# taz.de -- Memoiren von Gisèle Pelicot: „Liebe ist meine mächtigste Rüstung“
> Mehr als ein Jahr nach Ende des Prozesses veröffentlicht Gisèle Pelicot
> ihre Memoiren. Obwohl ihr Unvorstellbares geschah, ist sie voller
> Hoffnung.
(IMG) Bild: Ihr Lächeln kann ihr niemand nehmen
Wenn das Leben in Ungewissheit versinkt, bleiben bloß Fragmente zurück.
Tausende Erinnerungen, die nicht so recht zusammenpassen wollen und doch
zusammengehören. Wie kann ein Mann seine Frau die Liebe seines Lebens
nennen und ihr gleichzeitig ohne ihr Wissen gefährliche Mengen
Betäubungsmittel verabreichen? Wie kann man einen sorglosen Geburtstag
gemeinsam verbringen und später erfahren, dass dieser Mann die Frau noch am
selben Abend vergewaltigt hat? Wie kann ein skrupelloser Vergewaltiger ein
liebevoller Familienvater sein?
In ihren [1][Memoiren „Eine Hymne an das Leben“] will Gisèle Pelicot
Antworten auf diese Fragen näherkommen. Die heute 73-Jährige, die sich
während des Prozesses kaum öffentlich äußerte, schildert darin erstmals
ihre Perspektive auf das, was im Herbst 2024 die ganze Welt beschäftigt.
Damals begannen die Verhandlungen gegen ihren Ehemann Dominique Pelicot,
der sie im südfranzösischen Mazan über neun Jahre betäubt, vergewaltigt und
Dutzenden anderen Männern der Vergewaltigung ausgeliefert hatte. 50 dieser
Männer konnten identifiziert werden und standen ebenfalls vor Gericht. Sie
alle wurden schuldig gesprochen, Dominique Pelicot erhielt mit 20 Jahren
die Höchststrafe.
Das Geschehene greifbar zu machen ist nicht leicht, doch Gisèle Pelicot
gelingt es, all jenes Unsagbare in oft poetischer Sprache zum Ausdruck zu
bringen. Immer wieder spricht sie davon, ein Puzzle zusammenzusetzen, das
kein sinnvolles Gesamtbild ergibt. Sie rekonstruiert ihr Leben Stück für
Stück und macht das Erinnern selbst zu einem Akt der Selbstermächtigung.
Auch ihre Träume geben Einblicke. Als Mädchen lebt sie in Deutschland. Die
Panzer, die nach dem Krieg in den Straßen Reutlingens stehen, soll sie
später im Schlaf sehen. Als sie älter wird, hat sie andere Albträume: von
Männern, die in ihr Zimmer eindringen.
## Ein Drang zu verstehen
Beim Rückblicken und beim Beobachten ist sie auf der Suche nach Hinweisen
darauf, wie das Unvorstellbare passieren konnte, wo jene Samen gesät
wurden, die später dazu führen würden, dass der ihr wohl nächste Mensch sie
verraten würde.
Dabei sind die Pelicots scheinenbar eine durchschnittliche französische
Familie: Gisèle ist Angestellte, ihr Mann wechselt oft den Job, ist aber
immer wieder arbeitslos. Doch sie wollen ihren Kindern ein gutes Leben
ermöglichen und verschulden sich. Als die erwachsen sind, ziehen Gisèle und
Dominique nach Mazan, um sich dort zur Ruhe zu setzen.
Einer der bemerkenswertesten Aspekte des Textes ist Pelicots Drang, durch
das Schreiben zu verstehen. Zu verstehen, wie ihr Ex-Mann tun konnte, was
er tat. Seine Familie sei durch Tyrannei zusammengehalten worden, schreibt
sie. Damit meint sie Dominiques Vater Denis, einen kalten, cholerischen
Mann, der Dominiques Bruder Joël bevorzugte.
Ein Vater, der nach dem Tod seiner Frau mit seinem geistig
zurückgebliebenen Pflegekind, Nicole, zusammenkam und dies kommentierte
mit: „Was Junges im Bett tut einfach gut.“ Ein Vater, dem Dominique nicht
anvertrauen konnte, dass ein Pfleger ihn sexuell missbraucht hatte, als er
als Kind im Krankenhaus war. Es zeigt den Kreislauf von Trauma und
patriarchaler Gewalt, dessen Opfer sowohl Frauen als auch Männer sind.
## Optimismus oder Selbstschutz?
Gisèle Pelicots Blick auf ihren Ex-Mann ist dabei aber nicht von Mitleid
geprägt. Viel eher fragt sie sich, warum er keines mit ihr hatte. Und
gleichzeitig weigert sie sich, jede einzelne Erinnerung, auch schöne, die
ihr mit Dominique bleiben, zu verbannen an einen Ort, wo er lediglich ein
Vergewaltiger ist, ein Perverser, „das Monster von Mazan“.
Ihre Zuversicht zu teilen kann einem beim Lesen schwerfallen, so grausam
ist sein Handeln, so selbstsicher und reuelos zeigen sich die anderen Täter
im Gerichtssaal. Ist es also eine beeindruckende Hoffnung, fragt man sich
dann, ein Wille zum Optimismus, den sie aufbringt? Oder doch ein
notwendiger Selbstschutz? Nein, muss die Antwort darauf lauten. Wenn Gisèle
Pelicot nicht im Pessimismus versinkt, sind wir ihr womöglich schuldig,
dies auch nicht zu tun. Diese Ambivalenz ist nicht leicht zu ertragen. Auch
ihre Kinder verstehen sie nicht immer.
Selbst aus dem Gefängnis treibt Dominique Pelicot weitere Risse in die
Familie. Zwischenzeitlich brach etwa der Kontakt zwischen Gisèle und
Caroline Darian, ihrer Tochter, ab. Als auf dem Computer von Dominique auch
Bilder der Tochter auftauchen, auf denen sie in Unterwäsche schläft, ist
Darian überzeugt, dass er auch sie vergewaltigt hat.
Dass Gisèle das nicht sofort glauben will, versteht Darian als Verrat,
schreibt sie in ihren 2025 erschienenen Memoiren „Und ich werde dich nie
wieder Papa nennen“ – ein Buch, das weit mehr Wut in sich trägt als der
dagegen versöhnlich wirkende Text ihrer Mutter. Gisèle schreibt, sie
brauche mehr Beweise, um zu glauben, was der Vater der Tochter angetan
haben soll, ein Geständnis, mehr Klarheit, die die Ermittler nicht geben
können. Die Spannung zwischen Mutter und Tochter surrt als
Hintergrundgeräusch durch die gesamten 256 Seiten.
## Eine neue Liebe
Auch Erinnerungen Gisèles eigener Mutter kommen immer wieder. Sie verstarb
an einem Hirntumor, als Gisèle noch ein Kind war, und wurde vom Vater durch
eine schroffe, geradezu stereotype Stiefmutter ersetzt. Als Gisèles
Erinnerungslücken einsetzen, die ihr Mann durch die Betäubungsmittel
verursacht, hat sie Todesangst und befürchtet einen Tumor: „Ich war davon
überzeugt, dass ich so sterben würde wie meine Mutter. Das war mein
Schicksal.“
Gisèle Pelicots Geschichte ist düster. Dennoch gelingt es ihr, mit
Zuversicht auf die Welt zu blicken. Gegen einen Generalverdacht gegen
Männer wehrt sie sich. Als ihr der Sohn einer Freundin sagt, dass er sich
schäme, ein Mann zu sein, sagt sie ihm, dass er das nicht müsse. Auch die
Pläne ihrer ersten Anwältin, in dem Prozess einen Kampf zwischen Frauen und
Männern zu führen, lehnt sie ab – und entscheidet sich für zwei männliche
Anwälte.
„Eine Hymne an das Leben“ zeichnet den emanzipatorischen Weg einer Frau
nach: Wenn auch unter unvorstellbaren Umständen, gelingt ihr die Befreiung
von ihrem Ex-Mann und ihrem alten Leben, mit einem neuen Selbstverständnis
als Feministin, in eine neue Welt – sogar mit einer neuen Liebe: „Ich
wollte wieder jemanden lieben. Ich hatte keine Angst“, sagt sie über ihre
neue Beziehung. Und eine Emanzipation von der Scham, die dank Gisèle
Pelicot nun für viele Opfer sexualisierter Gewalt nicht mehr bei sich,
sondern auf der Täterseite liegt.
17 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.piper.de/buecher/eine-hymne-an-das-leben-isbn-978-3-492-07435-3
## AUTOREN
(DIR) Valérie Catil
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