# taz.de -- Israels Gründung mit humanitärem Ziel: Nicht der Zionismus ist schuld
> Die frühen Zionisten strebten einen liberalen Wohlfahrtsstaat ohne
> Diskriminierung an. Dass das nicht klappte, ist nicht der Ideologie
> zuzuschreiben.
(IMG) Bild: Doch keine Insel der Humanität
„Make Zionists Afraid“ – Macht Zionisten Angst: Mit dieser Aufforderung
[1][war im Oktober ein Aufruf gegen die Betreiber einer Kneipe
überschrieben], die in Berlin-Neukölln ein Programm anbietet, das auch
israelische Sichtweisen auf den Nahostkonflikt zulässt. Die Bajszel-Macher
waren in den letzten Jahren einiges an Angriffen gewöhnt. Aber der Flyer,
in dem sie über dem Schriftzug „Wanted“ abgebildet und mit Namen genannt
werden, kommt einem Aufruf zum Mord gleich.
Dass dabei explizit die angeblichen Zionisten benannt werden, war gewiss
kein Zufall. Der Zionismus, die ideologische Grundlage für die Existenz des
Staats Israel, gilt dessen Gegnern seit Jahrzehnten als Inbegriff des
Teuflisch-Bösen. Lange brachten nahöstliche Antisemiten den Namen Israel
nicht einmal über ihre Lippen. Stattdessen sprachen und schrieben
Hisbollah-Anhänger, Fans der syrischen Assad-Diktatur oder des iranischen
Gottesstaats von einem „zionistischen Gebilde“, wenn sie den jüdischen
Staat meinten.
Die Verteufelung des Zionismus hat Tradition: Schon 1975 gelang es
arabischen Staaten, dass die UN-Vollversammlung Zionismus als eine Form von
Rassismus definierte. Die Existenz des jüdischen Staats wäre demnach ein
Akt des Rassismus, weil die Verfolgung der Palästinenser Teil der
Staatsideologie sei. Tatsächlich handelt es sich um eine Dämonisierung
eines Lands und seiner Bewohner. Zu den Befürwortern dieser Resolution, die
zu Ende gedacht die Vernichtung eines UN-Mitgliedstaats zum Ziel hatte,
gehörte auch die DDR.
50 Jahre später sind sich nicht nur versprengte DDR-Nostalgiker, sondern
größere Teile der linken Bewegung in Deutschland darin einig, dass der
Zionismus zu den Grundübeln zählt. In Berlin-Neukölln verweigerte einzig
die dortige Linksfraktion die Unterstützung einer Resolution zur
Solidarität mit den Betreibern des Bajszel. Ebenfalls in Berlin sagte ein
[2][linkes Hausprojekt] eine Filmvorführung über eine jüdische
Widerstandsgruppe der Nazizeit ab. Es habe „verschiedene Diskussionen
bezüglich der zionistischen Ausrichtung der Widerstandsgruppe“ gegeben,
hieß es zur Begründung. So macht man Opfer zu vermeintlichen Tätern.
## Eher links als rechts
Die Sichtweise auf den Zionismus als eine tendenziell rechtsradikale,
prinzipiell gegen Palästinenser gerichtete Bewegung hält einer historischen
Überprüfung nicht stand. Wer glaubt, Zionismus mit Unmenschlichkeit und
Unterdrückung gleichsetzen zu können, befindet sich auf dem Holzweg.
Vielmehr stellt sich die Frage, ob Teile der israelischen Regierung noch
als zionistisch bezeichnet werden können, widersprechen ihre Handlungen
doch zionistischen Grundvorstelllungen.
„Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen“: Der um die Wende zum 20. Jahrhundert
entwickelte politische Zionismus Theodor Herzls schuf den Gegenentwurf zur
Annäherung der Jüdinnen und Juden an die jeweiligen Gesellschaftssysteme in
ihren Heimatländern. Er postulierte als Alternative zu andauernden
antisemitischen Diskriminierungen in Europa die Loslösung von diesen
Gesellschaften und die Gründung eines eigenen, jüdischen Gemeinwesens. Ob
dieses unbedingt im Nahen Osten liegen sollte, blieb umstritten; auch, ob
es ein Staat sein müsse.
Beim Zionismus handelt es sich um eine Nationalbewegung, die aber mit
deutlicher Verspätung entstand. Es war zudem eine Erweckungsbewegung, weil
sie eine bessere Welt versprach. In Russland stieß der Zionismus unter den
vom Zarismus unterdrückten Juden auf großes Interesse, während in
Westeuropa viele arrivierte Juden vor der Bewegung warnten, stelle diese
doch den Patriotismus zum jeweiligen Heimatland infrage. Streng religiöse
Kräfte bekämpften den Zionismus als Versuch einer Vorwegnahme göttlicher
Handlungen – bis heute finden sich deshalb unter Antizionisten [3][einige
ultraorthodoxe Juden].
Die Vorstellung, der Zionismus sei eine „rechte“ Ideologie, ist falsch.
Linke Vorstellungen wie die der [4][Poale-Zion]-Bewegung dominierten bald
die Debatte. Ihre von Ber Borochow inspirierten Anhänger gingen davon aus,
dass es gelte, die durch den Antisemitismus erzwungene Berufsstruktur unter
den Juden zu verändern – weg von Kaufleuten, hin zu Bauern. Zugleich
erstrebten sie den Aufbau einer klassenlosen Gesellschaft, in der allen
alles gehöre und Geld keine Rolle mehr spiele. Die Kibbuzim sind ein
Versuch, eine solche Gesellschaftsordnung im Kleinen zu begründen.
## Partnerschaft und Gleichheit mit den Arabern
Mit diesen Vorstellungen lösten die linken Zionisten eine Revolte unter
vielen jüngeren Juden aus. Manche jüdische Eltern, die sich der deutschen
Nation verpflichtet fühlten, waren entsetzt von den Ideen ihrer
Sprösslinge, irgendwo im Nahen Osten Feldfrüchte zu ernten. Die Jungen
wiederum schmähten die Alten als verknöcherte Konservative. In den
Krisenjahren der Weimarer Republik stellte sich für viele revolutionär
eingestellte Juden nur noch die Frage: Gehe ich zu den Kommunisten oder zu
den Zionisten? So wie im Hause des Berliner Druckereibesitzers [5][Scholem]
in Berlin: Gerhard, der jüngere Bruder, ging früh nach Jerusalem, nannte
sich fortan mit Vorname Gershom. Werner, zwei Jahre älter, schloss sich der
KPD an.
Wer den Zionisten zuneigte, behielt recht. Die Emigration aus
Nazideutschland und den umliegenden Ländern nach Palästina hat ab 1933
Zehntausenden Menschen das Leben gerettet. Es waren die Jungen, die sich
absetzen konnten. Viele der älteren Juden wurden Opfer des Holocausts. Aber
auch jüngere wurden ermordet: Werner Scholem starb 1940 im KZ Buchenwald.
Dass der Zionismus es grundsätzlich darauf anlege, die arabische
Bevölkerung zu unterdrücken, ist eine Interpretation, die an den Tatsachen
vorbeigeht. Es genügt ein Blick in [6][Herzls Zukunftsroman „Altneuland“]
aus dem Jahr 1902, um deutlich werden zu lassen, dass der Vordenker der
Bewegung partnerschaftliche Beziehungen zu den Arabern anstrebte. In dem
Buch wird Reschid Bey als bester Freund des jüdischen Helden David Littwak
dargestellt, Religionen sind in dem europäisch geprägten Utopia
gleichgestellt.
Selbst der zionistische Rechtsausleger Wladimir Jabotinsky, der die
Gründung eines jüdischen Staats auf beiden Seiten des Jordans verlangte,
sprach sich für die Gleichheit und eine teilweise Autonomie der Araber im
kommenden Staatswesen aus – anders als so manches Mitglied im Kabinett von
Benjamin Netanjahu.
Während Jabotinsky in den 1930er Jahren die angeblich zu lasche Haltung der
zionistischen Führung im damals britischen Mandatsgebiet Palästina
geißelte, verlangten umgekehrt die pazifistisch gesinnten Anhänger der
Bewegung Brit Shalom, der auch Gershom Scholem angehörte, den Verzicht auf
die Gründung eines jüdischen Nationalstaats und plädierten stattdessen für
einen binationalen Staat. Dies alles geschah unter dem ideologischen Dach
des Zionismus.
## Massaker unter zionistischem Banner
Es war die Zeit der fünften Alijah (hebräisch für Aufstieg, gemeint ist die
Einwanderungswelle), mit der vor allem deutschsprachige Juden nach
Palästina emigrierten. Manche Linke interpretieren die Einwanderung nach
Palästina heute als Kolonisierung, ähnlich der europäischer Staaten in
Afrika. Sie unterschlagen, dass diese Charakterisierung an gleich vier
Punkten fehlgeht. Es gab kein Staatswesen, das die vorgeblichen
Kolonisatoren unterstützte. Ihnen war in aller Regel eine Rückkehr
verwehrt. Sie flohen vor einer realen Bedrohung ihres Lebens. Und die
Gründung des Staats Israel 1948 geschah in einem bewaffneten Aufstand gegen
die Kolonialmacht Großbritannien.
Dass unter dem Banner des Zionismus während der Gründungsphase Israels
schwere [7][Menschenrechtsverletzungen], etwa das Massaker in dem
palästinensischen Dorf Deir Jassin, geschahen, sollte unstrittig sein. Dem
Zionismus ist es in den letzten Jahrzehnten wie jeglicher nationaler
Bewegung ergangen. Die Ideologie dient der Rechtfertigung von Gewalt im
Namen der Nation. Für die Israelis blieb sie aber einigendes Element
gegenüber einer feindlich eingestellten Umwelt. Warum sollte es dem
Zionismus da anders gehen als dem italienischen, ungarischen oder
chinesischen Nationalismus?
Allerdings ist der Zionismus von einer besonders hohen Warte gestartet. Die
jüdisch geprägte Gesellschaft sollte politisches wie kulturelles Vorbild
unter den Nationen werden, Wohlstand für alle ihre Bewohner garantierend
und technisch auf höchstem Niveau. In ihr sollte die Religion nicht
dominieren, wohl aber die reine Wissenschaft. Eine Insel der Humanität
also. Ganz so ist es nicht gekommen. Das kann man kritisieren. Den
Zionismus dafür verantwortlich zu machen, ist irrtümlich.
10 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Nahost-Konflikt-in-Berlin/!6117456
(DIR) [2] https://groni50.org/
(DIR) [3] https://www.haaretz.com/israel-news/2024-03-27/ty-article-magazine/.premium/explained-who-are-neturei-karta-the-jewish-ultra-orthodox-pro-palestinian-activists/0000018e-7039-df85-afde-f77d40640000
(DIR) [4] https://www.yadvashem.org/de/education/newsletter/7/poalei-zion-in-germany.html
(DIR) [5] /Geschichte-der-juedischen-Familie-Scholem/!5739082
(DIR) [6] https://www.literaturdownload.at/pdf/Theodor_Herzl_-_Altneuland.pdf
(DIR) [7] /Utopie-eines-Israel-Palaestina/!6096028
## AUTOREN
(DIR) Klaus Hillenbrand
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