# taz.de -- Buchvorstellung von Pelicots Memoiren: Noch immer ein weiter Weg
       
       > Bei ihrem Auftritt in Hamburg bleibt Gisèle Pelicot kämpferisch. Männer
       > und Frauen seien aber nicht dazu gemacht, auf Dauer in Feindschaft zu
       > leben.
       
 (IMG) Bild: Gisèle Pelicot stellt ihre Memoiren in Hamburg vor
       
       Wahnsinnig viele Männer stehen vor der Hamburger Laeiszhalle und warten auf
       den Einlass. Dort soll Gisèle Pelicot am Dienstagabend ihre Memoiren
       vorstellen. Sie macht Hoffnung, diese Quote, schätzungsweise Hälfte-Hälfte.
       Zu schön, um wahr zu sein – und das ist es letztlich auch.
       
       Denn nicht im großen Saal tritt Pelicot auf, sondern im kleinen, den man
       über einen Seiteneingang erreicht. Die Männer, sie stehen an, um etwas über
       Ozeane zu lernen. Es sind, und das ist keine Überraschung, größtenteils
       Frauen, die für Gisèle Pelicot gekommen sind, die meisten recht jung.
       
       [1][„Eine Hymne an das Leben“] heißt ihr Buch, in dem sie nicht nur den
       [2][historischen Prozess] von 2024 aus ihrer Perspektive nacherzählt,
       sondern ihr ganzes Leben und das der Generationen vor ihr, das Leben ihrer
       Eltern und Großeltern, untersucht, um Antworten zu finden: darauf, wie
       Trauma entsteht und wie es sich aufs Jetzt auswirkt. Gemeinsam mit der
       Journalistin Judith Perrignon hat sie ihre Memoiren, die in 22 Sprachen
       übersetzt wurden, verfasst. In Deutschland erscheint das Buch bei Piper.
       
       Als sie die Bühne betritt, dauert es einige Minuten, bevor die
       Buchvorstellung beginnen kann, so lange hält der Applaus an. Sie kommt
       gerade aus England, wo Königin Camilla sie empfangen hatte. Es ist ein
       beeindruckender Moment, diese Frau in echt vor sich stehen zu sehen, das
       Publikum versteht das. Gisèle Pelicot lächelt währenddessen demütig und
       dankend, wirkt ruhig.
       
       ## Mit Medikamenten betäubt, vergewaltigt
       
       Neun Jahre lang wurde Gisèle Pelicot von ihrem damaligen Mann, Dominique,
       den sie während des Abends nur „Monsieur Pelicot“ nennt, mit Medikamenten
       betäubt, vergewaltigt und über 50 anderen Männern ausgeliefert.
       Erinnerungen daran hat sie bis heute nicht. Im Herbst 2024 kam es in
       Avignon zum Prozess, der nicht nur [3][das französische Gesetz ändern],
       sondern eine weltweite Debatte über sexualisierte Gewalt auslösen sollte.
       
       Mit der Forderung, dass die Scham die Seiten wechseln müsse, entschied sie
       sich damals, den Prozess in Avignon öffentlich stattfinden zu lassen. In
       Hamburg sagt sie darüber: „Diese Entscheidung habe ich nie bereut.“
       Moderiert wird der Abend von Sandra Kegel, Feuilletonchefin der FAZ, die
       Schauspielerin Maria Furtwängler liest Passagen aus dem Buch vor.
       
       Gisèle Pelicots erstaunliche Augen betrachten das Publikum, während
       Furtwängler liest. Groß, dunkel, funkelnd. Während einer Passage, die davon
       handelt, wie sie vor Beginn des Prozesses erstmals die abscheulichen
       Videoaufnahmen sichtet, die ihr Ex-Mann von den Vergewaltigungen erstellt
       hatte, sind sie mit Tränen gefüllt. Und trotzdem erzählt sie ihre
       Geschichte unermüdlich weiter.
       
       Doch es bleibt nicht nur bei dem Abgründigen, es gibt auch Trost. Als
       Furtwängler etwa eine Stelle vorliest, in der Pelicots neuer Lebenspartner
       vorkommt und sein Name „Jean-Loup“ ausgesprochen wird, erscheint beim
       Zuhören sofort ein Lächeln auf Gisèle Pelicots Lippen. Heute wohnen sie
       gemeinsam auf der französischen Île de Ré.
       
       ## Ein Buch auch für die Enkel
       
       Es gibt Trost und es gibt Hoffnung. Fast jeden ihrer Wortbeiträge beendet
       Pelicot mit Forderungen an andere Opfer von sexualisierter Gewalt.
       „Erstatten Sie Anzeige“, „Schließen Sie die Öffentlichkeit bei Prozessen
       nicht aus“, „Ich hatte die Kraft, Sie haben sie auch“, „Sie haben keine
       Schuld“, „Ziehen Sie sich nicht zurück“, und immer wieder: „Schämen Sie
       sich nicht!“ Ihr Auftritt [4][hat etwas Kämpferisches]. Ja, für sie habe
       die Scham die Seite gewechselt, sagt sie, „aber es ist immer noch ein
       weiter Weg“.
       
       Ihr Buch ist Teil dieses Weges. Ihre Hoffnung, was „Eine Hymne an das
       Leben“ bewirken könne, sei, dass es verschiedene Generationen und Gruppen
       anspreche. Frauen erkennen sich darin wieder, Mütter, aber auch ältere
       Menschen, die die Nachkriegszeit erlebt haben. „Auch Kinder können dieses
       Buch lesen“, sagt sie und berichtet von ihrem Enkel, der das Buch gelesen
       habe und danach sagte, dass er sie mit diesem Buch erst richtig
       kennengelernt habe.
       
       Vor allem aber solle das Buch eines zu verstehen geben: Dass ihr ein tiefer
       Glaube innewohnt, dass Männer und Frauen nicht dazu gemacht sind, in
       Feindschaft zu leben, sondern in Harmonie. „Wir sind für Liebe gemacht.“
       
       Als Letztes liest Gisèle Pelicot das letzte Kapitel selbst auf Französisch
       vor. „Ich hoffe, ich schaffe es zu lesen“, entschuldigt sie sich, „es
       bringt mich oft zum Weinen.“ Es handelt von der Frage, die sie sich als
       16-jähriges Mädchen stellte, nämlich danach, welche Rolle sie auf dieser
       Welt spielen würde. Das war im Jahr 1968, als Feministinnen in Frankreich
       für die Rechte von Frauen kämpften, mit denen sie sich aber nie so richtig
       identifizieren konnte, auch wenn sie sie schätzte.
       
       Dass sie nun selbst das Gesicht einer nouvelle vague des Feminismus
       geworden ist, habe sie überrascht. Und dass sie mit 73 Jahren ihre Rolle
       endlich gefunden habe. Die stehenden Ovationen erweist sie dem Publikum
       ebenfalls. „Merci, Gisèle“, ruft jemand im Saal.
       
       26 Feb 2026
       
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