatum bis Anfang März gestellt.
1 Mar 2026
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