# taz.de -- Sexualisierte Gewalt: Machos auf dem Vormarsch
       
       > Breiten sich in Männerkulturen wieder mehr Rücksichtslosigkeit und
       > Frauenverachtung aus? Oder erleben wir aktuell die zufällige Häufung von
       > Skandalen?
       
 (IMG) Bild: Demonstration gegen digitale sexuelle Gewalt in Berlin am 22. März
       
       Ich bilde mir ein, ein wacher Zeitgenosse zu sein, und halte mich für
       weitgehend informiert über das, was so da draußen in der Welt vorgeht. Aber
       manchmal überfällt mich die Frage: Verstehst du die Welt noch richtig? Die
       Fälle von Gewalt an Frauen der letzten Zeit erschüttern ein bisschen mein
       Weltbild. Natürlich bin ich nicht naiv und wusste, dass es das alles gibt –
       aber ich möchte Ihnen erzählen, warum es mein Weltbild erschüttert.
       
       Es häuft sich ziemlich krass: die irrsinnige Erfahrung, die [1][Collien
       Fernandes] machen musste; ein Musiker, der mutmaßlich mit Gewalt einer
       jungen Frau Kokain in den Mund schmierte; der österreichische
       ORF-Generaldirektor, der zurücktrat, weil er mutmaßlich eine Kollegin auf
       verschiedenen Kanälen bedrängt haben soll; die [2][Causa Gisèle Pelicot];
       die ganzen [3][Epstein]-Enthüllungen; alle paar Tage Femizide in den
       Nachrichten; dazu fast schon routinemäßige Prozesswellen gegen junge Männer
       und Jungs, die ihre Schulkolleginnen nötigen, zu Sex erpressen, sie
       verhöhnen, davon Bilder weiterschicken. Es ist endlos.
       
       Die Nachrichten sind ein einziger Strom der Amoralität und des
       offensichtlichen Fehlens von jedem Mitgefühl und Unrechtsbewusstsein,
       Dokumente einer Verwahrlosung. Mal erfährt man von Taten, die wenig
       verwundern, weil man die Kultur kennt, in denen sie gedeihen, und dann aber
       auch von Handlungen, die einfach sprachlos machen, im Sinne von: What the
       fuck? Warum tut jemand so etwas? Welchen Kick gibt einem das? Man ist mit
       krasser Scheiße konfrontiert, die man noch nicht einmal versteht. Aber auch
       das ist es nicht, was mein Weltbild erschüttert.
       
       Ich bin in einer Welt aufgewachsen, in der alles immer allmählich besser
       wurde. Und dieses erlernte Zeitempfinden nährt bis heute das Restgefühl an
       Optimismus, das ich mir auch in eher weniger erfreulichen Zeiten bewahrt
       habe. In dieser Vergangenheit dominierten konservative Geschlechterbilder.
       In der Welt der männlichen Erwachsenen machte man sexistische Witze und
       redete höhnisch über „die Emanzen“, aber der Zeitgeist, der alle um mich
       herum prägte, war einer von Alternativkultur, Liberalisierung,
       Postachtundsechzigertum und Wertewandel.
       
       ## Bekloppte Neomaskulinität
       
       Der ganze konventionelle Mist – da waren wir sicher – schleift sich so
       langsam aus. Das Empfinden war: Es wird immer Idioten geben, aber sie
       werden weniger. Es wird auch immer Gestörte geben, die
       verabscheuungswürdige Dinge tun, aber das wird weniger. Manchmal genügt man
       seinen eigenen Werten nicht, manchmal tut man vielleicht sogar selbst
       Dinge, die einem peinlich sind, aber für die schämt man sich wenigstens. In
       meiner ganzen Schulzeit bin ich keinem Jungen begegnet, der ein
       neomaskulinisches Weltbild verfochten hätte.
       
       Schon deshalb, weil jeder gewusst hätte, dass er sich damit lächerlich
       macht. Er hätte wie ein bekloppter Kaspar aus einem anderen Jahrhundert
       gewirkt. Kurzum: Der Fortschritt mag zwar im Krebsgang seinen Weg gehen,
       aber er schlägt sich den Pfad frei. Und das war ja auch keine Einbildung.
       In den Chefetagen zogen im Zuge meines Berufslebens immer mehr Frauen ein
       und das änderte wenigstens ein bisschen den Ton, weg von dieser
       Jungmänner-Kameraderie.
       
       Auch in anderer Hinsicht, etwa was die Akzeptanz von Lesben, Schwulen und
       so weiter anlangt, verwandelte sich das Klima. Alle Umfragen zeigten es,
       sogar global, wie etwa die [4][World Values Surveys]. Und [5][#MeToo]
       änderte auch etwas – dass gewohnheitsmäßiger Machtmissbrauch, blöde
       Sprüche, Übergriffigkeiten, Genie-Gigantomanie ihre Akzeptanz verloren.
       Aber jetzt? Ich bin auch heute kein Apokalyptiker und bin mir daher nicht
       sicher, dass neuerdings alles schlechter wird.
       
       Aber ich bin plötzlich auch nicht mehr sicher, dass das nicht der Fall ist.
       Wir erleben schließlich in so vielen Hinsichten politische und
       gesellschaftliche Regressionen, man denke nur an den [6][Aufstieg des
       Autoritären] und des neuen Faschismus. Wir machen die Erfahrung, dass
       dieser Aufstieg mit dem Schüren von Aggression verbunden ist, mit der
       Verbreitung rassistischer Weltbilder, mit einem Kult der Härte, mit
       Gehirnwäsche, einer Erziehung zur Grausamkeit.
       
       ## Prozess der Faschisierung
       
       In den verschiedenen digitalen Subkulturen der Mannosphäre wird eine starke
       Männlichkeit gegen vermeintlich schwache Männlichkeit beschworen.
       Influencer predigen die Verachtung von Frauen als minderwertige Geschöpfe,
       die vor allem dem Mann zu Diensten zu sein haben, denn dieser repräsentiere
       das Prinzip Stärke und Leistung. Wer unter der Identitätsverwirrung
       verunsicherter Männlichkeit leidet, ist dafür ansprechbar.
       Gekränkt-aggressive Männlichkeit wird in Stolz verwandelt.
       
       Wenn das in Subkulturen kursiert, wird es allmählich auf perverse Weise
       „hip“, brutal, empathielos und egoistisch-selbstsüchtig zu sein. Dann
       breiten sich Narzissmus und Sadismus aus. Es fügt sich in die emphatische
       Feier einer Freiheit, andere zu beherrschen, herabzusetzen und zu
       beleidigen, was den Kern zeitgenössischer Prozesse der Faschisierung
       darstellt.
       
       In der schwächeren Ausprägung macht dieser Neomaskulinismus Angebote für
       eine Identitätspolitik weißer Männlichkeit, in einer krasseren Form wird
       den jungen Männern eingeredet, sie stünden in einem regelrechten Krieg
       gegen die Frauen. Dieser Irrwitz wirkt heute sogar rebellisch, weil er sich
       als Kontrast zu woker Empfindlichkeit darstellt oder als Gegenmodell zum
       Wertekanon der Elterngeneration und politischer Sonntagsredner. Das macht
       ihn womöglich noch attraktiver.
       
       All das kreuzt sich auch noch mit den Menschenbenutzungs-Clips der Pornos,
       jedenfalls bei jenen, die nicht zwischen Video und Wirklichkeit
       unterscheiden können. Alles zusammen verrührt sich zu etwas, was oft
       schwächer ist als Ideologie, eher ein Nebel von Haltungen, der aber
       vielleicht umso infektiöser ist, je unideologischer er daherkommt.
       
       Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich mit all dem total recht habe. Aber
       es hat mich eine gewisse Unruhe erfasst. Womöglich erleben wir etwas
       Tiefergehendes als die zufällige Häufung von Skandalen oder die
       Restmisogynie im Rahmen der Fortschrittsgeschichte, nämlich einen
       Rückschritt. Verbrechen kommt nicht aus dem Nichts.
       
       24 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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