# taz.de -- Risiko Israel-Solidarität: Antisemitische Übergriffe in Kiel und Hamburg
       
       > Der Vorsitzende der Deutsch-Israelischen-Gesellschaft ist bei einer
       > Kundgebung in Kiel von Antiimperialisten angegriffen worden. Auch in
       > Hamburg gab es einen Übergriff.
       
 (IMG) Bild: Wurde Opfer von Vandalismus: Gedenkstätte für die unter dem Nazi-Regime zerstörte Kieler Synagoge
       
       Nach einer Kundgebung gegen das Mullah-Regime im Iran und für Solidarität
       mit Israel in Kiel wurde Jan Schellbach, der schleswig-holsteinische
       Landesvorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, angegriffen.
       Schellbach glaubt, einen der Täter identifiziert zu haben, den er dem
       autoritären antiimperialistischen Linksextremismus zuordnet. Auch im
       Hamburger Schanzenviertel wurden Personen, die Plakate klebten, mutmaßlich
       aus dem antiimperialistischen Spektrum heraus bedroht.
       
       Anlass des Übergriffs in Kiel war eine Kundgebung am Dreiecksplatz, die zur
       „Solidarität mit Israel und der iranischen Freiheitsbewegung“ aufrief.
       Kurze Zeit später startete in unmittelbarer Nähe eine pro-palästinensische
       Demonstration. Schellbach hatte die Free-Iran-Kundgebung angemeldet.
       
       Der DIG-Landesvorsitzende berichtet, dass er im Anschluss an die Kundgebung
       von drei schwarz gekleideten und mit roten Halstüchern maskierten jungen
       Männern bedrängt worden sei. „Wie aus dem Nichts“ seien sie auf sein
       parkendes Auto zugestürmt, in dem er mit einer Begleiterin gesessen habe.
       Im letzten Moment sei es ihm gelungen, die Türen zu verriegeln. So hätten
       die Angreifer lediglich gegen das Auto treten, den Kofferraum öffnen und
       die darin liegenden Flaggen und Banner stehlen können.
       
       Seine Begleiterin auf dem Beifahrersitz habe panisch den Wagen verlassen,
       um Hilfe gerufen und ein vorbeifahrendes Auto gestoppt. Er selbst habe die
       flüchtenden Täter aus einiger Entfernung zu Fuß verfolgt und zugleich mit
       der Polizei telefoniert. Die Polizei nahm einen Tatverdächtigen mit auf die
       Wache, ließ ihn aber wieder frei. Gegen ihn wird wegen des Verdachts auf
       Diebstahl ermittelt.
       
       ## Mann mit proisraelischer Fahne geschlagen
       
       Im Anschluss an die beiden Versammlungen wurde nach Angaben der Polizei
       zudem ein Demonstrationsteilnehmer, der proisraelische Fahnen trug, von
       drei bis vier schwarz gekleideten Personen verfolgt und mehrfach geschlagen
       
       Schellbach glaubt, einen der Täter, die sein Auto angegriffen haben,
       identifizieren zu können. Dieser habe ihn schon mehrfach bedroht und
       genötigt. Seit Jahren erlebe er antisemitische Anfeindungen bis hin zu
       Morddrohungen. Er habe auf Litfaßsäulen Galgenmännchen mit seinem Namen
       gesehen und auch schon einmal ein rotes Hamas-Dreieck an seinem
       Klingelschild.
       
       Den aktuellen Angriff empfindet Schellbach als sehr bedrohlich. „Das war
       ein vorbereiteter und organisiert durchgeführter gemeinschaftlicher
       Überfall und Angriff auf Leib und im schlimmsten Fall auf das Leben“, sagt
       er. Für Kiel sei das eine neue Eskalationsstufe.
       
       Zugleich bereite es ihm Genugtuung, dass nichts bei dem Angriff
       herauskommen sei und mutmaßliche Täter gefasst oder identifiziert wurden.
       „Wenn die mit sowas durchkämen, trüge das zur Enthemmung bei“, sagt
       Schellbach.
       
       Erst Ende Januar hatte Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Dorit Stenke
       (CDU) bekundet, sie wolle den Kampf gegen Antisemitismus verstärken. Zuvor
       hatten Unbekannte am Mahnmal der 1938 zerstörten Kieler Synagoge einen
       Davidstern, ein Bild und Kerzen über den Gehweg verstreut und zum Teil
       zertreten.
       
       Stenke hofft, dem Antisemitismus mit der Bildungsoffensive des 2023 auf den
       Weg gebrachten 10-Punkte-Plans für jüdisches Leben im Norden begegnen zu
       können. Dabei sollen Schulen Präventionskonzepte entwickeln und Schüler
       anregen, über das Thema zu sprechen.
       
       Der Bedarf scheint groß: Die [1][Landesweite Informations- und
       Dokumentationsstellel Schleswig-Holsteins (Lida-SH) verzeichnete für 2024]
       in ihrem jüngsten Bericht 588 Fälle von Antisemitismus – nach 120 im Jahr
       davor. Den größten Teil davon (504) wertet Lida als israelbezogenen
       Antisemitismus. Zugleich ist die Stadt Kiel mit ebenfalls 504 erfassten
       Fällen aller Arten von Antisemitismus deutlich der Brennpunkt im Land.
       
       Den Hamburger Vorfall machte Feminism Unlimited Hamburg auf Instagram
       publik. Demnach soll jemand, der im Schanzenviertel Plakate für den
       Internationalen Frauentag am 8. März klebte, von acht Leuten verfolgt
       worden sein. Dabei sei die Person gefragt worden, „ob sie sich nicht
       schämt, ne antideutsche Scheiße zu verkleben“. Zudem habe sie „Israel
       scheiße“ gehört. Schließlich sei der Plakatkleber in eine Kneipe
       geflüchtet.
       
       Auf den Plakaten, von denen viele später abgerissen worden seien, stand:
       „Komplizinnen zum 8. März – Unsere Kämpfe sind verbunden. Unsere
       Solidarität auch.“ Der Aufruf richtet sich der [2][Website von Feminism
       Unlimited] zufolge an alle Flinta*. Es gehe um einen [3][Kampf gegen das
       Patriarchat, das eng verwoben sei mit Kapitalismus, Rassismus,
       Kolonialismus] und Antisemitismus.
       
       Die Linke sei mit einem zunehmenden gesellschaftlich Backlash konfrontiert,
       heißt es weiter. „Doch [4][anstatt solidarisch zusammenzustehen],
       [5][mobilisieren linksautoritäre Gruppen gegen selbstverwaltete Orte wie
       das Conne Island oder die Rote Flora] und nehmen die Querfront mit
       Coronaleugner*innen und rechten Gruppen zumindest billigend in Kauf.“
       
       Entsprechend ordnet Feminism Unlimited den Übergriff auf den Plakatkleber
       ein: „Mindestens eine*r der Angreifer*innen ist einer der für ihr
       autoritäres Auftreten bekannten Hamburger Gruppen zuzuordnen.“
       
       23 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://report-antisemitism.de/lida-sh/
 (DIR) [2] https://feminismunlimitedhamburg.wordpress.com/
 (DIR) [3] /Instrumentalisierung-des-9-November/!5891886
 (DIR) [4] /Propalaestinensische-Demo-in-Connewitz/!6146237
 (DIR) [5] /Antiimperialisten-gegen-Antideutsche/!6038266
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gernot Knödler
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Antiimperialismus
 (DIR) Antideutsche
 (DIR) Antisemitismus
 (DIR) Kiel
 (DIR) Existenzrecht Israels
 (DIR) Frauentag
 (DIR) Kolumne Bewegung
 (DIR) Wochenkommentar
 (DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Propalästinensische Demo in Connewitz: Wenn Linke anfangen, Staaten zu verteidigen
       
       Connewitz war der Tiefpunkt der innerlinken Auseinandersetzung. Auf beiden
       Seiten schlägt Lagerdenken in die Rechtfertigung von Herrschaft um.
       
 (DIR) Nahost-Konflikt und Feminismus: Göttinnen des Gemetzels
       
       Der Krieg in Gaza entzweit die feministische Bewegung. Es gilt,
       Gemeinsamkeiten hervorzuheben, statt Nahost über den feministischen Kampf
       zu stellen.
       
 (DIR) Israel, Nan Goldin und die Linke: Politische Spiritualität?
       
       Alte Antiimperialisten und neue Postkoloniale. Was Nan Goldin, Michel
       Foucault und Lenin verbindet.