# taz.de -- Anwältin über die Dunkelfeldstudie: „Das Ausmaß der Gewalt ist erschütternd“
> Frauen und Männer erfahren laut einer Studie etwa gleich viel Gewalt in
> Beziehungen. Stimmt das? Die Anwältin Christina Clemm ist skeptisch.
(IMG) Bild: Die Gewalt, die Frauen widerfährt, ist deutlich schwerwiegender als die bei Männern
taz: Frau Clemm, die [1][jüngst veröffentlichte Dunkelfeldstudie] verblüfft
mit einem Ergebnis: Frauen und Männer sollen innerhalb von Partnerschaften
nahezu gleich viel Gewalt erfahren. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen
als Fachanwältin für Familienrecht?
Christina Clemm: Ich finde die Studie in diesem Punkt schwach. Denn neben
dieser Erkenntnis spricht sie gleichzeitig von erheblichen Unterschieden in
der Intensität der Gewalt: Die Schwere der [2][Gewalt, die Frauen
widerfährt,] ist deutlich höher als bei Männern. Liest man die Studie also
genauer, kann man die Aussage, dass Männer und Frauen nahezu gleichermaßen
betroffen sind, nicht treffen. Der Vergleich der absoluten Zahlen gibt
wenig Aufschluss. Ich wüsste gern, wie es bei versuchten Tötungsdelikten
aussieht, ob und wann sich die Taten steigern, wie gefährlich sie waren.
taz: Ist die Studie an dieser Stelle also ungenau?
Clemm: Ja, und wenn ich ehrlich bin, lässt sie mich mit einigen offenen
Fragen zurück: Wie konnte beispielsweise die Sicherheit der Frauen
gewährleistet werden, die an den Befragungen teilnahmen und noch in ihren
Partnerschaften leben? Wenn ich zu Hause einen prügelnden Ehemann hätte,
würde ich den Teufel tun und Auskunft darüber geben. Auch bei einem
digitalen Fragebogen müsste ich immer Angst haben, dass mein Mann davon
erfährt. Auch die Frage, wer wie heftige [3][Gewalt an Männern] ausübt,
bleibt unbeantwortet.
taz: Sie denken dabei an homosexuelle Paare?
Clemm: Genau. Aus der Erhebung geht hervor, dass queere Menschen deutlich
häufiger von jeglichen Gewaltformen betroffen sind als der Rest der
Bevölkerung. Warum an dieser Stelle nicht auch zwischen den Geschlechtern
unterschieden wurde, kann ich nicht nachvollziehen. Ich kann mir kaum
vorstellen, dass sich durch eine gesonderte Betrachtung von schwulen und
lesbischen Paaren keine unterschiedlichen Ergebnisse ergeben würden. Darf
ich Ihnen aber sagen, was ich an der Studie wirklich interessant finde?
taz: Bitte!
Clemm: Das Ausmaß der Gewalt. Es ist erschütternd und es sollte endlich
oberste Priorität sein, sie zu bekämpfen. Interessant ist aber auch, dass
wir immer davon ausgegangen sind, es sei ein größeres Tabu für Männer, von
Gewalterfahrung zu sprechen, als es bei Frauen der Fall ist. Die Studie
zeigt nun allerdings das Gegenteil: Männer sind eher dazu bereit,
beispielsweise sexuelle Übergriffe zur Anzeige zu bringen. Das hat mich
wirklich verwundert.
taz: Welche Schlüsse ziehen Sie aus dieser Erkenntnis?
Clemm: Männer können staatlichen Institutionen offenbar mehr Vertrauen
entgegenbringen als Frauen. Das sollte der Politik wirklich zu denken
geben: Was hindert Frauen daran, sich an Ermittlungsbehörden zu wenden?
taz: Besser wäre natürlich, wenn es gar keine Fälle gäbe, die zur Anzeige
gebracht werden müssten …
Clemm: Natürlich, im Endeffekt müssen wir Straftaten nicht besser
verurteilen, wir müssen sie verhindern. Wenn man dieses Anliegen ernst
nimmt, müsste eigentlich massiv in Präventionsmaßnahmen investiert werden.
Die Antwort des Staates ist hier aber oft gleich null: Wie kann es sein,
dass es das Thema häusliche Gewalt noch immer nicht in die Lehrpläne
geschafft hat? Es gibt viel, worüber man nach dieser Studie nachdenken
muss.
10 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Gewalt-in-Deutschland/!6153305
(DIR) [2] /Gewalt-gegen-Frauen/!t5014588
(DIR) [3] /Zunehmende-haeusliche-Gewalt/!6122441
## AUTOREN
(DIR) Jonas Bernauer
## TAGS
(DIR) Gewalt gegen Frauen
(DIR) Gewaltstatistik
(DIR) Partnerschaftsgewalt
(DIR) Schwerpunkt Femizide
(DIR) Beziehung
(DIR) Patriarchat
(DIR) GNS
(DIR) Interview
(DIR) Gewalt
(DIR) Schwerpunkt Femizide
(DIR) Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Gewalt in Deutschland: Ein gewaltiges Problem
Laut einer Studie erleiden viel mehr Menschen in Deutschland Gewalt als
gedacht. Innenminister Dobrindt sieht das Problem vor allem bei den Opfern.
(DIR) Femizid-Überlebende über Gewalt: „Will ein Vater die Mutter töten, trifft das die Kinder“
Henriette Wunderlich überlebte den Tötungsversuch ihres Ex-Partners. Ein
Gespräch über Schuldumkehr und warum Frauen nicht ausreichend geschützt
sind.
(DIR) Sexualisierte Deepfakes auf X: „Hey Grok, put her in a bikini“
Eine Bildfunktion des KI-Chatbots Grok erzeugt massenhaft sexualisierte
Deepfakes. Auf rechtliche Ermittlungen reagiert Elon Musk wie gewohnt.