# taz.de -- Kommunalwahlen in Bayern: Aus dem sozialen Wohnungsbau ins Rathaus
> Nasser Ahmed will für die SPD Oberbürgermeister in Nürnberg werden. Er
> wäre der erste Schwarze OB und kandidiert auch gegen rechte
> Verfassungsfeinde.
(IMG) Bild: Wirbt mit dem Slogan: Mein N-Wort ist Nürnberg
„Man hört es mir an und sieht es an meinem Namen“, sagt der Mann, im
akkuraten blauen Anzug: „Ich bin waschechter Nürnberger.“ Nasser Ahmed
lächelt verstohlen: So fange er ganz viele seiner Reden an. Der Sohn
eritreischer Flüchtlinge will Oberbürgermeister der zweitgrößten Stadt
Bayerns werden. Er wäre der erste Schwarze Oberbürgermeister (OB) einer
deutschen Großstadt.
Ahmed, geboren 1988, war drei Jahre lang stellvertretender Generalsekretär
der Bayern SPD, seit 2021 ist er Vorsitzender der Nürnberger SPD. Bei der
Kommunalwahl am 8. März hat er einen schwer zu schlagenden Gegner: Marcus
König von der CSU regiert die Stadt fast schon in Abgrenzung zum
Landesvater Söder unauffällig und unpolemisch. Ihm war es vor sechs Jahren
gelungen, aus einer 18 Jahre lang sozialdemokratisch regierten Stadt eine
christsoziale zu machen.
Ahmed empfängt in den SPD-Räumen im Rathaus, eine Stunde vor der Sitzung
der Stadtratsfraktion. Danach heißt es „Von Tür zu Tür in Zabo“ und „Nasser
unplugged in Mögeldorf“. Die Tage im Wahlkampf sind eng getaktet. Ahmed ist
im Modus. Wenn er erzählt, dass sein Vater als 14-Jähriger vor dem
Kriegsdienst nach Ägypten floh, sagt er auch: „Er wollte Zukunft, er wollte
Bildung.“ Genau das habe ihm, dem Sohn, später Nürnberg gegeben, Chancen.
Das Wort steht im Zentrum seiner Kampagne.
Ahmed ist in der Nürnberger Südstadt aufgewachsen: Migrantisch geprägt,
dicht bebaut, wenig Grün. Sein Vater, erzählt er, habe als Hilfsarbeiter in
einem großen Industrieunternehmen begonnen, bevor er in die Lehre ging und
die Meisterprüfung als Lagerlogistiker ablegte. Seine Mutter arbeitete als
Haushaltshilfe in der Nachbarschaft. „Ich habe Nürnberg immer als meine
Heimat empfunden. Mir war aber auch klar, dass wir nicht wie jede andere
Familie sind.“
## Als Kind früh in der Verantwortung
Integration sei damals, Anfang der 90er, kein großes Thema gewesen,
Sprachkurse kaum angeboten worden. Bei Amtsgängen musste der Junge seine
Mutter begleiten, um zu übersetzen. Es sei eine typische Erfahrung in
migrantischen Familien: als Kind schon früh in der Verantwortung zu stehen,
um die Organisation des Alltags zu bewältigen.
Wenn man Ahmed nach seinen frühesten Erinnerungen an die Stadt, die er
regieren möchte, fragt, zeichnet er zunächst das Bild der offenen Arme: Mit
riesigen Schienbeinschonern sei er im Trikot des katholischen DJK Falke
über den Fußballplatz gestolpert, am Hauptmarkt verfolgte er den
traditionellen Prolog des Christkinds zur Eröffnung des Christkindlmarkts.
Seine Integration habe funktioniert, weil es Unterstützer gab, Helferinnen,
ehrenamtliches Engagement, eine nette „Patentante“ ohne
Migrationsgeschichte von nebenan.
Genauso gab es den Baseballschläger-Skinhead-Nazi in Camouflage in der
Südstadt-Nachbarschaft. „Meine Eltern haben mir früh beigebracht, dass man
um den einen Bogen macht, vor allem wenn er betrunken ist. Es war nicht
alles Friede, Freude, Eierkuchen.“
Ahmeds Erzählung ist die des Aufsteigers, der als OB mehr Menschen den
Aufstieg ermöglichen will. Er ist promovierter Politikwissenschaftler. Aus
dem sozialen Wohnungsbau an die Stadtspitze, das ist märchenhaft und soll
auch Hoffnung spenden. 2025 veröffentlichte er ein Buch mit dem Titel „Und
trotzdem stehe ich hier“, seine Autobiografie. Taktisch klug, könnte man
sagen, ein vorgezogener Auftakt für den Wahlkampf 2026.
## „Mein N-Wort ist Nürnberg“
Für den Schritt gab es auch Kritik: Das Portal [1][Übermedien berichtete
ausführlich], dass das Buch nicht nur im Verlag Nürnberger Presse verlegt
wird, sondern auch noch vom Chefpublizisten der Nürnberger Nachrichten
Alexander Jungkunz lektoriert wurde. Eine ungesunde Nähe zwischen dem
Stadtratsmitglied und der Zeitung, die dessen Arbeit zuvorderst kritisch
beobachten sollte.
Der stets sehr kontrolliert, im öffentlichen Auftritt teils formelhaft
wirkende Kandidat lässt sich von dem Thema nicht aus dem Konzept bringen.
Er habe ein Buch über Migration als Chance geschrieben. Er wollte, auch mit
seinen Lesungen, dem Rechtsruck entgegentreten. „Ich glaube, dieses Buch
hat Nürnberg bereichert. Und wenn andere, die zufällig einer anderen Partei
angehören, ein solches Buch geschrieben hätten, glaube ich, hätte der
Verlag das auch verlegt.“
Noch weitaus größere, überregionale Aufmerksamkeit erregte Ahmed durch die
monumentale Plakataktion seines Wahlkampfs. Die Nürnberger SPD-Zentrale ist
ein 26 Meter hoher, auffälliger Bau aus den 20er-Jahren, damals das erste
Hochhaus der Stadt, später Sitz der Fränkischen Tagespost und 1933 gestürmt
von Julius Streichers Truppen, SA und SS. An diesem Karl-Bröger-Haus
entrollte am 16. Januar ein riesiges Banner mit der Aufschrift „Mein N-Wort
ist Nürnberg“. Semantisch irgendwie schwierig. Aber: Die gezielte
Provokation brachte Ahmed lange Beiträge in allen großen Medien des Landes
ein. Und Stadtgespräch wurde er ohnehin.
Ist es glaubwürdig, wenn er heute sagt, mit der Heftigkeit der Reaktionen
habe er nicht gerechnet? Vor allem in den sozialen Medien, bei Instagram,
erwischte Ahmed nach Veröffentlichung des Drohnenflug-Reels von der
Enthüllung eine Welle der Kritik. Mehr aus der Schwarzen als aus der
rechten Community. Die Kampagne sei falsch und verletzend, schrieb
beispielsweise die Initiative Schwarzer Menschen Nürnberg (ISD). Ihn habe
das traurig gemacht, sagt Ahmed.
Kern der Kritik: Ahmed verharmlose das N-Wort. „Ich nehme das alles ernst“,
sagt er mit dem Abstand von fast einem Monat, „aber ich kann das inhaltlich
nicht nachvollziehen. Ich habe das N-Wort nicht salonfähig gemacht. Ich
habe es nicht in die Welt gebracht. Es wird mir ausgeschrieben täglich an
den Kopf geworfen.“
## Angriffe nahmen mit wachsender Bekanntheit zu
Er habe keinen Wahlkampf führen wollen, ohne den Rassismus zu
thematisieren, der ihm begegnet. Im direkten Nachgang sprach Ahmed von
Reclaiming. Jetzt davon, den Spieß umzudrehen: „Ich sage: Ihr könnt mich
nicht auf dieses Wort festlegen, ich bin nicht euer N-Wort, ich bin
Nürnberger.“ Nach fast einem Monat ist das Plakat verschwunden, ersetzt
durch ein ebenso großes mit dem neuen und ganz und gar harmlosen Claim:
„Nürnberg besser machen“.
Wiedersehen am Wahlkampfstand: Ahmed verteilt Flyer und Gummibärchen am
schicken lila-roten Elektro-Bulli, ein Genosse schenkt Kinderpunsch aus. Es
nieselt, er trägt den beerenfarbenen Mantel, der bald zum Markenzeichen
werden könnte. Die Frage ist klar: Musste das Plakat runter, weil die
Kritik zu massiv war?
Der Kandidat verneint. Die verschiedenen Wellen der Plakatierung seien von
Anfang an geplant gewesen. Vom Aufmerksamkeit erzeugenden Setzen des Themas
Rassismus komme man nun zur Aufgabe, die sich daraus ergebe: Nürnberg für
alle. Für die Passant:innen drängen eh andere Probleme: Warum ist die
Stadt so schmutzig, was will er gegen den Leerstand in der Fußgängerzone
unternehmen? Ahmed scheint hier vor allem die Menschen anzuziehen, die
ohnehin vorhaben, ihn zu wählen. Man holt sich Signaturen fürs Buch und
Selfies ab.
Es dauert trotzdem nicht lange, bis das N-Wort fällt, ausgesprochen. Ein
junger Mann mit kurz rasiertem Kopf, der wild auf Ahmed einredet: „Dein
N-Wort ist Nürnberg oder was? Die SPD ist richtig faschistisch geworden!“
Der Mann ist offenbar verwirrt, zum Glück nicht gefährlich, Ahmed bittet
darum, nicht angeschrien zu werden, dann ignoriert er ihn erfolgreich.
Nicht mehr als ein Prozent der Menschen, sagt er, begegne ihm in der
Öffentlichkeit feindselig. „Wenn ich am Tag 100 Menschen treffe, passiert
so etwas vielleicht 1 Mal.“ Dass seine Mutter, die Kopftuch trägt, in der
U-Bahn beleidigt werde, passiere regelmäßig. Als er selbst 2010
Vorsitzender der Nürnberger Jusos wurde und sich zu kommunalpolitischen
Themen positionierte, sei ein Leserbrief erschienen: Er solle sich in
seiner eigenen Heimat darum kümmern.
Mit jedem Schritt, der ihn sichtbarer machte, nahmen die Angriffe zu –
nicht im persönlichen Gespräch, sondern in den sozialen Medien. Es gebe
Studien, sagt er, dass 5 Prozent der User für 50 Prozent des Hasses
verantwortlich seien. Er wünsche sich auch dort mehr Gegenwehr, mehr
Zivilcourage der stillen Mehrheit. Wie kommt man als Zielscheibe mit
Beschimpfungen zurecht, wie steckt man das weg? „Ich bin sehr gut im
Verdrängen.“
## „Echte Männer haben keine Angst vor Nagellack“
Nach seinem ersten viralen Video reichte das nicht mehr. 2024 zeigte sich
Nasser Ahmed mit bunten Fingernägeln und sagte in Anspielung auf Maximilian
Krah: „Echte Männer haben keine Angst vor Nagellack.“ Das Video ist 17
Sekunden lang und hat allein bei Instagram fast 8.000 Kommentare. Man muss
nicht lange scrollen, bis man die ersten Beleidigungen findet. Befreundete
Anwälte hätten ihm damals geraten, juristisch gegen die schlimmsten
vorzugehen. Ahmed stellte fast 50 Strafanzeigen, rund 20 Personen seien zu
Geldstrafen verurteilt worden.
Damit endet die Geschichte aber nicht: Ein Angezeigter schickte einen
handschriftlichen Brief, in dem er um Verzeihung bat. Ahmed schlug ein
Treffen vor, symbolträchtig in der Nürnberger Straße der Menschenrechte.
„Der hat verstanden, dass ihm da ein Mensch gegenübersteht, dem er
Schmerzen zufügt und das glaubwürdig reflektiert: Wie konnte es dazu
kommen, dass ich so etwas ins Internet schreibe?“ Ahmed bat die Behörden,
von einer weiteren Verfolgung abzusehen. Bis heute treffe er den Mann auf
Veranstaltungen.
Nürnberg ist eine Stadt mit einem Anteil von über 50 Prozent Menschen mit
Migrationshintergrund. Gleichzeitig hat der NSU hier drei Menschen
ermordet. Die rechtsextreme Gruppierung „Team Menschenrechte“ – Ahmed nennt
sie konsequent „Team rechter Menschen“ – wolle den Schwarzen
Oberbürgermeister verhindern. Die habe er mit dem berühmt gewordenen Plakat
provozieren wollen.
An jedem Montag marschiert diese diffuse Gruppe aus Coronaleugnern, AfDlern
und Neonazis durch die Stadt. Es ist für Nasser Ahmed neben kostenlosem
Schülerticket, Aufwertung der Fußgängerzone, Absage der Gartenschau und der
Bezahlbarkeit des Lebens in Nürnberg eines der wichtigen Themen seines
Programms: Man müsse mit allen Mitteln versuchen, die Verfassungsfeinde
zumindest aus der Innenstadt zu kriegen.
Er kenne Gastronomen, die am Montag ihren Laden lieber zulassen würden.
„Die Verwaltung unter jetziger Leitung sagt, man muss neutral sein, solange
sie nicht verboten sind. Ich sage: Gegenüber Rechtsextremen darf eine
Stadtverwaltung nicht neutral sein. Sie muss parteiisch sein, für unser
Grundgesetz.“
3 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://uebermedien.de/106692/wenn-die-lokalzeitung-den-ob-kandidaten-beim-buchprojekt-unterstuetzt/
## AUTOREN
(DIR) Andreas Thamm
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