# taz.de -- Politischer Aschermittwoch der Grünen: Kaum Polemik in Biberach
> Die Grünen nutzen ihren politischen Aschermittwoch in Baden-Württemberg
> zur Selbstkritik. Joschka Fischer warnt vor „verrückten“
> Nachwuchs-Grünen.
(IMG) Bild: Zu lang geratene Bewerbungsrede: Spitzenkandidat Cem Özdemir und seine Frau Flavia beim Grünen-Aschermittwoch in Biberach
Irgendwie haben die Grünen das Prinzip des politischen Aschermittwochs noch
immer nicht verstanden. Während sie in Passau politische Gegner abwatschen,
steht Cem Özdemir, der in drei Wochen Ministerpräsident von
Baden-Württemberg werden will, in Biberach auf der Bühne und übt
Selbstkritik: „Statistiken helfen nicht gegen das Gefühl der Angst.“
Die Grünen sollten sich selbstkritisch fragen, ob sie Wählern, die jetzt
bei der AfD gelandet sind, tatsächlich ein offenes Ohr geschenkt hätten.
„Belehrungen helfen da nicht weiter“, wolle man Wähler der Marionetten
Putins und Trumps zurückholen. Dafür gibt es von den 1.200 Zuhörern
Applaus, aber in die Hauptnachrichten schaffen es an diesem Tag garantiert
andere.
Biberach in Oberschwaben ist CDU-Homeland. Genau dahin haben die Grünen vor
30 Jahren ihren Aschermittwoch gelegt. Vor zwei Jahren verhinderten Rechte
und aufgewiegelte Landwirte, dass Ricarda Lang und Winfried Kretschmann in
die Halle gelangen konnten. Es war die Hochzeit der Wärmepumpen-Debatte und
des Habeck-Bashings.
Auch der jetzige Spitzenkandidat im Land, Cem Özdemir, stand als
Landwirtschaftsminister massiv unter Beschuss. Biberach ist vielleicht ein
bisschen ein Gradmesser, wie die Grünen im rechtsbürgerlichen Milieu
gesehen werden.
## Veranstaltung unter Polizeischutz
Polizei und Saalschutz haben zwar vorgesorgt, auch weil jüngst in Metzingen
ein mutmaßlicher Brandanschlag auf eine Wahlveranstaltung Özdemirs
verhindert werden konnte. Aber diesmal gibt es keine Gegendemonstrationen.
Nur ein einzelner älterer Mann hält den Grünen vor der Halle lautstark den
„Abschied vom Pazifismus“ vor.
Vielleicht ist die schlimmste Zeit des Grünen-Bashings vorbei, vermuten
auch grüne Wahlkämpfer, die feststellen, dass sie auf Markplätzen – anders
als im Bundestagswahlkampf – nicht mehr angebrüllt werden. Doch die
Ausgangslage der Partei ist noch immer nicht besonders. In Berlin sitzt die
Partei inzwischen in der Opposition, in den Wahl-Umfragen in
Baden-Württemberg liegt sie hinter der CDU. Da ist dann
Selbstvergewisserung und auch Eigenlob angesagt. Und so loben erstmal
unisono alle den scheidenden ersten grünen Ministerpräsidenten Winfried
Kretschmann und empfehlen Cem Özdemir als seinen Nachfolger.
Ex-Außenminister Joschka Fischer reklamiert das politische Erbe
Kretschmanns gegen die „Erbschleicherei der CDU“ für die Grünen. Denn es
war der [1][CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel], der sagte, bei ihm sei
Kretschmanns Erbe in guten Händen.
Die Grünen seien manchmal zwar ein schwieriger Verein, grantelt Fischer,
„mit verrückten Ideen und verrückten Nachwuchspolitikern“. Aber ob
Klimaschutz, Gleichstellung der Geschlechter und Krieg und Frieden: Bei den
entscheidenden Fragen sei seine Partei immer auf der richtigen Seite, sagt
Fischer, um dann als bekennender Pessimist noch ein düsteres Bild der
ohnehin düsteren Weltlage zu zeichnen.
## Lang: „Merz ist der Kanzler seiner eigenen Vorurteile“
Ricarda Lang im tannengrünen Kleid hellt die Veranstaltung dann wieder auf
mit der Vision einer grünen Politik, die sich für „die Freiheit der vielen“
gegen die Freiheit der Tech-Milliardäre einsetzt. Die [2][ehemalige
Bundesvorsitzende der Grünen] wagt zudem ein bisschen
Aschermittwochs-Polemik. Das Problem am Kanzler sei nicht, dass er „sagt,
was er denkt, sondern dass er denkt, was er denkt“. „Merz ist der Kanzler
seiner eigenen Vorurteile“, sagt Lang und wird bejubelt.
Etwas undankbar am Schluss hält Spitzenkandidat Özdemir schließlich eine zu
lang geratenen Bewerbungsrede. Da ist das meiste schon gesagt. Winfried
Kretschmann hatte sich sogar schon dessen Gegenkandidaten Manuel Hagel
vorgenommen: „Der produziert nur Überschriften, aber fürs Regieren braucht
es auch Text“, hatte Kretschmann geätzt. So bleibt Özdemir nur, wenig
zünftig für einen Aschermittwoch daran zu erinnern, dass man sich nach
Wahlen auch dem „politischen Mitbewerber in die Augen schauen müsse und
danach seine Worte wählen sollte“.
Der Mitbewerber – oder besser: seine CDU – liegt trotz diagnostizierter
Überschriftpolitik [3][in den Umfragen um sechs bis acht Prozentpunkte
vorn]. Mitglieder in der Stadthalle von Biberach üben sich beim
Aschermittwoch in vorsichtigem Optimismus, dass es am Wahlabend in
zweieinhalb Wochen noch zu einem Fotofinish zwischen Grün und Schwarz
kommen könnte.
Joschka Fischer, der in Schwaben aufgewachsen ist und zugibt, den Sieg
Kretschmanns 2011 nicht für möglich gehalten zu haben, erinnert sich, dass
er erst daran geglaubt hat, als ihm seine ältere Schwester, die fest im
schwäbischen CDU-Milieu verankert war, sagte: „Mir wählt alle den
Kretschmann.“ Fischer muss diesmal wie alle anderen bis zum Wahlabend
warten – ohne familiären Wink vorab: Seine Schwester ist inzwischen
verstorben.
18 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Benno Stieber
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