# taz.de -- Gewalt gegen Frauen: Männer entmachten
       
       > Nach Epstein-Files und Dunkelfeldstudie lässt sich derzeit nur noch
       > schwarzsehen. Was tun gegen die geschlechtsspezifische Gewalt, die Frauen
       > trifft?
       
 (IMG) Bild: Foto aus dem Nachlass von Jeffrey Epstein zeigt Donald Trump mit sechs Frauen
       
       Seit zwei Wochen nun wühlt sich die Welt durch die Datenflut der Epstein
       Files. 3,5 Millionen Dateien bestehend aus E-Mails, Fotos und Notizen
       [1][werden von Journalistinnen und Hobbydetektiven gesichte]t. Jede_r
       möchte den nächsten großen Scoop aufdecken. Welcher Promi war noch
       verwickelt in das Netz um den verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey
       Epstein? In sozialen Medien wimmelt es von Verschwörungen und
       Gossip-Stories, Zeitungen schreiben von politischen Skandalen. Dass die
       Daten ein patriarchales Netz aus Verbrechern offenlegen, die Kinder und
       Frauen missbrauchen, wird zum Nebenschauplatz.
       
       Auch ich scrolle stundenlang durch die Nachrichten und bin von der Sprache
       der Männer schockiert. Flapsig und empathielos schreiben sie über ihre
       Ehefrauen und Mädchen. Ganz so als seien diese bloß Körper oder Waren, die
       eingekauft, weitergegeben und weggeworfen werden können.
       
       Zur gleichen Zeit beginnt in München ein Prozess. Ein 27-jähriger Student
       hat seine Freundin über Monate hinweg unter Drogen versetzt, vergewaltigt
       und dabei gefilmt. Er ist geständig. Dass die Frau bei den Verbrechen
       überlebt hat, ist laut Staatsanwaltschaft reiner Zufall. Das LKA spricht
       von einer internationalen Tätergruppierung, auf die sie bei den
       Ermittlungen gestoßen sind. Wenn der Student in Chatgruppen über die
       Vergewaltigung fantasierte, soll er die Opfer „Autos“ oder „tote Schweine“
       genannt haben. Auch für ihn sind Frauen keine Menschen, sondern bloß
       Körper.
       
       Zwei außergewöhnliche Fälle könnte man nun meinen. Doch außergewöhnlich ist
       an den Missbrauchstaten wenig, viel mehr sind sie Alltag im Patriarchat.
       Denn dass dieses Frauenbild und die mit ihr einhergehende Gewalt das Normal
       sind, [2][zeigt die Dunkelfeldstudie zu Gewalt], die diese Woche vom
       Bundeskriminalamt in Zusammenarbeit mit dem Innen- und Familienministerium
       veröffentlicht wurde. Laut der Studie hat ein Großteil der Bevölkerung
       schon Gewalt erlebt.
       
       ## Nur die wenigsten erstatten Anzeige
       
       Vor allem trifft es Frauen, der Täter ist in der Regel der Partner oder der
       Ex. Jede zweite Frau gibt an, häusliche Gewalt erlebt zu haben. Je
       marginalisierter eine Person ist, desto höher ihre Gefahr, Gewalt zu
       erfahren. Nur die wenigsten der Opfer erstatten Anzeige.
       
       Außer Innenminister Alexander Dobrindt („konnte so nicht erwartet werden“)
       ist niemand von diesen Ergebnissen überrascht. Die Dunkelfeldstudie, auf
       die seit Jahren gewartet wurde, beweist nun, was ohnehin bekannt ist: In
       Deutschland lebt es sich als Frau gefährlich – vor allem dann, wenn man
       sich mit Männern umgibt. Und ja, die Studie zeigt auch, dass Männer Gewalt
       in (Ex-)Partnerschaften erfahren, aber die Intensität der Gewalt ist eine
       deutlich andere.
       
       Die Ergebnisse waren erwartbar, aber in einer Zeit, in der ein
       Gewaltverbrechen nach dem nächsten an die Öffentlichkeit gelangt, lassen
       sie mich die Hoffnung verlieren. Eigentlich bin Ich ein optimistischer
       Mensch, versuche mich an den positiven Entwicklungen festzuhalten. Als
       Journalistin möchte ich konstruktiv an Themen, auch an das der
       geschlechtsspezifischen Gewalt rangehen. Ich suche nach Lösungen und Blicke
       auf die Errungenschaften der feministischen Bewegung. Doch diese Woche will
       mir das nicht gelingen. Ich finde nichts, an das ich mich klammern kann.
       Ich sehe nur Männer, die schlagen und würgen, die narkotisieren und
       vergewaltigen.
       
       Das Einzige, was uns wirklich helfen würde, wäre es, Männer zu entmachten.
       Das ganze System einmal auf den Kopf zu stellen. Das würde wirklich das
       Leben von Frauen, Queers und Kindern schützen. Doch nicht einmal die
       weniger radikalen Ansätze werden politisch angegangen. Seit Jahren beten
       Expert_innen hoch und runter, wie sich geschlechtsspezifische Gewalt
       eindämmen ließe (mehr Opferschutz und Prävention).
       
       Doch ich glaube nicht mehr daran, dass es einen politischen Willen gibt,
       das wirklich umzusetzen. Eine Regierung nach der anderen hat gezeigt, wie
       wenig ihnen das Leben der Frauen wert ist.
       
       Die [3][französische Philosophin Manon Garcia] hat den Prozess um das
       Verbrechen an Gisèle Pelicot beobachtet. Pelicots Ehemann hat sie jahrelang
       unter Drogen versetzt und sie dann von 70 Männern vergewaltigen lassen.
       Auch hier offenbarte sich ein patriarchales Netzwerk, nur weniger elitär
       als im Fall Epstein. Auch hier wurde eine Frau entmenschlicht und lediglich
       als ein zu vergewaltigender Körper angesehen.
       
       Nach dem Prozess, nach wochenlangen Verhandlungen, Zeugenaussagen und
       Videos der Vergewaltigung fragt Garcia sich, wie sie jetzt einfach in ihr
       Eheleben mit einem Mann zurückgehen soll.
       
       Nachdem ich mich die letzten Wochen durch E-Mails und Fotos klicke,
       Nachrichten lese und Interviews führe, verstehe ich Garcias Verzweiflung.
       Ich frage mich: Wie sollen wir mit Männern eigentlich noch zusammenleben?
       Ich weiß es leider nicht.
       
       15 Feb 2026
       
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