# taz.de -- Landtagswahl in Baden-Württemberg: Mit Palmer und mit Blaskapelle
       
       > Grüne können doch noch Wahlen gewinnen: Cem Özdemir hat einen
       > zweistelligen Rückstand in einen leichten Vorsprung verwandelt. Und
       > Grenzen ausgetestet.
       
 (IMG) Bild: Cem Özdemir wird wohl die Nachfolge von Winfried Kretschmann antreten. Dahinter Boris Palmer, Ex-Grüner OB von Tübingen
       
       Cem Özdemir geht es ruhig an. Als die erste Hochrechnung am Sonntagabend
       die Grünen knapp vor der CDU zeigt, wird der Spitzenkandidat von den
       Parteifreund:innen in Stuttgart jubelnd empfangen, als zöge er bereits
       in die Staatskanzlei ein. Özdemir lässt den Beifall zu, dämpft aber, man
       sei in Baden-Württemberg immer schon ein „bissle skeptisch.“ Und dennoch
       tritt er kurz nach halb sieben schon auf wie der künftige Ministerpräsident
       – mit einer begütigenden Adresse an CDU, den künftigen Koalitionspartner:
       Das werde eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Triumph schwingt nur an einer
       Stelle mit: „Das war eine fulminante Aufholjagd.“ So war es.
       
       Özdemir hat eine Mission Impossible angetreten – und erfüllt. Es habe nur
       am Kretschmann-Bonus gelegen, dass ein Grüner länger als jeder andere
       Ministerpräsident im Südwesten regiert habe, so hieß es lange Zeit. Noch im
       Herbst lagen die Grünen 14 Prozent hinter der CDU.
       
       Für Özdemir, der als Minister aus der gescheiterten Ampelregierung kommt,
       und seine Grünen ein schier uneinholbarer Rückstand. Özdemir bekommt von
       den Grünen die politische Beinfreiheit, die er verlangt: Vom Verbrenner-Aus
       bis zur Migration testet er die Leidensfähigkeit seiner Partei.
       
       Mit Erfolg: Überall, wo er hinkommt, sind die Säle voll. „Der ist halt ein
       Popstar“, freuen sich die grünen Kommunalpolitiker und beobachten mit
       Stolz, dass sich auch die Gemeinderatskollegen der anderen Fraktionen in
       die Veranstaltung schleichen, weil sie halt mal den Cem sehen wollen.
       
       Während die Grünen im Bund weiterhin bei 14 Prozent liegen, belebt Özdemir
       in seinem Wahlkampf unbeirrt Habecks totgeglaubten Traum von der Grünen
       Volkspartei wieder. Der Pragmatiker zeigt der Partei, wie breit sie sein
       könnte: Er holt den grünen Mitbegründer und ersten Fraktionschef in
       Baden-Württemberg Wolf-Dieter Hasenclever von der FDP zurück, setzt aber
       auch [1][ganz bewusst auf die Parteilinke Ricarda Lang]. Sie ist eine der
       wenigen Bundes-Grünen, die für Özdemir wahlkämpfen darf.
       
       ## „Sein Erfolg, seine Niederlage“
       
       Nach Weihnachten scheint der Özdemir-Zug trotzdem erst mal nicht so richtig
       in Schwung zu kommen. Die letzte Umfrage ist Monate alt, Plakate und
       Kampagne erscheinen manchen Parteimitgliedern allzu staatstragend, das
       grüne Logo muss man mit der Lupe suchen. Langsam scheint auch die
       Geschichte vom Migrantenkind Cem, der ganz an die Spitze will, auserzählt.
       In Berlin sagten Parteifreunde hinter vorgehaltener Hand: „Wenn er gewinnt,
       ist es sein Erfolg, wenn er verliert, seine Niederlage.“
       
       Özdemir hält seinen Kurs und wagt die Provokation, nicht nur für
       Parteilinke: Er resozialisiert Boris Palmer, den Ex-Grünen
       Oberbürgermeister von Tübingen. Er lässt sich von ihm am Valentinstag
       vermählen, und lässt offen, ob er ihn zum Minister machen will. Mit Palmer
       und Blaskapelle macht er jetzt Veranstaltungen, die wie eine CSU-Karikatur
       wirken – nur eben auf Schwäbisch.
       
       Es läuft. Bis Ende Januar die Grünen im Europaparlament das
       Mercosur-Freihandelsabkommen zunächst stoppen, zusammen mit Linken und AfD.
       Da sind sie wieder, die europafreundlichen Grünen, die aber, wenn's drauf
       ankommt, kleinliche Bedenkenträger sind. Die CDU reibt sich die Hände.
       Özdemir nutzt den Vorfall, um klarzumachen, dass er anders ist. Einer, der
       weltpolitische Folgen immer im Blick hat. Trump, die Ukraine und ein
       einiges Europa sind jetzt fester Bestandteil seiner Reden. Nicht alle Ideen
       seiner Parteifreunde seien gut, sagt Özdemir, nicht immer machten sie es
       einem leicht. Mit einem Anflug von Ironie spricht er von den Bundes-Grünen
       als „Schwesterpartei“.
       
       Özdemir ist auch ein Kämpfer, der zur Hochform aufläuft, wenn ihm der Wind
       ins Gesicht bläst. Das ist vielleicht der entscheidende Unterschied zu
       seinem Mitbewerber Manuel Hagel. Hagel und sein Team werden patzig, als
       durch die grüne Bundestagsabgeordnete Zoe Mayer ein acht Jahre altes Video
       von Hagel viral geht, [2][in der der damalige Generalsekretär seiner Partei
       von einem Schulbesuch und den „rehbraunen Augen“ einer 16-Jährigen
       schwärmt.] Eine „Schlammschlacht“ wirft die CDU nun Özdemirs Team vor. Die
       gleiche CDU übrigens, die zwei Jahre vorher nichts dabei fand, dass der
       Aschermittwoch der Grünen in Biberach von gewalttätigen Bauern verhindert
       wurde, bei dem auch Polizisten verletzt wurden. „Das träfe die Richtigen“,
       gab damals der baden-württembergische Landwirtschaftsminister Hauk seinen
       Kabinettskollegen eine mit.
       
       ## Alter Hase gegen Newcomer
       
       Während dieser Bauernproteste 2024 hatte Özdemirs Wahlkampf in
       Baden-Württemberg eigentlich schon begonnen. Im Winter stellte er sich
       stundenlang auf Traktoranhänger und ließ sich für Entscheidungen, die die
       Ampelregierung über seinen Ministerkopf hinweg gefällt hatte, ausbuhen. Er
       hielt flammende Reden und wurde von den Bauern am Ende mit zumindest
       anerkennendem Applaus verabschiedet. „Da steht einer hin“, sagen sie im
       Südwesten, wenn jemand bereit ist, auch die Kloppe einzustecken. Auch
       deshalb konnte das negative Image des „Ampelministers“ nicht mehr recht
       verfangen.
       
       Alter Hase gegen Newcomer, damit hat Kretschmann die CDU zweimal
       geschlagen. Aber Özdemirs Wahlkampf hat eine andere Intonation als der des
       Gymnasiallehrers Kretschmann. Özdemir verbindet die Forderungen nach einem
       letzten kostenlosen Kita-Jahr mit seinen frustrierenden Erlebnissen als
       Gastarbeiterkind. Er wisse, wie es ist, wenn man die Prognose hat „nie
       richtig Deutsch zu lernen“.
       
       Er sagt als Migrantenkind aber auch für Grüne harte Sätze zur Migration und
       kritisiert das CDU-Justizministerium demonstrativ von rechts. Sie hätten
       einem kriminellen Familienclan Geld dafür bezahlt, das Land zu verlassen,
       und gleichzeitig Asylbewerber mit Einser-Abitur abgeschoben. „Bei mir
       dürfte der Abiturient bleiben und die Familie würde abgeschoben“, so
       Özdemir.
       
       Der Februar bringt im grünen Wahlkampf die Wende. In der gleichen Woche, in
       der Hagel durch das „Rehaugen“-Video bundesweit bekannt wird, kommen neue
       Umfragen. Die Grünen verkürzen den Abstand auf zwei Prozent und das, obwohl
       die CDU kaum verliert.
       
       Die letzten Wahltermine werden ein kleiner Triumphzug. In Mosbach am
       nordöstlichen Zipfel von Baden-Württemberg steht Özdemir Anfang März vor
       der Kneipe „Tante Gerda“. Über 500 Mosbacher sind gekommen: Studenten der
       dualen Hochschule, Schüler:innen, Rentner. Auf den Balkonen gegenüber haben
       sie die Handys gezückt, auf dem Stromkasten stehen sie, um ihn besser sehen
       zu können. Özdemir lobt die Provinz, die hier überall Weltklasseprodukte
       abliefere, und wird dafür bejubelt, er zitiert den Heidelberger Gelehrten
       Gadamer. Da herrscht für einen Moment nachdenkliche Stille. Man merkt, da
       nimmt einer die Leute mit.
       
       Kann er auch regieren? In einem Land, das gerade einen dramatischen
       Strukturwandel erlebt? Und das mit einer verwundeten CDU? Das wird die
       nächste Prüfung des Cem Özdemir.
       
       8 Mar 2026
       
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