# taz.de -- Nachruf auf Peter Schneider: Die Gefühle des Augenblicks
> Der Autor Peter Schneider gehörte zu den prominenten Vertretern der
> sogenannten 68er. Sein berühmtestes Werk war „Der Mauerspringer“. Ein
> Nachruf.
(IMG) Bild: 85-järig verstorben: Der Schriftsteller Peter Schneider
Der literarische Ruhm Peter Schneiders hatte sehr viel mit der Begabung zu
tun, zum richtigen Zeitpunkt die Gefühle des Augenblicks zu transportieren.
Die 1973 erschienene Erzählung „Lenz“ umfasst kaum 90 großzügig gesetzte
Seiten und verhandelt bereits die Zweifel an der Zugehörigkeit zu der
längst im Niedergang befindlichen 68er-Bewegung.
Peter Schneiders Protagonist ist Georg Büchners Gefühlsrebellen Lenz
nachempfunden, und gleich auf den ersten Seiten begegnen einem Zitate von
[1][Karl Marx] und Jim Morrison von den Doors. Schneiders Büchlein
transportierte das Soundgefühl jener Zeit, die noch nicht reif für eine
Abrechnung war. Vielmehr war ihm das Kunststück gelungen, die Schwingungen
des Aufbruchs irgendwie beizubehalten, obwohl die inneren Zweifel an den
politischen Folgen längst überwogen.
Sechs Mark steht unten links auf der Rückseite meiner Rotbuch-Ausgabe von
1976 als Preisangabe, und in einer kurzen Werbebotschaft wird das Buch als
Auseinandersetzungmit den Unsicherheiten einer linken Intelligenz
angepriesen, die zeige, dass Sensibilität und Radikalität durchaus
vereinbar seien. Ohne die Rettung der Radikalität ging es damals nicht, und
Schneiders Lenz war dazu das pophaltige Brevier einer Haltung, in der die
Fahnen weitergetragen werden sollten, ohne sich noch länger in verkrampften
Betriebsgruppen aufzuhalten.
Peter Schneider gehörte früh zu prominenten [2][Vertretern der „68er“.] Als
er 1969 einen Preis von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Schütz
erhalten sollte, waren zunächst aufwendige Überlegungen angestellt worden,
die Veranstaltung zu einem Eklat geraten zu lassen. Schneider hatte sich
zuvor jedoch mit seinem Freund, dem Anwalt OttoSchily, beraten, das
Herumfuchteln mit einem Hammer aus Schaumgummi lieber zu lassen.
## Befreiung durch Umarmung
Wie peinlich ihm das alles gewesen sei, gestand Schneider in einem langen
Videogespräch mit der Neuen Zürcher Zeitunganlässlich des Jubiläums von 40
Jahren [3][„68]“ im Jahre 2008. Es ist eine kluge Auseinandersetzung mit
dem politischen Aktivismus jener Zeit, den er atmosphärisch zu beschreiben
versucht, ohne der Pose eines heroischen Renegatentums zu erliegen. „Man
kann der Gesellschaft und uns nur dazu gratulieren, dass wir nie eine reale
Chance hatten, die Macht zu ergreifen.“
Die junge deutsche Demokratie habe bewiesen, dass sie eine war, indem sie
die gestörte, zutiefst verunsicherte Generationletztlich integriert habe.
Weit wichtiger sei ohnehin die kulturelleRevolte gewesen, die etwa das bis
weit in die 1950er Jahre hineingeltende Tabu, einander zu berühren,
weggefegt habe. In diesem Sinne hätten die Sit-ins der 68er wie ein Rausch
gewirkt. Befreiung durch Umarmung.
Zweifellos verstand sich Schneider als politischer Autor. Zwei Jahrenach
„Lenz“ erschien das dokumentarisch-literarische „…schon bist du eine
Verfassungsfeind“, in dem er die tatsächlichen Aktivitäten des
Verfassungsschutzes mit dem weit verbreiteten Gefühl vieler Linker
verknüpfte, unter Beobachtung zu stehen. In der Rückschau lassen sich Texte
wie diese auch als Stück therapeutischer Literatur lesen, um in der eigenen
Gesellschaft anzukommen.
Peter Schneider, 1940 als Sohn des Komponisten Horst Schneider in Lübeck
geboren, war gerade einmal 25, als er in Berlin mit anderen im sogenannten
Wahlkampfkontor der SPD mitwirkte und später alsRedenschreiber im
Wahlkampfteam des späteren Bundeskanzlers Willy Brandt tätig war. Als
Essayist gehörte er später lange zur schnellen Eingreiftruppe der deutschen
Publizistik, unter anderem mit einer scharfen Kritik an seinem [4][Kollegen
Peter Handke] und dessen umstrittenen Texten über Jugoslawien.
## Überwindung der Mauer
Zu seinem neben „Lenz“ nicht zuletzt wegen seiner historischen Prophetie
erfolgreichsten Buch wurde „Der Mauerspinger“ von 1982, in dem er die
Überwindung der Mauer in der „siamesischen Stadt Berlin“ zum Thema macht.
So erzählt er darin die Geschichte von Michael Gartenschläger, der davon
beseelt war, die Selbstschussanlagen an der innerdeutschen Grenze
abzubauen, und der schließlich von einem Stasikommando ermordet wurde.
Lange bevor die Metapher von den Mauern in den Köpfen zumGemeinplatz wurde,
schrieb Peter Schneider: „Die Mauer im Kopfeinzureißen wird länger dauern,
als irgendein Abrissunternehmen für die sichtbare braucht.“
Peter Schneider, der nun im Alter von 85 Jahren gestorben ist, sei, so der
Autor Marko Martin auf Facebook, einer der wenigen westdeutschen
Schriftsteller gewesen, die sich für Osteuropa interessierten und den
bedrängten Dissidenten beistanden.
4 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Kritische-Theorie-gegen-Islamogauchisme/!6154515
(DIR) [2] /Wolfgang-Kraushaar-zur-68er-Bewegung/!5557387
(DIR) [3] /Wolfgang-Kraushaar-zur-68er-Bewegung/!5557387
(DIR) [4] /Handke-der-ORF-und-Srebrenica/!6082985
## AUTOREN
(DIR) Harry Nutt
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
(DIR) Literatur
(DIR) Wolfgang Kraushaar
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Kritische Theorie gegen Islamogauchisme: Islam – Kritik und Apologie von links
Marx kritisierte die „bequeme Zweiteilung“ in Gläubige und Ungläubige im
Islam. Horkheimer attestierte der Religion einen immanenten Hang zur
Gewalt.
(DIR) Abschied von Hermann Peter Piwitt: Der Trost guter Literatur
Der Schriftsteller Hermann Peter Piwitt ist tot. Die Frage, was wohl
bleibt, wenn man nicht mehr ist, ist schon in seinen Büchern
allgegenwärtig.
(DIR) Wolfgang Kraushaar zur 68er-Bewegung: Als Frank Zappa kein Taxi bekam
Die Chronik „Die 68er-Bewegung“ zeigt, was an den 60er-Jahre-Bewegungen
fasziniert: der Gleichklang von Politik, Pop und Globalem.