# taz.de -- Grüne in Baden-Württemberg: Die neuen Konservativen
       
       > Sind Kretschmann und sein möglicher Amtsnachfolger Özdemir gar keine
       > „richtigen Grünen“? Eine Bestandsaufnahme vor der Wahl in
       > Baden-Württemberg.
       
 (IMG) Bild: Es muss sich ja kein Grüner konservativ nennen, wenn ihm davon übel wird
       
       Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann und sein
       potenzieller Nachfolger Cem Özdemir seien ja „gar keine richtigen Grünen“,
       wird gern gesagt. Und zwar sowohl von links wie von rechts. Für klassische
       Grüne oder Linke bedeutet das: Die sind schlechter oder noch schlechter als
       Grün. Für klassische Konservative und Liberale meint das: Die sind besser
       oder viel besser als Grün. Wobei Letztere das so selbstverständlich nicht
       stehen lassen können und deshalb eine Geschichte vom trojanischen Pferd
       adaptieren.
       
       Tenor: Die schieben zwar Kretschmann oder Özdemir rein, und ihr denkt, die
       seien ganz okay. Aber im Dunkeln krabbeln die richtigen Grünen raus, und
       dann wird eben doch vorgeschrieben, verboten, enteignet und gegendert, dass
       die Schwarte kracht. Linke und linke Grüne irritiert derweil immer noch die
       Mehrheitsfähigkeit in Baden-Württemberg. Eine Mehrheit hinter sich haben?
       Das kann ja nichts sein!
       
       Die Grundrichtung beider Seiten ist rückwärtsgewandt, beide wollen, dass
       die Grünen gefälligst wieder die Nischenrolle zu spielen haben, die sie in
       der guten alten Zeit vor Kretschmann, Habeck und Özdemir innehatten. Hier
       trutzige „linke“ Nonkonformisten im Kampf gegen Rassisten, Faschisten und
       manchmal auch noch Polizisten, dort gefährliche „linke“ Bürgerschrecks, die
       Deutschland ruinieren wollen. Bayerns CSU-Ministerpräsident Markus Söder
       hat für Letzteres das Vulgär-Drehbuch entwickelt und zieht das eisenhart
       und im Moment sehr erfolgreich durch.
       
       Jetzt ist es so, dass sämtliche klassischen Parteien im 21. Jahrhundert
       nicht mehr oder nicht mehr richtig funktionieren. Das liegt daran, dass die
       Welt sich verändert hat, der historisch verdienstvolle Fossilismus zerstört
       inzwischen die planetarischen Lebensgrundlagen, die geopolitische Situation
       ist eine völlig andere, die globalisierte Wirtschaft sortiert Macht und
       Wohlstand neu.
       
       ## Neuformation jenseits der alten Rolle
       
       In dieser Situation ist eine Partei als alternative
       Anti-Establishment-Partei durchgestartet, und [1][das ist die AfD]. Ihre
       Geschäftsbasis ist das Verstärken von Misstrauen gegen die Bundesrepublik
       und ihre Institutionen. Eine zweite, das BSW, findet derzeit mäßigen
       Anklang, während eine mildere Form des Misstrauens gegen „Eliten“ wieder im
       Aufschwung ist in Form der Wagenknecht-befreiten Linkspartei. Die SPD ist
       seit und von ihrer Arbeitsmarktreformpolitik in den frühen Nullerjahren
       gelähmt, die FDP wurde von Christian Lindner erst wiederbelebt und dann
       gekillt, und die Union hin- und hergerissen zwischen ihrem
       sozial-katholischen Erbe und der rechtspopulistischen Versuchung.
       
       Und dann gibt es eine Partei, die in Teilen versucht hat, sich jenseits der
       alten Rolle wirklich neu zu formatieren: die Grünen. [2][Robert Habeck] hat
       sie ab 2018 zur Bündnispartei der vielfältigen Allianzen entwickelt.
       Zumindest rhetorisch und programmatisch. Weg vom alten Denken, raus aus der
       Unterwerfung gegenüber der SPD, ins Zentrum der Gesellschaft. Habeck nannte
       das „linke Mitte“. Regierungs-, Gestaltungs-, Führungsanspruch waren nun
       ein selbstverständliches Programm, das allerdings kulturell nicht so
       „normal“ war wie bei Union und SPD.
       
       Ein paar Jahre sah es dennoch aus, als begrüße die Mehrheitsgesellschaft
       die Entwicklung. War nicht so. Erst Baerbock, dann Habeck traten als
       Kanzlerkandidaten an, beide scheiterten krachend. Vieles spielte da eine
       Rolle, am Ende führte die mediengesellschaftliche Bewertung der
       Reformpolitik des Wirtschaftsministers Habeck dazu, dass die konservative
       Mitte ihn nicht mehr als Mitte sah und Teile der linken Mitte ihn nicht
       mehr als links.
       
       Seither sind die Grünen verständlicherweise ratlos und ähnlich wie die CDU
       hin- und hergerissen, in ihrem Fall meint das auf dem nicht mehr
       erfolgreichen Habeck-Kurs der „linken Mitte“ zu bleiben (ohne das so zu
       nennen) oder ihrer Versuchung nachzugeben und Double der Linkspartei zu
       werden. Weder mit dem einen und schon gar nicht mit dem anderen kann man
       eine Wahl gewinnen.
       
       ## Nach Kretschmanns Vorbild
       
       Das bedeutet, dass es [3][Cem Özdemir] notwendigerweise anders angehen
       muss, um die Landtagswahl am 8. März zu gewinnen und Ministerpräsident von
       Baden-Württemberg zu werden. Nur das kann das Ziel sein, da [4][Winfried
       Kretschmann] die letzten beiden Wahlen für die Grünen klar vor der CDU
       gewonnen hat, zuletzt mit 32,6 Prozent. Weil Kretschmann die SPD Richtung 5
       Prozent geschrumpft hat, ist da kaum noch was zu holen. Das heißt, wenn er
       gewinnen will, muss er der CDU Wähler abwerben.
       
       Das Interesse an Özdemir ist enorm, die Hallen sind voll, sein
       Social-Media-Auftritt ziemlich professionell. Aber das war bei Habeck im
       vergangenen Jahr auch so. Der Unterschied ist, dass Habeck die Grünen
       durchsetzen wollte oder musste. Özdemir spricht von den Grünen, wenn
       überhaupt, als „Schwesterpartei“ der Baden-Württemberg-Grünen. Das ist für
       manche in der Bundespartei sicher hart, in der Landespartei auch, aber es
       folgt einer Logik, die sich aus dem antigrünen Zeitgeist ergibt und der
       15-jährigen Ära als führende Regierungspartei.
       
       Entscheidend für den Erfolg ist Winfried Kretschmann und seine Fähigkeit,
       im überwiegenden Teil der Gesellschaft Vertrauen zu genießen, persönlich
       und politisch. Und er hat ihn stets strategisch gesichert. Das liegt zum
       einen an seiner Persönlichkeit und auch seinen Gebräuchen, von
       [5][Froschkuttelnessen] bis Homers „Ilias“ im Original lesen, die eine
       regionale und eine universale Identität kongenial verbinden. Zum anderen
       aber liegt es an der politisch-kulturellen Programmatik.
       
       Kretschmann, persönlich ein echter Hardcore-Öko, hat die Grünen zur Partei
       des neuen Konservatismus gemacht, er verkörpert die ökoprogressive
       Notwendigkeit und die „konservativen Bezugsprobleme“ (Armin Nassehi) der
       meisten Leute, also sich in Zeiten der Veränderung sicher und zu Hause
       fühlen zu wollen. Cem Özdemir isst zwar keine Froschkutteln und zitiert
       auch nicht oder selten Sokrates und Platon, kann aber schon als politischer
       Epigone Kretschmanns durchgehen.
       
       ## Zwei Interpretationen von „konservativ“
       
       In Berlin höhnen gerade auch Grüne gern, „die Schwaben“ (eine unangemessene
       Reduzierung der baden-württembergischen Stammesvielfalt) seien halt
       „konservativer“ als die Leute in anderen Bundesländern. Meine These lautet,
       dass dieses Bürgertum eben nicht einfach „konservativ“ ist im abwertend
       gemeinten Sinne, sondern in den Kretschmann-Jahren dessen „[6][neue Idee
       des Konservativen]“ als politische Identität für sich gefunden hat. Auch
       wenn das soziologisch schwer zu fassen sein dürfte, könnte es sein, dass
       ein relevanter Teil eine grün-schwarze Kultur entwickelt hat, die eben
       nicht hinterwäldlerisch ist, sondern weiter vorn als klassischer
       Sozialdemokratismus oder klassischer CDU-Konservatismus.
       
       CDU-Kandidat Manuel Hagel betont die Familie mit traditionellen
       Rollenbildern, „Gottvertrauen“, „Ehrfurcht vor der Schöpfung“, „Demut“, was
       man eben so in den 1980ern unter konservativ verstand. Das ist ja alles gut
       und schön, nur haben die Leute den Eindruck, es sei – anders als bei
       Kretschmann – eine Rolle und nicht mal wirklich gut gespielt.
       „Phrasen-Hagel“ nennt man ihn in seinem Wohnort Ehingen. Wirtschaftlich
       will er allerdings „modern“ sein, was sich politisch in der Befürwortung
       des [7][Verbrennungsmotors] ausdrückt.
       
       Nun müssen sich CDU-Regierende in der Regel nicht fragen lassen, was sie
       eigentlich christdemokratisch vorangebracht haben, es reicht völlig, dass
       sie vor sich hin regieren. Die CDU Baden-Württemberg wurde indes nach 58
       Jahren 2011 abgewählt, weil auch Teile des konservativen Bürgertums den
       Eindruck hatten: Die bringen es nicht mehr. Das autoritäre Patriarchat und
       ein leerlaufender Fortschrittsgedanke waren mit [8][Stefan Mappus] und
       Stuttgart 21 überreizt worden.
       
       Seit 2016 darf die CDU als Junior Kretschmanns wieder mitregieren, aber man
       kann nicht sagen, dass sie sich in einer konstruktiven Form für die
       notwendige Transformation von Teilen der baden-württembergischen Wirtschaft
       aufdrängen würden, von der nicht alles, aber sehr viel abhängt. Dass er das
       schon hinkriegen wird, kann man allerdings auch von Özdemir nicht frohgemut
       behaupten. Zunächst mal kann man nur darauf hinweisen, dass hier – anders
       als die meisten denken – zwei unterschiedliche Interpretationen von
       konservativer Politik zur Wahl stehen.
       
       ## Özdemir macht Özdemir-Politik
       
       Özdemir steht eben nicht für CDU-Politik, wie manche Grüne behaupten. Er
       steht aber auch nicht für Grüne Politik, wie manche CDUler behaupten.
       Sondern er steht für Özdemir-Politik, die eine Fortsetzung der
       Kretschmann-Politik ist, also jenseits des klassischen Bedienens von
       „Lagern“ und Parteiprogrammatik. Diese Politik entsteht in der
       Wechselwirkung mit einer heterogenen Mehrheit. Es geht dabei um das
       Bewahren von sozialen, individuellen und gesellschaftlichen
       Errungenschaften, um das Bewahren des baden-württembergischen
       Wohlstandsmodells und das Bewahren der planetarischen Lebensgrundlagen.
       
       Jetzt kann man sagen: Typisches Unfried-Blablabla, wir wissen doch aus
       seiner Zeit als Landwirtschaftsminister, dass dieser Özdemir überhaupt
       nichts voranbringt. Das war in den letzten Bundesregierungen aber kein
       Alleinstellungsmerkmal, sondern business as usual. Wer hat denn außer
       Habeck Reformpolitik umgesetzt, und um welchen Preis tat der das?
       Selbstredend sind auch die Grenzen der Landespolitik evident. Man muss
       zudem davon ausgehen, dass es eine wunderbare Fusion von Bewahren und
       Gestalten, von Konservatismus und wirtschaftlicher sowie sozialökologischer
       Veränderung nicht so einfach geben wird.
       
       Es muss sich auch kein Grüner konservativ nennen, wenn ihm davon übel wird.
       Es geht darum, die Möglichkeiten zu erkennen, die für die Partei und die
       Gesellschaft entstehen, wenn gerade die sich progressiv gebenden Leute
       nicht mehr in ideologischen und identitären Abgrenzungen von anno Tobak
       denken, sondern in Allianzen, die Probleme lösen wollen oder zumindest die
       Gesellschaft zusammenhalten. Diese Notwendigkeit hat Baden-Württemberg
       nicht exklusiv, sondern das wird überall gebraucht.
       
       3 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Schwerpunkt-AfD/!t5495296
 (DIR) [2] /Robert-Habeck/!t5007736
 (DIR) [3] /Cem-Oezdemir-Gruene-Schwampel-Dafuer-ist-mir-Baden-Wuerttemberg-zu-schade/!6157254
 (DIR) [4] /Gruene-vor-Landtagswahl-Baden-Wuerttemberg/!6138160
 (DIR) [5] /Portraet-Winfried-Kretschmann/!5123898
 (DIR) [6] https://www.perlentaucher.de/buch/winfried-kretschmann/worauf-wir-uns-verlassen-wollen.html
 (DIR) [7] /Verbrenner-Aus-EU-legt-Rueckwaertsgang-ein/!6134663
 (DIR) [8] /Portrait-Stefan-Mappus/!5282490
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Peter Unfried
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Bündnis 90/Die Grünen
 (DIR) Cem Özdemir
 (DIR) Winfried Kretschmann
 (DIR) Essay
 (DIR) GNS
 (DIR) Wahl in Baden-Württemberg
 (DIR) Kolumne Alles getürkt
 (DIR) Wahl in Baden-Württemberg
 (DIR) Bündnis 90/Die Grünen
 (DIR) Wahl in Baden-Württemberg
 (DIR) Cem Özdemir
 (DIR) Cem Özdemir
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Eine zufällig ortsgebundene Beziehung: Mein Toilettenfreund Cem Özdemir
       
       Es treibt ihm die Schamesröte ins Gesicht: Unser Autor hat eine ganz
       besondere Beziehung zum frisch gebackenen grünen Landeschef von
       Baden-Württemberg.
       
 (DIR) Landtagswahl in Baden-Württemberg: Wie Özdemir gelang, woran Habeck scheiterte
       
       Supermann Özdemir, klar. Aber was nehmen wir sonst von der Landtagswahl in
       Baden-Württemberg mit?
       
 (DIR) Landtagswahl in Baden-Württemberg: Mit Palmer und mit Blaskapelle
       
       Grüne können doch noch Wahlen gewinnen: Cem Özdemir hat einen zweistelligen
       Rückstand in einen leichten Vorsprung verwandelt. Und Grenzen ausgetestet.
       
 (DIR) Umfrage zur Landtagswahl in BaWü: Ach du grüne Neune
       
       Vor der Wahl in Baden-Württemberg holen Cem Özdemir und die Grünen in einer
       neuen Umfrage auf und liegen fast gleichauf mit der CDU von Manuel Hagel.
       
 (DIR) Cem Özdemir: „Schwampel? Dafür ist mir Baden-Württemberg zu schade“
       
       Der grüne Spitzenkandidat in Baden-Württemberg Cem Özdemir über Palmer,
       seinen Geburtstagsgast, Einwanderung und Aufstiegschancen im Südwesten.
       
 (DIR) Grüne vor Landtagswahl Baden-Württemberg: „Kretsch… äh … Özdemir“
       
       Die Baden-Württemberger Grünen verabschieden ihr Programm und feiern den
       alten und den vielleicht neuen Ministerpräsidenten. Da kommt mancher
       durcheinander.