# taz.de -- Stichwahlen in Bayern: München schickt Reiter in die Wüste
       
       > Deutschlands größte Kommune bekommt erstmals einen grünen
       > Oberbürgermeister. Aber nicht nur in München gab es bei den Stichwahlen
       > Überraschungen.
       
 (IMG) Bild: Dominik Krause (weißes Hemd), Münchens baldiger Oberbürgermeister, bei seiner Wahlparty mit Unterstützern (in Krause-Shirts)
       
       Eines muss man Dieter Reiter lassen: Diese Wahl – davon kann man ausgehen –
       hat er ganz alleine entschieden. Nachdem der Münchner Oberbürgermeister
       schon im ersten Durchgang mit 35,6 Prozent ein mickriges Ergebnis einfuhr,
       aber immerhin noch knapp vorne lag, verlor er in der Stichwahl deutlich
       [1][gegen den grünen Herausforderer Dominik Krause], der auf 56,4 Prozent
       der Stimmen kam. Die Wahlbeteiligung lag bei 44,5 Prozent.
       
       Die Affäre um vom Stadtrat nicht genehmigte, aber bezahlte Ehrenämter beim
       FC Bayern und vor allem Reiters Umgang mit der Krise dürften dabei eine
       Rolle gespielt haben. Die Unzufriedenheit mit dem selbstherrlichen
       Regierungsstil Reiters war zuletzt ohnehin immer größer geworden.
       
       Es waren kaum mehr als zwei Drittel der Wahlbezirke ausgezählt, da
       zeichnete sich bereits ab, dass Krause, der da noch mit rund 59 Prozent der
       Stimmen vorne lag, kaum noch einzuholen zu sein würde. Reiter wartete dann
       nicht mehr länger, sondern gestand seine Niederlage ein. Er gratulierte
       Krause und erklärte seine eigene politische Karriere für beendet.
       
       Mit Krause werden die Grünen nun die Oberbürgermeister in fünf deutschen
       Großstädten stellen, zum ersten Mal allerdings in einer Millionenstadt.
       München ist Deutschlands größte Kommune. Hier leben mit rund anderthalb
       Millionen mehr Menschen als in den ebenfalls grün regierten Großstädten
       Hannover, Münster, Kassel und Würzburg zusammen.
       
       ## Reiter passte nimmer
       
       Um die Bedeutung des Wahlergebnisses zu erahnen, muss man aber kurz in die
       Geschichte der Münchner Kommunalpolitik einsteigen: Fast die gesamte
       Nachkriegszeit, von 1948 bis 2014, wurde München von vier prägenden
       SPD-Oberbürgermeistern regiert: Thomas Wimmer, Hans-Jochen Vogel, Georg
       Kronawitter und Christian Ude. Nur von 1978 bis 1984 gab es mal mit dem
       CSU-Mann Erich Kiesl einen kleinen „Ausrutscher“.
       
       Als 2014 der ehemalige Verwaltungsbeamte Reiter von Ude übernahm, spielte
       er zwar schon nicht mehr in derselben Liga, erfreute sich jedoch einer
       gewissen Beliebtheit und regierte in den ersten Jahren weitgehend
       unangefochten. „München, Reiter. Passt“, hatte der Oberbürgermeister im
       jetzigen Wahlkampf selbstbewusst plakatieren lassen. Nein, es passt nimmer,
       dachten sich dann aber offenbar viele.
       
       Ab 1. Mai heißt Münchens Oberbürgermeister nun Dominik Krause. Der
       35-jährige studierte Physiker prägt seit zwölf Jahren die Stadtpolitik mit.
       Seit 2023 ist er Münchens Zweiter Bürgermeister. Einen Job, den er nicht
       zuletzt Bayerns Ministerpräsident Markus Söder zu verdanken hat. CSU-Chef
       Söder, der stets ein gutes Verhältnis zu Reiter pflegte, hatte vor drei
       Jahren angekündigt, die Altersgrenze für Bürgermeister und Landräte zu
       kippen, und dies dann mit seiner Regierungsmehrheit umgesetzt. Bis dato
       durften die kommunalen Spitzenpolitiker bei Amtsantritt noch keine 67 Jahre
       alt sein. Reiter ist bereits 67.
       
       ## Krause muss liefern
       
       Kaum einer zweifelte daran, was Söders Motivation war: einen grünen Erfolg
       in München zu verhindern. Von einer „Lex Reiter“ war daher die Rede.
       „Schön, dass der Ministerpräsident meiner Argumentation folgt und diesen
       unverständlichen Teil des Gesetzes aufheben will“, frohlockte Reiter damals
       noch. Wenn Reiter noch einmal mit seinem Amtsbonus ins Rennen ginge, so der
       Gedanke, hätten die grünen Herausforderer keine Chance. Damals rechnete man
       noch damit, dass Katrin Habenschaden, zu der Zeit Zweite Bürgermeister, für
       die Grünen in den Wahlkampf ziehen und gegen einen noch unbeschriebenen
       SPD-Kandidaten gute Chancen haben würde. Doch nach Söders Coup warf
       Habenschaden entnervt hin, verließ die Politik und ging zur Deutschen Bahn.
       
       Die Erwartungen an Wahlsieger Krause sind nun freilich hoch. Von nun an
       werden sich die Blicke nicht mehr auf Reiter und den FC Bayern, sondern
       allein auf ihn richten. Wenn er nicht als zweiter, diesmal grüner
       „Ausrutscher“ in der Geschichte der Münchener Oberbürgermeister enden will,
       wird er vor allem in der Wohnungs- und Verkehrspolitik liefern müssen. In
       einer Stadt, in der die Mieten so teuer wie nirgends sonst sind und in der
       die Feinstaubbelastung immer mal wieder Rekorde knackt, ist dies kein
       Selbstläufer. Dass die Grünen im Stadtrat weiterhin die stärkste Fraktion
       stellen, dürfte helfen, aber mehr nicht.
       
       Zweifel an Krauses OB-Befähigung wurden immer auch wegen seiner angeblichen
       Unerfahrenheit geäußert. Ist der Mann nicht zu jung? Die Frage nach dem
       Alter kontert er jedoch regelmäßig mit einem Verweis auf Hans-Jochen Vogel,
       bis heute die Ikone der Münchner Lokalpolitik. Der sei bei seinem
       Amtsantritt 1960 gerade mal 34 gewesen.
       
       ## Grüne wird Landrätin
       
       Obwohl die Landeshauptstadt naturgemäß die größte Aufmerksamkeit auf sich
       zieht, gab es bei den Stichwahlen am Sonntag auch andernorts
       Überraschungen: So konnten die Grünen einen Landratsposten in Oberbayern
       erobern. Nach dem vorläufigen Endergebnis bekam Grünen-Kandidatin Daniela
       Groß in Landsberg am Lech 61,5 Prozent der Stimmen und kegelte Amtsinhaber
       Thomas Eichinger von der CSU nach zwölf Jahren aus dem Amt.
       
       In Augsburg, der drittgrößten Stadt Bayerns, verlor Amtsinhaberin Eva Weber
       gegen den SPD-Herausforderer Florian Freund und muss den OB-Sessel nach nur
       einer Amtsperiode wieder räumen. Damit wird Augsburg zum ersten Mal seit 18
       Jahren von einem SPD-Kandidaten regiert. Freund erreichte bei einer
       Wahlbeteiligung von nur 37 Prozent knapp 56,6 Prozent. Dabei war Weber nach
       dem ersten Wahlgang noch als klare Favoritin ins Rennen gegangen.
       
       ## König bleibt Nürnbergs OB
       
       Ähnlich das Ergebnis in Regensburg: Hier gewann SPD-Mann Thomas Burger mit
       53,2 Prozent der Stimmen gegen Astrid Freudenstein von der CSU. Regensburg
       war zwar auch bislang schon SPD-regiert. Nachdem Oberbürgermeisterin
       Gertrud Maltz-Schwarzfischer jedoch nicht mehr antrat, galt Freudenstein
       als klare Favoritin und hatte auch im ersten Wahlgang deutlich vorne
       gelegen.
       
       Im Landkreis Fürstenfeldbruck, wo es ebenfalls zu einem schwarz-grünen
       Duell gekommen war, blieb die Überraschung anders als in Landsberg am Lech
       aus. Hier konnte sich Amtsinhaber Thomas Karmasin von der CSU mit 56,5
       Prozent der Stimmen gegen Herausforderin Ronja von Wurmb-Seibel behaupten.
       Auch in Nürnberg, der zweitgrößten bayerischen Stadt, schaffte es der
       SPD-Hoffnungsträger [2][Nasser Ahmed] nicht, CSU-Oberbürgermeister Marcus
       König zu entthronen.
       
       Dennoch liefen die Stichwahlen unterm Strich nicht gut für die CSU, oder
       „sehr durchwachsen“, wie es Generalsekretär Martin Huber formulierte. Auch
       etliche Landratsämter muss die Söder-Partei nun räumen. So gewannen in
       Kelheim, Donau-Ries, Miesbach und Berchtesgadener Land jeweils Kandidaten
       der Freien Wähler.
       
       22 Mar 2026
       
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