# taz.de -- Zwei Sachbücher zum Männlichkeitsdiskurs: Furcht und Vorurteil
> Die Autorin Nicole List schreibt über „Angst vor Männern“, die
> Journalistin Eva Ladipo wirbt dafür, die Verlustängste und Wut der Männer
> zu ergründen.
(IMG) Bild: „Gerechtigkeit für Gisèle, Gerechtigkeit für alle“ – nicht nur in Frankreich spielt der präsente Frauenhass eine Rolle
Männer, die ihre Partnerinnen betäuben und vergewaltigen. Männer, die
solche Taten filmen und verbreiten oder andere Männer zur Vergewaltigung
„einladen“.
Nicht [1][nur die französische Philosphin Manon Garcia], die den
Pelicot-Prozess beobachtet hat und ein Buch über tiefsitzenden Frauenhass
geschrieben hat, fragt sich, wie das überhaupt noch gehen soll: „Mit
Männern leben“. Nachdem ähnlich gelagerte Fälle derzeit auch die deutsche
Justiz beschäftigen, erkunden vermehrt Autorinnen im deutschsprachigen Raum
einen gesellschaftlichen Zustand, der mit „Unbehagen der Geschlechter“, wie
Judith Butlers Standardwerk einst übersetzt wurde, nur unzureichend
beschrieben scheint.
Ist es nur die geschärfte mediale Aufmerksamkeit, eine wachsende
gesellschaftliche Sensibilität – oder ist der Hass auf Frauen wirklich so
groß, ausgerechnet in Zeiten zunehmender Gleichberechtigung der
Geschlechter – oder vielleicht gerade deshalb?
Wer die Schlagzeilen verfolgt, kann es jedenfalls mit der Angst kriegen:
Die [2][Fallzahlen häuslicher Gewalt schnellen nach oben], ebenso die
[3][Fälle angezeigter Vergewaltigungen]. Man liest beinahe täglich von
Männern, die Frauen sexuell erniedrigen und damit ihre Follower
unterhalten. Von Männern, die Frauen auf dem Nachhauseweg überfallen, in
der eigenen Wohnung zusammenschlagen, quälen oder umbringen.
## Ein persönliches „Archiv der Angst“
Die österreichische Buchhändlerin und Autorin Nicole List hat vieles davon
selbst erlebt: Stalking, sexuelle Übergriffe, Partnerschaftsgewalt. Das
Gefühl einer ständigen latenten Bedrohung hat sie in ihrem Buch „Angst vor
Männern“ auf den Punkt gebracht: „Ich gehe davon aus, dass jeder Mann, den
ich kennenlerne, merkwürdig oder potenziell gefährlich ist“. List führt
ihre Leser:innen durch ihr persönliches „Archiv der Angst“ und
unterstreicht durch zahlreiche Statistiken, dass Männergewalt kein
individuelles, sondern ein strukturelles Problem ist.
Überzeugend bildet sie Gefühle des Ungeschütztseins und der Wut ab, doch
analytisch überzeugt das Buch nicht recht. Differenzierungen bleiben auf
der Strecke, und auch wenn die Autorin wiederholt betont, Männer weder zu
hassen noch alle Männer über einen Kamm zu scheren, bleibt doch dieser
Eindruck hängen: Männer sind Schweine, und Frauen haben zu Recht Angst vor
ihnen.
Zumal List allzu oft bei populären Schlagworten hängen bleibt, wie sie
derzeit auf feministischen Demos zu hören sind: „Not all men, but always a
man“ oder „ni una menos“ („nicht eine weniger“). Sie schreibt: „Ich sehe es
nicht mehr als meine Aufgabe, Männer darüber aufzuklären, wie sich ihr
Verhalten auf andere Menschen auswirkt. Ich sehe es nun als Aufgabe der
Männer, diese Strukturen zu ändern und abzuschaffen, damit andere Menschen,
gerade auch Frauen wie ich, keine Angst mehr haben müssen.“
## Eine Wut, die den Westen von innen zersetzt
Im direkten Widerspruch dazu adressiert List dann doch männliche Leser ganz
direkt („Haben Sie das Kennzeichen eines Taxis fotografiert und verschickt,
bevor Sie einstiegen?“) und fordert sie zu respektvollem und sensiblen
Verhalten auf. So verständlich der Impuls ist, als Betroffene und als Frau
einmal eben nicht zu schweigen oder zu vermitteln, sondern ganz bei sich
und dem eigenen Empfinden zu bleiben: Das Gefühl einer zunehmenden
Polarisierung im Geschlechterdiskurs dürfte sich dadurch eher noch
bestärken.
Das ist genau der Punkt von Eva Ladipo, die in ihrem schmalen Reclam-Band
„Not am Mann“ den Gedanken wagt, dass es Zeit wird, auch die Gefühle und
Ängste von Männern in den Blick zu nehmen. Ladipo beschreibt eine
„neuartige, mächtige (…) Wut, die den Westen von innen zersetzt“, indem sie
eine „hemmungslose, karnevaleske Männlichkeit“ feiert. Die Wurzel dieser
Wut vermutet Ladipo in einer dreifachen Herabwertung, die Männer seit der
Jahrtausendwende erfahren hätten: wirtschaflich, politisch und kulturell.
Männer aus der Arbeiterklasse seien Hauptverlierer der Globalisierung: sie
hätten zunehmend weniger Bildungserfolg als Frauen, seien weniger mobil,
weniger vernetzt und hätten darum kaum noch Aufstiegschancen. Auch
gesellschaftspolitisch hätten sie keinen Rückhalt mehr: Da sich das
progressive Lager vorrangig mit Diskriminierungsfragen befasse, gerate der
weiße Hetero-Mann ins Hintertreffen.
Ladipo sieht diese Männer nicht nur als Opfer einer auf benachteiligte
Minderheiten fokussierten Identitätspolitik; sie sieht sie auch moralisch
im Abseits: Besonders in den Augen kulturell einflussreicher linker
Aktivist:innen seien Männer „im Verlauf weniger Jahre und ohne eigenes
Zutun“ von potentiellen Opfern wirtschaftlicher Ausbeutung zu potenziellen
Tätern geworden: „Frauenfeindlich, rassistisch, homophob, nicht
umweltbewusst, nicht achtsam und ungeschliffen“.
Ohne eigenes Zutun? Das ist eine steile These, wenn man bedenkt, dass es
eben zum allergrößten Teil Heteromänner (wenn auch nicht immer „weiße“)
sind, die Delikte wie Partnerschaftsgewalt, Sexualdelikte und Femizide
begehen. Auch bei anderen schweren Gewalttaten wie Mord und Totschlag sind
die Täter fast immer: Männer. Diese nun pauschal zu Opfern
gesellschaftlicher Diskriminierung zu erklären – folgt das nicht eben
derselben Diskriminierungslogik, die Eva Ladipo auf der Linken anprangert?
Ihr Punkt ist aber ein anderer: Man müsse die Gefühle von Männern
ergründen, um den Irrsinn unserer Zeit, vom Brexit über Trump bis zur AfD,
zu verstehen. Und die Ursachen überwiegend männlicher Wut, die in Form von
imperialer Techbro-Attitüde, rechtsautoritärem Maskulinismus bis zur
frauenhassenden Manosphere enormen Zulauf hat.
## Müssen Frauen bessere Gewinnerinnen werden?
Parteien wie die AfD oder den Rassemblement National bezeichnet Ladipo
darum in erster Linie als Wutparteien: Sie bündelten Frustrations- und
Kränkungsgefühle derer, die sich missachtet, ungesehen und verlassen
fühlten. Weil sie mit einfachen Tätigkeiten nicht mehr in der Lage sind,
eine Familie zu ernähren. Weil ihre Jobs wegfallen. Weil sie in sterbenden
Landstrichen festhängen: Ladipo verweist auf [4][ländliche Regionen in
Ostdeutschland, in denen ein dramatischer Männerüberschuss herrscht], weil
die mobileren, gut ausgebildeten Frauen weggezogen sind – und auf die
Tatsache, dass Frauen in westlichen Gesellschaften immer öfter auf feste
Partnerschaften und Kinder verzichteten.
Den Übriggebliebenen verschaffen Fantasien von der glanzvollen Rückkehr
traditioneller Männlichkeitsbilder zumindest etwas Linderung – obwohl
Eckdaten gesellschaftlicher Entwicklungen auf das Gegenteil hinweisen:
Ladipo führt OECD-Zahlen an, wonach junge Frauen in Schulen und
Universitäten ihre männlichen Mitschüler und Kommilitonen in den Schatten
stellten, selbst in den Naturwissenschaften gebe es mehr erfolgreiche
Absolventinnen als Absolventen. Schon jetzt seien in Großbritannien junge
Frauen seltener arbeitslos, gingen öfter beruflich ins Ausland und
verdienten mehr als Männer – das wahre Ausmaß der weiblichen Eroberung der
Welt werde erst in ein paar Jahren sichtbar.
Warum, fragt sich Ladipo, werden Mädchen in den Schulen dann noch immer
besonders gefördert, etwa darin, in die Naturwissenschaften zu gehen – wo
aber blieben Programme, mit denen Jungen ermuntert würden, sich mit
Ballett, Literatur oder Fremdsprachen zu befassen?
Man kann Eva Ladipos Diagnose der Benachteiligung von Jungs übertrieben
finden: Was hindert sie schließlich daran, sich für gute Noten
anzustrengen, ein Auslandsjahr zu machen, ihr Studium zu beenden?
## Männer brauchen neue Angebote
Aber mit ihrem ökonomischen Fokus berührt die Autorin einen wichtigen
Punkt, der in der gegenwärtigen Geschlechterdebatte allzu oft ausgeblendet
wird: Wenn die alten Rollenangebote für Männer, die auf ökonomischem und
Fortpflanzungserfolg beruhen, am Ende sind, dann braucht es dringend neue
Angebote.
Die geschichtlich beispiellose Freiheit und Unabhängigkeit von Frauen ist
eine Errungenschaft, von der auch viele Männer profitieren. Doch wäre es
auch an der Zeit, anzuerkennen, dass diese Freiheit auch Verlierer
produziert. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass sich Studien zufolge
die Suizidzahlen unter jungen, einkommensschwächeren Männern in den
vergangenen 30 Jahren vervielfacht hat.
Müssen Frauen also bessere Gewinnerinnen werden, wie Eva Ladipo fordert?
Vielleicht müssen Männer aber auch verstehen, dass sie nicht länger von
Geburt wegen einen privilegierten Platz in der Gesellschaft verdient haben,
und lernen, die zunehmend fragile Männlichkeit auch als Chance zu
begreifen. Auf alle Fälle lohnt es sich, im Blick zu behalten, dass das
Zusammenleben in einer Gesellschaft nur gelingen kann, wenn die Interessen
aller berücksichtigt werden – ganz gleich, welchen Geschlechts.
12 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Nina Apin
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