# taz.de -- Cem Özdemir: „Schwampel? Dafür ist mir Baden-Württemberg zu schade“
> Der grüne Spitzenkandidat in Baden-Württemberg Cem Özdemir über Palmer,
> seinen Geburtstagsgast, Einwanderung und Aufstiegschancen im Südwesten.
(IMG) Bild: Hat seit seinem 60. im Dezember ein bisschen mehr Street Credibility: Cem Özdemir in der Geschäftsstelle der Grünen in Stuttgart
taz: Herr Özdemir, Boris Palmer hat Sie am vorigen Wochenende verheiratet,
den Rapper Haftbefehl hatten Sie als Geburtstagsgast zu Ihrem 60. Wer von
beiden schafft’s eher in Ihr Kabinett?
Cem Özdemir: (lacht) Die große Bühne lieben auf jeden Fall beide. Aber ich
glaube, Haftbefehl hat andere Pläne, und ansonsten gilt: Das Fell des Bären
wird erst verteilt, wenn der Bär erlegt ist.
taz: Wie kam Aykut Anhan aka Haftbefehl auf Ihre Party?
Özdemir: Wir haben einen gemeinsamen Bekannten. Meine Kinder haben mir die
Netflix-Dokumentation gezeigt, das hat mich neugierig gemacht und ich hab
ihn eingeladen. Mich interessieren Leute, die jetzt nicht unbedingt den
geraden Weg im Leben hatten. Das passt ja auch ein bisschen zu meiner
Biografie. Mir wurde jetzt auch nicht in der Wiege gesungen, mal als
Ministerpräsident zur Wahl zu stehen.
taz: Stichwort Aufstiegschancen. Baden-Württemberg liegt auch nach 15
Jahren grüner Regierung in der Durchlässigkeit von Bildung hinten. Was muss
passieren, damit ein Kind mit Ihrer Herkunft in den Schulen von
Baden-Württemberg eine Chance hat?
Özdemir: Wir müssen den vollen Fokus auf die frühe Bildung legen. Gut, dass
unsere jetzige Bildungsministerin, Theresa Schopper von den Grünen, die
Sprachstandsmessung eingeführt hat. Ich sage ganz offen, das hätte gerne
früher passieren können. Sprachdefizite gibt es ja nicht nur bei
migrantischen Familien, sondern leider auch bei Familien mit Deutsch als
Herkunftssprache. Das ist ein Alarmsignal. Ich will das letzte Kita-Jahr
verpflichtend machen. Das ist eine Art Ausdehnung der Schulpflicht, deshalb
muss es auch gebührenfrei sein. Aber es braucht auch qualitativ gute
Ganztages-Grundschulen, Budgets für Schulen, damit sie vor Ort flexibel auf
Bedarfe reagieren können, und ein Fangnetz für die steigende Zahl an
Schulabbrechern.
taz: Sie stehen für gnadenlose grüne Mittepolitik. Lassen Sie da links
nicht entscheidende Prozentpunkte liegen, die der Linkspartei ins Parlament
helfen und Ihnen dann zum Regierungschef fehlen?
Özdemir: Gnadenlos sind wohl eher die Verhältnisse, in denen viele Kinder
noch immer großwerden müssen. Als Kind aus einer migrantischen
Arbeiterfamilie weiß ich, was es heißt, mit 1,60 Mark fürs Mittagessen
auskommen zu müssen. Und ich habe sehr bewusst gegenüber der grün-schwarzen
Koalition Druck gemacht bei der Mietpreisbremse: Die CDU will Unistädte wie
Konstanz und Mannheim aus der Mietpreisbremse rausnehmen. Gerade für Azubis
und Studierende ist bezahlbares Wohnen ein zentrales Gerechtigkeitsthema.
Wir laden eh schon zu viel bei den Jungen ab …
taz: Früher hat man Grün mal wegen des Klimaschutzes gewählt. Im Wahlkampf
jetzt scheint das keine Rolle mehr zu spielen.
Özdemir: Einspruch! Baden-Württemberg wird nur mit Klimaschutz
wirtschaftlich stark sein. Die Unternehmen sind neben den Umweltverbänden
oft die letzten Verbündeten bei diesem Thema. Ich treffe keinen einzigen
Unternehmer, der zurück ins fossile Zeitalter will. Bei Green Tech sind wir
führend, da sind viele neue Jobs auch in der Krise entstanden. Aber die
Unternehmer sagen uns auch: Bitte regelt nicht alles im Detail. Und sie
wünschen eine Grundverlässlichkeit in der Politik.
taz: Der Vorwurf ging in der Ampelregierung vor allem an die Grünen.
Verdient?
Özdemir: Schauen wir doch mal hin: Beispiel Wärmepumpe. Da haben wir nicht
alles richtig gemacht. Aber jetzt verdient unser Handwerk gutes Geld damit.
Jetzt stellt ausgerechnet die Bundeswirtschaftsministerin das wieder
infrage. Sie will die Grünen ärgern, aber bestraft in Wirklichkeit das
deutsche Handwerk, niemanden sonst. Übrigens, das Klimaschutzurteil des
Bundesverfassungsgerichts ist nicht als privates Vergnügen für die Grünen
formuliert worden, sondern es verlangt von uns allen, verantwortlich mit
der Schöpfung umzugehen. Diese Bundesregierung betreibt da
Arbeitsverweigerung.
taz: Umgekehrt waren Sie ja dann doch auch dafür, das Verbrenner-Aus wieder
zurückzunehmen. Hängt Baden-Württemberg so sehr am Verbrenner?
Özdemir: Nein, ich habe für mehr Flexibilität geworben und mich an der
Lebenswirklichkeit orientiert. Wenn man einfach die Zuwachszahlen bei
Elektromobilität hochrechnet, dann sieht man ein großes Delta bis 2035. Das
Ausstiegsdatum haben übrigens nicht die Grünen erfunden, sondern eine
CDU-Kommissionspräsidentin mit einer konservativen Kommission, mit einem
überwiegend konservativen Europaparlament, mit einem konservativen Rat.
Aber wie so oft wurden Ziele auf europäischer Ebene ausgerufen und dann ist
man in den Tiefschlaf gefallen. In Baden-Württemberg haben wir zum Teil
eine bessere Ladeinfrastruktur als andere EU-Staaten im gesamten Land. Aber
für den Erfolg braucht es eine europäische Ladeinfrastruktur. Also muss
Brüssel die Hausaufgaben machen: Bauen wir europäische Batterien fürs
E-Auto? Wäre mir nicht bekannt. In Ulm etwa findet herausragende
Batteriezellenforschung statt. Aber alleine schafft das auch ein
Ministerpräsident aus Baden-Württemberg nicht. Die Zukunft gewinnen wir
nicht mit Nostalgie, sondern nur, wenn wir jetzt aufwachen: Wer also will,
dass das Auto der Zukunft in Baden-Württemberg vom Band rollt, muss die
Grünen wählen.
taz: Gilt das auch für innere Sicherheit, das Leib- und Magenthema der
Union? Muss man als Grüner wie Sie die Stadtbild-Debatte des Kanzlers
[1][in einem FAZ-Beitrag] vorwegnehmen, in dem Sie bereits die Ängste Ihrer
Töchter thematisierten?
Özdemir: Da gibt es einem großen Unterschied: Ich nehme für mich in
Anspruch, alle Seiten zu sehen. Ich finde dieses Spiel, die einen kümmern
sich um die Rechtsradikalen, die anderen um migrantische Kriminelle,
einfach perfide. Jeder Mensch, egal welchen Geschlechts, egal wo in
Deutschland, hat zu jedem Zeitpunkt das Recht, sicher zu sein – real wie
auch gefühlt. Sicherheit für alle, das ist übrigens eine alte linke
Forderung. Wenn wir das nicht hinkriegen, brauchen wir uns nicht wundern,
wenn die Menschen am Ende bei der AfD oder bei Frau Wagenknecht landen.
Übrigens die meiste Zustimmung dafür bekomme ich von Menschen mit
Migrationshintergrund, die sich einfach wahnsinnig darüber ärgern, dass
dieses Land es nicht schafft, die wenigen schweren Straftäter außer Landes
zu schaffen oder zu bestrafen, aber gleichzeitig Leute abschiebt, die eine
Ausbildung machen. Nur damit die Innenminister ihre Abschiebezahlen
aufhübschen können. Humanität und Ordnung heißt: irreguläre Migration
begrenzen, aber Fachkräftezuwanderung erleichtern.
taz: Herz und Härte, das sagt auch die CDU.
Özdemir: Sagen vielleicht. Aber es gibt den Fall der syrischstämmigen
Familie hier im Land, in der praktisch jedes männliche Mitglied ein
Familienstrafregister hat, das seinesgleichen sucht. Die
CDU-Justizministerin hat ihnen Geld gegeben, damit sie ausreisen! Auf der
anderen Seite wird aber ein Einserabiturient abgeschoben, weil irgendein
Papier nicht stimmt. Der junge Mann wurde jetzt Gott sei Dank zurückgeholt,
weil es öffentliche Empörung gab. Aber bei mir wäre es genau umgekehrt. Bei
mir hätten Schwerverbrecher, Frauenfeinde, Islamisten, die Menschen
bedrohen, nichts zu lachen. Menschen, die sich an Recht und Gesetz halten,
hier zum Wohlstand beitragen, in die Schule gehen, gehören aber
selbstverständlich zu unserem Land. Egal, wen sie lieben oder wo sie
herkommen.
taz: [2][Innenminister Dobrindt will jetzt ermöglichen], dass Asylbewerber
früher arbeiten können. Ein guter Vorschlag?
Özdemir: Ein Vorschlag, den die Grünen seit Jahren machen. Insofern freut
es mich, wenn sich die Vernunft da durchsetzt. Und ich selbst habe immer
sehr klar gesagt, was meine drei Leitlinien sind: Sprache, Arbeit,
Gesetzestreue. Der Zweck der Einreise muss immer die Erwerbstätigkeit sein.
Nur darf dann nicht am falschen Ende gespart werden und gleichzeitig
Sprach- oder Integrationskurse gekürzt werden.
taz: Die Regierung Kretschmann es nicht geschafft, ein
Antidiskriminierungsgesetz zu beschließen. Wie geht’s damit weiter?
Özdemir: Unser Grundgesetz gilt für alle. Für mich ist klar, in unserer
Gesellschaft darf nicht Aussehen oder Nachname darüber entscheiden, ob man
einen Mietvertrag bekommt. Homosexuelle Paare dürfen selber entscheiden, ob
und wie sie heiraten. Ich will nicht, dass die Herkunft darüber entscheiden
kann, welche Chancen ein Kind später mal in der Schule hat. Aber es muss
halt praktikabel sein, so etwas gesetzlich zu regeln. Einfach und
bürokratiearm, damit es für Bürger und Beamte gut handelbar sind.
taz: Auch mit der Datensicherheit hat es die grün-schwarze Landesregierung
nicht so genau genommen. Hätten Sie Palantir, die Software des
US-Tech-Unternehmers Peter Thiel, angekauft?
Özdemir: Ich muss mich schon wundern, dass der CDU-Innenminister einfach
mal so einen Vertrag abschließt, aber nicht vorher das Gespräch mit
baden-württembergischen Unternehmen sucht. Darunter übrigens ein sehr
renommiertes Unternehmen aus seinem eigenen Wahlkreis, das ein Cloud-System
entwickelt hat, das das Landeskriminalamt nutzt, damit sicherheitsrelevante
Daten nicht in den USA landen. Wir können mit mutigen Investitionen in
unsere Souveränität, in unsere Verteidigung viel gewinnen. Es war übrigens
mein Kollege von der CDU, der ein flammendes Plädoyer gegen Huawei in
deutschen Netzen hielt, sich aber den Parteitag von Huawei hat sponsern
lassen.
taz: Nach Umfragen geht es bei der Wahl eigentlich nur darum, ob Sie oder
Manuel Hagel in die [3][Villa Reitzenstein] einziehen, koalieren müssen Sie
nach den aktuellen Umfragen ohnehin. Macht das politisch einen Unterschied?
Özdemir: Mein Kollege setzt ja auf eine Schwampel, eine schwarze Ampel. Da
kann ich nur sagen, frohes Verrichten. Die Vorstellung, dass wir jetzt in
Baden-Württemberg in einer Chaos-Koalition landen, wo sich SPD und FDP in
der Bildungs- und Finanzpolitik quasi diametral entgegenstellen: Dafür ist
mir Baden-Württemberg zu schade. Ich will stabile Verhältnisse.
24 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.faz.net/aktuell/politik/thema/cem-oezdemir
(DIR) [2] /CDU-Parteitag/!6156512
(DIR) [3] https://de.wikipedia.org/wiki/Villa_Reitzenstein
## AUTOREN
(DIR) Benno Stieber
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