# taz.de -- Linkspartei in Baden-Württemberg: The Länd sieht rot
       
       > Erstmals könnte die Linke in den Landtag von Baden-Württemberg einziehen.
       > Progressive im Südwesten haben kaum eine Alternative.
       
 (IMG) Bild: Das Spitzentrio zur Landtagswahl in Baden-Württemberg 2026: Mersedeh Ghazaei (l-r), Kim Sophie Bohnen und Amelie Vollmer
       
       Vor der Bundestagswahl 2025 noch totgesagt, ist die Linkspartei derzeit im
       Höhenflug. Zum Anfang dieses Jahres zählt sie rund 123.000 Mitglieder,
       doppelt so viele wie ein Jahr zuvor. Die Neuen waren mal bei den Grünen
       oder mal bei der SPD, manche kommen sogar aus dem linksautonomen Spektrum.
       Wiederum andere haben zuvor mit linker Politik und Theorie ziemlich wenig
       am Hut gehabt. Einen Nachteil hat das gewiss auch: Diese bunte Truppe
       beisammen zu halten und auf Linie zu bringen, dürfte einigen in der
       Parteispitze gerade ziemliches Kopfzerbrechen bereiten.
       
       Nun steht aber erstmal anderes an. Fünf Landesparlamente werden dieses Jahr
       neu gewählt, die Linke will an den Erfolg der Bundestagswahl anknüpfen.
       [1][Den Beginn macht die Landtagswahl in Baden-Württemberg. Am 8. März,]
       der auch der Internationale Frauentag ist, könnte den Linken ein Coup
       gelingen: Bislang haben sie es noch nie in den Stuttgarter Landtag
       geschafft, nun sehen die letzten Umfragen die Sozialist*innen stabil
       bei sieben Prozent.
       
       [2][Linke-Stars wie Heidi Reichinnek], Fraktionschefin im Bundestag, werden
       bei diesem Erfolg, sofern er sich verwirklicht, von großer Bedeutung
       gewesen sein. Nicht umsonst tourt die Parteiprominenz – neben Reichinnek
       auch die beiden Parteichefs Jan van Aken und Ines Schwerdtner – in den
       Wochen vor der Wahl durch Schwaben und Baden. Am höchsten ist das
       Wählerpotential beim linken-typischen Milieu: jung, vorwiegend weiblich,
       akademisch. Passend tritt die Linke mit drei Frauen unter 30 Jahren als
       „Spitzentrio“ an, die einzigen Frontfrauen überhaupt bei dieser Wahl.
       
       Abseits von den bundesweit zutreffenden Gründen lässt sich der gestiegene
       Zuspruch mit dem sonstigen politischen Angebot in Baden-Württemberg
       erklären. Die soziale Schieflage im Land, der Stellenabbau in der
       Automobilbranche und die hohen Mieten in Städten wie Stuttgart, Heidelberg
       und Freiburg sind zentrale Themen der Linken. Als Stimme für soziale
       Gerechtigkeit und eine alternative Politik wirkt sie authentisch: Ihre
       Abgeordneten werden die Mandatszeit auf zwei Legislaturperioden begrenzen
       und die Diäten deckeln. Mit Sozialsprechstunden, Heizkostenchecks und
       Haustürwahlkampf sind sie nah an den Problemen der Bürger*innen.
       
       Konkurrenz haben sie im linken Lager damit eigentlich kaum. Seit 15 Jahren
       stellen die Grünen mit Winfried Kretschmann den Ministerpräsidenten. Er mag
       zwar einen großen Teil der bürgerlichen Gesellschaft zu ihrer Zufriedenheit
       vertreten haben. Aber die progressive Wählerschaft dürfte damit hadern, mit
       ihrer Stimme erneut den Grünen einen Regierungsauftrag zu erteilen. Nun
       eben mit Cem Özdemir statt Kretschmann an der Spitze.
       
       Der grüne Anwärter auf das höchste Landesamt ist es selbst, der in den
       vergangenen Wochen die Sonderrolle seines vom Realo-Flügel dominierten
       Landesverbandes betont hat: Dieser sei sowas wie die „CSU der Grünen“, der
       einen unabhängigen Kurs auch „gegen Widerstände in der Partei“ fährt, sagte
       er [3][der Süddeutschen Zeitung im Interview]. An anderer Stelle hebt er
       stolz hervor, dass seine Grünen schon Kontakt zu Wirtschaftsverbänden
       gesucht haben, bevor das bei den Bundesgrünen überhaupt denkbar gewesen
       wäre.
       
       ## Özdemir und Merz
       
       Der wirtschaftsnahe Kurs schreckt eine linke Wählerschaft ab. „S'Hemd
       schwitzt net alloi“, gibt der gebürtige Schwabe und Sohn türkischer
       Einwanderer wiederholt zum Besten. Alle müssen anpacken, soll das heißen.
       Dabei klingt er, als könnte er sich ziemlich gut mit CDU-Kanzler Friedrich
       Merz verstehen. Auch einen Feiertag wäre Özdemir für die Wirtschaft zu
       opfern bereit. Zugunsten der Autoindustrie geben sich er und Kretschmann
       auch beim EU-weiten Verbrenner-Aus bis 2035 flexibel. Nicht einmal
       Anzeichen von Bauchschmerzen, die Bundesgrüne noch zu Ampel-Zeiten bei
       Kompromissen zum Ausdruck brachten, sind dabei zu vernehmen. Zum anderen
       hat sich gezeigt, wie ökologische Kernpositionen der Partei angesichts
       realpolitischer Verantwortung erodieren.
       
       Die grüne Umweltministerin Thekla Walker glänzte nicht gerade beim Skandal
       um ein Treibhausgasleck bei einem Chemiekonzern im Kreis Heilbronn. Bereits
       Anfang 2024 wurde sie darüber informiert, dass Tonnen an
       Schwefelhexafluorid seit geraumer Zeit in die Atmosphäre strömen. Die
       Öffentlichkeit erfuhr erst im vergangenen Dezember davon. Und mehr als
       einmal klagte die Deutsche Umwelthilfe gegen die baden-württembergische
       Landesregierung, weil diese sich nicht an ihr eigenes Klimaschutzgesetz
       hielt.
       
       Natürlich trat vor allem die Koalitionspartnerin CDU in Sachen Klimaschutz
       auf die Bremse. Doch stets war es die Kretschmann-Partei, die in den
       vergangenen zehn Jahren des gemeinsamen Regierens bemüht war um Harmonie.
       Nie stellten sich die Grünen auf die Hinterbeine. Nicht, als ein
       CDU-Staatssekretär eigenmächtig einen Vertrag zur Einführung der
       Palantir-Software bei der Polizei unterzeichnete. Auch nicht, als
       CDU-Bauministerin Nicole Razavi die Städte Konstanz und Mannheim aus der
       Mietpreisbremse ausnahm. Das alles dürfte zwar einigen in der
       Grünen-Fraktion nicht gefallen haben, Widerstand war aber nicht laut zu
       vernehmen.
       
       Eine Koalition jenseits von Schwarz-Grün scheint derzeit ausgeschlossen,
       die [4][CDU liegt in den Umfragen vorne]. Wer angesichts der grünen
       Zahnlosigkeit enttäuscht ist, hält Ausschau nach Alternativen. Die SPD
       wirkt blass und muss mit ihrem historisch schlechtesten Ergebnis rechnen.
       Ihr Spitzenkandidat Andreas Stoch hat sich zudem ins Abseits gestellt mit
       der Ansage, unbedingt regieren zu wollen – zur Not auch mit der FDP und
       CDU. Eine klima- und sozialpolitische Wende wäre in dieser Konstellation
       nicht zu erwarten.
       
       Die Linke hat den Vorzug, keinen Anspruch auf irgendwas zu erheben, außer
       eine laute Opposition zu sein. Einen kostenlosen Nahverkehr und einen
       kostenlosen Bildungsweg von der Kita bis zur Uni sowie ihre Ideen für die
       Entlastung auf dem angespannten Wohnungsmarkt werden sie damit nicht
       umsetzen. Aber sie können die politische Agenda mitbestimmen und damit auch
       die Grünen zwingen, sich ein sozialeres Profil zuzulegen. Kurzum:
       Veränderungen bewirken, ohne mitzuregieren.
       
       24 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Korbinian Strohhuber
       
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