# taz.de -- Stichwahl in München: Der Mann, der nicht Dieter Reiter ist
> Erstmals hat ein Grüner Chancen, Oberbürgermeister der bayerischen
> Landeshauptstadt zu werden. Dabei agierte Dominik Krause bisher eher
> blass.
(IMG) Bild: Hat jetzt schon nichts mehr zu verlieren: Dominik Krause von den Grünen kämpft um den Einzug ins Münchner Rathaus
Okay, einmal hat Dominik Krause tatsächlich von sich reden gemacht. Das war
2023, als er gerade Zweiter Bürgermeister von München geworden war, da
bezeichnete er die [1][Wiesn als „weltweit größte Drogenszene“]. Das ist
nicht völlig falsch – und war zudem halb im Scherz gesagt. Aber als
Stadtoberer in München das Oktoberfest zu beleidigen ist schon ein
Sakrileg, für das es Chuzpe braucht.
Ansonsten aber verhält sich der 35-Jährige eher unauffällig. Man hat als
Münchner von ihm gehört, klar, schließlich sitzt er seit 2014 im Stadtrat,
hat dort die Grünen-Fraktion geführt und ist nun Bürgermeister. Aber
Aufreger leistet sich der stets adrett gekleidete, schlanke Mann längst
nicht mehr. Im Gegenteil: Krause zeigt sich auch mal in Lederhosen und hat
bewiesen, dass er ein Bierfass mit nur zwei Schlägen anzapfen kann – wie
der amtierende OB Dieter Reiter.
Wenn er provoziert, dann allenfalls seine Parteifreunde. Obwohl ein
klassisches Grüne-Jugend-Gewächs, bedient er nicht unbedingt die Reflexe
der Parteilinken. So stellte sich Krause auch demonstrativ hinter die
Olympia-Bewerbung Münchens – ein Thema, bei dem die Partei sehr gespalten
ist.
Krause ist in Obermenzing aufgewachsen, einem unspektakulären Stadtteil im
Münchner Westen, eher Akademiker- als Arbeiterviertel. Heute lebt er mit
seinem Verlobten, den er mit 17 in der Tanzschule kennengelernt hat, in
Giesing. Er hat einen Master in angewandter Physik, aber nie außerhalb der
Berufspolitik gearbeitet – ganz das Klischee des jungen Stadtgrünen. Und er
verzichtet auf den Dienstwagen, der ihm als Zweitem Bürgermeister zustehen
würde.
## Büros zu Wohnungen
Im Falle eines Wahlsiegs will Krause leer stehende Büroflächen in Wohnungen
umwandeln, eine Zentralstelle gegen Mietwucher einrichten, Dauerbaustellen
verhindern, den ÖPNV und das Radwegenetz ausbauen. Außerdem, so kündigt der
Kandidat in einem „Sofortprogramm“ an, wolle er eine neue Verwaltungskultur
einführen: Der OB müsse die Richtung vorgeben, aber „auch Teamplayer sein
und den Kolleg*innen vertrauen“. Eine klare Spitze gegen den jetzigen
Amtsinhaber.
Denn Krause weiß: Er hat eine Eigenschaft, die viele in München gerade
höchst sympathisch finden: Er ist nicht Dieter Reiter. Der hatte es
geschafft, im ersten Wahlgang nur 35,6 Prozent der Stimmen zu bekommen – so
wenig wie kein anderer SPD-Kandidat seit Einführung der Direktwahl des
Stadtoberhaupts. Gerade stolpert er hilflos durch eine hausgemachte Krise
[2][um vom Stadtrat nicht genehmigte Ämter beim FC Bayern]. Dabei dürften
es weniger die 90.000 Euro sein, die Reiter für diese erhalten hat, die die
Wähler beschäftigen, als die Frage: Ist das wirklich der Mann, dem wir die
Stadt weitere sechs Jahre anvertrauen wollen? Die Art, wie er die Kritik
anfangs selbstherrlich vom Tisch wischen wollte, schien symptomatisch für
seinen Regierungsstil.
Reiter gibt sich in den vergangenen Tagen zerknirscht, zieht rote Rosen
verteilend durch die Stadt und gesteht – ganz unreitermäßig – Fehler ein.
Ob die Rosen oder vielleicht auch die Wahlempfehlung der CSU für ihn das
Ruder aber noch mal rumreißen können – offen. Für Krause jedenfalls wäre es
kaum das Karriereende. Er kann schon jetzt auf ein erfolgreiches
Wahlergebnis verweisen. Und wenn Anfang 2032 wieder gewählt wird, ist er
gerade mal 41 Jahre alt.
20 Mar 2026
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