# taz.de -- Kommunalwahlkampf in Bayern: Läuft bei der Linken in Bayern – eigentlich
       
       > Die Mitgliederzahlen brummen, die Umfragewerte können sich sehen lassen.
       > Für die Linke in Bayern läuft es gut – wären da nicht extrem rechte
       > Angriffe.
       
 (IMG) Bild: War in Bayern immer Exotin, fasst aber plötzlich Fuß und tritt auch bei der Kommunalwahl erstmals flächendeckend an: Die Linke
       
       Als Simon Escher-Herzog den Brief aus seinem Briefkasten zog, war ihm
       natürlich schon klar, dass es sich hier nicht um die Telefonrechnung oder
       ein Werbeschreiben für eine Zahnzusatzversicherung handelte. Das
       DIN-A4-Blatt hatte kein Kuvert, war zusammengeknüllt und verdreckt. Ein
       Zeichen für eine besonders hohe Emotionalität des Absenders, befanden die
       Polizeibeamten vor Ort später, als ihnen Escher-Herzog den Zettel zeigte.
       
       In Großbuchstaben wurde der Kommunalpolitiker der Linken in dem Brief
       beschimpft, beleidigt und mit dem Tod bedroht. „Deine ‚Vielvalt‘ kannst du
       dir in den Arsch schiben bevor wir dich aufschlitzen“, hieß es darin in
       eigenwilliger Rechtschreibung. Oder auch: „Wir beobachten dich. Wir wissen
       wann du alein bist und dann gnade dir Gott. (…) Wir werden auf deinem auf
       deine Fresse!!! prügeln bis nur noch Matsch übrig ist. Zieh dich zurück
       oder du landest im Sarg.“
       
       Er habe das erst gar nicht so recht ernstgenommen, erzählt Escher-Herzog,
       der bei den bayerischen Kommunalwahlen am kommenden Sonntag für den Posten
       des Landrats im Landkreis Neustadt an der Waldnaab antritt. Der Landkreis
       liegt in der hintersten Oberpfalz, direkt an der tschechischen Grenze. Nach
       Prag sind es weniger Kilometer als nach München. Die Region gehört zu den
       konservativsten Flecken des Freistaats – und zu den wirtschaftlich am
       meisten abgehängten.
       
       ## Dann flog der Pflasterstein
       
       Der 37-Jährige teilte den Brief mit seinen Parteifreunden im Gruppenchat –
       eher etwas belustigt. „Aber die Genossis waren total aus dem Häuschen“,
       erzählt er. Also ging er zur Polizei. Und es blieb nicht beim Brief. Zwei
       Tage später wurden in einer Straße in Neustadt alle Plakate mit seinem
       Konterfei abgerissen und zerfetzt. Ein Plakat, erzählt Escher-Herzog, sei
       so auf sein Grundstück gestellt worden, dass er es beim Verlassen des
       Hauses sofort bemerken musste. „Auf das Gesicht war mit einem
       Schraubenzieher oder Ähnlichem heftig eingestochen worden.“
       
       Und schließlich flog eines Nachts ein Pflasterstein ins Schlafzimmer des
       Linken. Es war 2.40 Uhr. Die Scheibe ging zu Bruch. Er selbst hatte Glück:
       In dieser Nacht schlief er nebenan im Wohnzimmer. Die Kripo nahm
       Ermittlungen auf, veröffentlichte einen Zeugenaufruf, die Polizei fährt nun
       verstärkt Streife vor Escher-Herzogs Haus. Von dem oder den Tätern fehlt
       jedoch bislang jede Spur.
       
       Er könne sich nicht erklären, wie jemand offenbar einen solchen Hass auf
       ihn entwickelt habe. „Das muss daran liegen, dass ich das Gesicht der
       Linken im Landkreis bin“, meint Escher-Herzog. Und Parteichef Jan van Aken
       [1][schimpft auf T-Online]: „Das ist rechter Terror mit dem Ziel,
       politische Gegner mundtot zu machen.“
       
       Politisch, das kann man durchaus behaupten, ist der Heilerziehungspfleger
       für niemanden vor Ort eine Bedrohung. Dass Escher-Herzog Landrat in
       Neustadt an der Waldnaab wird, ist ungefähr so wahrscheinlich wie die Wahl
       eines Protestanten zum Papst.
       
       Aber allein, dass es einen linken Landratskandidaten gibt und hier
       mittlerweile ein Kreisverband mit 130 Mitgliedern aktiv ist – das ist
       freilich neu in der Gegend. Linke, die kannte man bis dato allenfalls aus
       der „Tagesschau“, nicht aus der Lokalzeitung. Die Linke, so die gängige
       Meinung, gehört zu Bayern wie der Zucker auf die Brezn.
       
       ## Mitgliederzahl verdreifacht
       
       Doch das hat sich geändert. Jetzt läuft es auch in Bayern gerade richtig
       gut für die Partei, die früher mehr so in einer Liga mit Bayernpartei und
       ÖDP spielte. Seit einem Jahr schwebt man auch im Süden der Republik [2][auf
       Wolke Reichinnek].
       
       Die Linke in Bayern habe ihre Mitgliederzahl im Lauf von einem Jahr
       verdreifacht, berichtet Landessprecher Martin Bauhof stolz. Auch
       Escher-Herzog beispielsweise ist erst vor einem Jahr eingetreten. Bei
       deutlich über 9.000 Mitgliedern sei man mittlerweile angelangt. Damit
       wächst der Landesverband sogar noch schneller als die Bundespartei, deren
       Mitgliedschaft sich in etwa demselben Zeitraum immerhin verdoppelt hat. Die
       neuen Mitglieder machen die Partei zudem jünger und weiblicher. Über die
       Hälfte der Neueintritte seien Frauen, sagt Bauhof, fast zwei Drittel unter
       30.
       
       Dabei konzentriere sich der Zuwachs nicht auf bestimmte Regionen oder große
       Städte, sondern verteile sich gleichmäßig über ganz Bayern, so Bauhof.
       Entsprechend trete man nun bei den Kommunalwahlen zum ersten Mal „fast
       flächendeckend“ an – mit eigenen Listen in 65 von 71 Landkreisen, in allen
       kreisfreien Städten und über 100 weiteren Kommunen. Auch bei
       Oberbürgermeister-, Bürgermeister- und Landratswahlen tritt die Partei an.
       Über 4.000 Kandidaten hat die Partei aufgeboten. Der 43-Jährige Bauhof
       selbst tritt als Landratskandidat im Kreis Rosenheim an.
       
       Auch in der Wählergunst stehen die Linken für bayerische Verhältnisse gut
       da. Während die Partei noch bei der Landtagswahl im Herbst 2023 nur auf 1,5
       Prozent der Stimmen kam, waren es bei der Bundestagswahl auch in Bayern
       über fünf Prozent. Für die Kommunalwahlen gibt es zwar keine Umfragen mit
       der klassischen Sonntagsfrage, aber im [3][„Bayerntrend“ des Bayerischen
       Rundfunks] gaben immerhin drei Prozent der Befragten auf die Frage, welcher
       Partei sie am ehesten die Lösung der Probleme vor Ort zutrauten, die Linke
       an.
       
       ## „Ich fühl’ mich nicht mehr wie ein Ufo“
       
       Ein weiteres interessantes Ergebnis der BR-Umfrage, von dem man annehmen
       müsste, dass es der Linken in die Hände spielt: Bei keinem anderen Thema
       sind die Menschen annähernd so unzufrieden wie bei „bezahlbarem Wohnraum
       und Mieten“. Und genau das ist das Thema, mit dem die Linke ihren Wahlkampf
       fast ausschließlich bestreitet. 300.000 Wohnungen stehen in Bayern leer,
       auf der anderen Seite sind die Mieten und Grundstückspreise exorbitant. In
       München und anderen Großstädten zu leben, können sich Normalverdiener oft
       nicht mehr leisten, es sei denn, sie haben einen alten Mietvertrag oder
       geerbtes Wohneigentum.
       
       Aber es beschränkt sich längst nicht mehr auf die Ballungsräume. Rosenheim
       etwa, erzählt Parteisprecher Bauhof, gehöre zu den fünf deutschen Städten
       mit dem höchsten Anstieg der Mieten. Das wiederum wirke sich dann
       unmittelbar auf das Umland aus.
       
       In diesem Umfeld wirkt es dann nicht mehr ganz so exotisch, wenn einer auch
       mal für die Linken antritt. Als er 2023 für den Landtag kandidiert habe,
       hätten die Menschen noch mit viel größerem Befremden reagiert, wenn er
       irgendwo ein Plakat aufgehängt habe. Linke? Hier? Inzwischen sei das
       anders. „Ich fühl’ mich nicht mehr wie ein Ufo. Man wird beäugt, aber
       gehört dazu.“ In Bruckmühl, der 17.000-Einwohner-Gemeinde, in der Bauhof
       wohnt, sei er vor drei Jahren noch der einzige Linke gewesen. Jetzt gibt es
       dort schon einen eigenen Ortsverband – mit zehn Mitgliedern.
       
       Klingt alles sehr nach Aufbruch. Und doch: Niemand scheint es derzeit so
       stark abzukriegen wie die Linke. „Wir erleben Übergriffe und Anfeindungen
       in diesem Wahlkampf wie noch nie zuvor“, klagt Bauhof. Der Steinwurf auf
       Simon Escher-Herzog war der bisherige Tiefpunkt, aber nicht das Einzige,
       was passierte.
       
       ## Naziparolen und Hasskampagnen
       
       So wurde der Bürgermeisterkandidat im mittelfränkischen Zirndorf, Robin
       Greser, von einem Unbekannten ins Gesicht geschlagen, während er mit zwei
       Genossen im Auto saß. Dem Angreifer, der außerdem einen Seitenspiegel
       abtrat, gelang es, unerkannt zu entkommen.
       
       Ein Kandidat in Aschaffenburg fand ebenfalls zerstörte Plakate in seinem
       Vorgarten vor. In München wurde ein Lastenrad der Partei gestohlen und nach
       einiger Zeit in einer Sammelgarage wiedergefunden – beschmiert mit
       Naziparolen und einem Hakenkreuz.
       
       Im Landkreis Miesbach wurden Kandidaten beim Aufhängen von Plakaten
       gefilmt. Und in Dinkelsbühl gab es eine rechte Hasskampagne gegen eine
       queere Stadtratskandidat*in, die unter anderem mit KI-generierten
       Fakevideos viral ging. Wenn dann in gesamten Ortschaften wie beispielsweise
       Geiselhöring auf einen Schlag sämtliche Plakate der Linken verschwinden,
       fällt das schon gar nicht mehr weiter auf.
       
       Tatsächlich haben es die Linken in diesem Wahlkampf wohl mit deutlich mehr
       Anfeindungen zu tun als andere Parteien. So berichten die Grünen von einer
       insgesamt guten Stimmung. Es sei „kein Vergleich zum Vandalismus und den
       Anfeindungen vergangener Wahlkämpfe“, so ein Sprecher. Vereinzelt gebe es
       aggressive Begegnungen an Haustüren oder Infoständen, gewalttätige
       Übergriffe seien aber keine gemeldet worden.
       
       Die Anfeindungen gegen die Linke gehen indes teilweise mit einem besonders
       dreisten Auftreten rechtsextremer Kandidaten einher. Während die Bundes-AfD
       aus taktischem Kalkül so manche Formulierung genau wägt, nimmt man in
       Bayern kein Blatt vor dem Mund. Selbst in München, nicht gerade einer
       AfD-Hochburg, plakatiert die Partei den Slogan „Zeit für Remigration“.
       
       ## Neonazi auf gemeinsamer Liste
       
       Und in Niederbayern, wo die AfD bei Wahlen zuletzt immer Rekordergebnisse
       einfuhr, stellt sich [4][einmal mehr die Frage], ob die
       Unvereinbarkeitsliste der AfD mehr als ein Feigenblatt ist. So kandidiert
       in Straubing, wo jüngst jemand mit einem Edding ein Hakenkreuz auf die Tür
       des Linken-Büros geschmiert hat, Jakub Jarczok für den Stadtrat, [5][der
       sich zur Identitären Bewegung bekennt].
       
       Die Empörung der demokratischen Parteien darüber war so groß, dass sich die
       Oberbürgermeister-Kandidaten von CSU, Grünen, Freien Wählern, Linken, ÖDP
       und SPD zu einem seltenen gemeinsamen Aufruf zusammenfanden. „Sogar die AfD
       hat eine Zusammenarbeit mit dieser vom Verfassungsschutz als gesichert
       rechtsextrem eingestuften Bewegung ausgeschlossen“, schrieben sie im
       Straubinger Tagblatt. „Wir erwarten, dass sich die Partei und die anderen
       Stadtratskandidaten eindeutig distanzieren.“
       
       Keine 20 Kilometer weiter, in Geiselhöring, kandidiert Siegfried Birl,
       [6][eine Größe in der Neonaziszene]. Er ist zwar kein AfD-Mitglied, steht
       aber auf einer gemeinsamen Liste von AfD und der Gruppierung „Friedliches
       Geiselhöring“ zur Wahl.
       
       Die Linke Tanja Schmidt versteht die Welt nicht mehr. Das Treiben der
       Rechtsextremen in Niederbayern werde von vielen längst als normal
       betrachtet, berichtet die stellvertretende Vorsitzende des Ortsverbands
       Straubing. So scheine es niemanden zu stören, wenn die AfD etwa in der
       Gemeinde Haselbach im Rathaus einen Infoabend veranstaltet. Warum sollten
       die nicht ins Rathaus dürfen, werde sie dann gefragt.
       
       Und in der Stadt Regen habe es neulich eine Podiumsdiskussion der
       Bürgermeisterkandidaten gegeben, CSU, SPD und Freie Wähler seien vertreten
       gewesen. Keiner von deren Kandidaten habe sich grundsätzlich gegen eine
       Zusammenarbeit mit der AfD im Stadtrat ausgesprochen. Einer habe sogar
       gesagt, die AfD sei schließlich eine demokratische Partei.
       
       Sie selbst, sagt Schmidt, begreife den Wahlkampf mittlerweile persönlich
       nicht mehr als Werbung für die Linken, sondern als Arbeit zur Aufklärung
       gegen Rechtsextremismus.
       
       6 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id_101129786/oberpfalz-linke-appelliert-nach-todesdrohungen-gegen-politiker-an-csu.html
 (DIR) [2] /Linke-Politikerin-Heidi-Reichinnek/!6063355
 (DIR) [3] https://www.br.de/nachrichten/bayern/wer-loest-probleme-ein-viertel-nennt-im-bayerntrend-keine-partei,VC8KctR
 (DIR) [4] /Die-AfD-und-die-Identitaeren/!5955016
 (DIR) [5] https://www.br.de/nachrichten/bayern/afd-im-wahlkampf-radikales-programm-radikale-kandidaten,VBg8FF6
 (DIR) [6] https://antifainfoblatt.de/tags/siegfried-birl
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dominik Baur
       
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