# taz.de -- Psychologin über Umgang mit Gewalt: „Betroffene können auch leise mutig sein“
       
       > Sexualisierte Gewalt gegen Frauen ist sichtbarer geworden, aber
       > Betroffene müssen sich noch immer Schuldzuweisungen anhören, sagt Sarah
       > Danielewski vom Frauennotruf.
       
 (IMG) Bild: Als mutig gilt, wer laut ist: Demonstration gegen patriachale Gewalt
       
       taz: Nach den Vorwürfen von Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann
       versammelten sich Ende März Zehntausende in Hamburg und [1][riefen dazu
       auf, mutig zu sein und die Mauer des Schweigens zu durchbrechen]. Frau
       Danielewski, Sie arbeiten beim Frauennotruf täglich mit Betroffenen: Wie
       blicken Sie darauf? 
       
       Sarah Danielewski: Wir freuen uns mit Betroffenen, die den Mut fassen, an
       die Öffentlichkeit zu gehen und auf Demonstrationen sichtbar zu sein. Aber
       durch unsere Arbeit wissen wir, wie unterschiedlich die Fälle, die
       Bewältigungsstrategien und die Möglichkeiten sind. Ich möchte den
       Enthusiasmus nicht dämpfen, aber die Definition von Mut ist unvollständig.
       
       taz: Unvollständig … wie meinen Sie das? 
       
       Danielewski: Aktuell ist es doch so: Als mutig gilt, wer laut ist. Dabei
       können Betroffene auch leise mutig sein: Wenn sie sich ihren Ängsten
       stellen und versuchen, wieder rauszugehen. Wenn jemand Kinder hat und es
       schafft, sie weiter zu versorgen. Nur das Laute mit Mut zu verknüpfen,
       macht Betroffenen Druck – als sei die stille Art der Bewältigung weniger
       wert. Das ist eine zusätzliche Belastung, die obendrauf kommt, obwohl
       ohnehin schon alles so schwierig ist. Und überhaupt: Warum soll eine
       betroffene Person laut und mutig sein, wenn es oft nur noch mehr Probleme
       für sie bedeutet?
       
       taz: Was für Probleme sind das dann? 
       
       Danielewski: Es fängt bereits beim Umfeld an. Wir denken doch alle, dass
       Familie und Freund:innen den Betroffenen glauben und sie unterstützen.
       Doch häufig ist es ganz anders. [2][Betroffene müssen sich oft
       Schuldzuweisungen anhören] wie „Vielleicht hast du geflirtet?“ oder „Früher
       fandest du ihn mal gut“. Weil Angehörige nicht wissen, wie sie mit dem
       umgehen sollen, was ihnen erzählt wird. Sie können die Vorstellung nicht
       aushalten. Das zieht sich durch alle Ebenen.
       
       taz: Können Sie das einmal skizzieren? 
       
       Danielewski: Es geht dann weiter im Krankenhaus, wo Ärzt:innen
       Betroffenen nach einer Vergewaltigung nicht immer glauben, sie nicht
       gründlich untersuchen oder sogar wegschicken. Und das ist ja fatal in einem
       Rechtsstaat, in dem es später um Beweisbarkeit geht. Noch drastischer wird
       es mit Blick auf Polizei und Justiz. Auch dort fehlt Traumawissen.
       
       taz: Woran merken Sie das in Ihrer Arbeit? 
       
       Danielewski: Wenn es kein Verständnis für eine scheinbar unlogische
       Reaktion der Betroffenen gibt. Dabei kann so ein Verhalten psychologisch
       erklärt werden: In der Situation hat die Person oft Todesangst. Das Gehirn
       kann das Erlebte nicht verarbeiten. Das führt dazu, dass manche Betroffenen
       unter Schock stehen und intuitiv versuchen, Normalität herzustellen.
       
       taz: Indem sie dann zur Arbeit oder zum Yoga gehen? 
       
       Danielewski: Genau. Es gibt durchaus brutale Vergewaltigungen und die
       Betroffenen treffen sich danach mit Freund:innen oder besorgen ein
       Geschenk für die Party am Wochenende. Das kann sich die Polizei bei
       Vernehmungen oft nicht vorstellen. Die sagen dann Dinge wie: „Aber wenn ich
       vergewaltigt worden wäre, wäre ich danach überhaupt nicht in der Lage,
       einkaufen zu gehen.“ Dabei ist das eine Schutzfunktion unseres Körpers. Das
       kann man wissen, wenn man sich damit beschäftigt. Zusammen mit den
       gesellschaftlichen Mythen über Vergewaltigungen ergibt sich ein stereotypes
       Bild. Und alles, was davon abweicht, erschwert es den Betroffenen.
       
       taz: Wie sieht dieses stereotypische Bild aus? 
       
       Danielewski: Eine junge, normschöne Person ist aufreizend gekleidet und
       nachts im Park unterwegs. Ein Fremdtäter springt aus dem Busch und
       vergewaltigt sie brutal. Sie wehrt sich, davon gibt's sichtbare Spuren. Die
       Person überlebt das irgendwie, rafft sich auf und geht sofort zur Polizei.
       Wenn das so passiert – und es gibt diese Fälle – erleben wir tatsächlich,
       dass das Umfeld eher glaubt und dass die Polizei sensibler ist.
       Schlimmerweise spreche ich von einem „Fremdtäter“ in Doppelfunktion: Es ist
       jemand Unbekanntes und wenn zusätzlich ein Migrationshintergrund vermutet
       wird, macht es das doppelt glaubhaft, weil noch rassistische Vorurteile
       hinzukommen. Dabei laufen die meisten Vergewaltigungen und Übergriffe ganz
       anders ab und passieren im sozialen Nahbereich.
       
       taz: Wie unterscheiden sich die prominenten Fälle von Collien Fernandes und
       [3][Gisèle Pelicot] von denen, die Ihnen im Frauennotruf Hamburg begegnen? 
       
       Danielewski: Gar nicht.
       
       taz: Gar nicht? 
       
       Danielewski: [4][Es sind in aller Regel ganz normale Männer]. Männer, denen
       wir vertrauen. Die wir kennen, mit denen wir vielleicht sogar verheiratet
       sind. Vielleicht ist es für die Gesellschaft gut, das anhand dieser beiden
       Fälle so deutlich zu sehen. Denn genau das erleben wir jeden Tag. Und es
       ist doch heftig, von Betroffenen nach all dem auch noch zu erwarten, die
       Gesellschaft zu verändern.
       
       taz: Sprechen Sie mit den Betroffenen darüber? 
       
       Danielewski: Sehr viel. Eigentlich trauen sich viele Ratsuchende gar nicht
       zu, eine Anzeige zu erstatten. Sie wollen es dann doch tun, um andere
       Menschen vor weiterer Gewalt zu schützen. Das ist ein edles Motiv. Aber den
       Schuh brauchen sie sich nicht anzuziehen. Die einzige Person, die dafür
       verantwortlich ist, dass diese Gewalt schon passiert ist und ihr vielleicht
       weitere folgt, ist der Täter.
       
       taz: Sie sind bereits seit über zehn Jahren beim Frauennotruf. Was hat sich
       in dieser Zeit verändert? 
       
       Danielewski: Noch immer rufen wir jede:n dazu auf, sich mit dem Thema zu
       beschäftigen, immer und immer wieder. Jede:r kann mal zu einer wichtigen
       Ansprechperson für jemanden werden. Was die Gewalt angeht: Egal, welche
       gesetzlichen Anpassungen es gibt, diese patriarchale, geschlechtsbezogene
       Gewalt sucht sich ihren Weg am Paragrafen vorbei. Sie findet immer
       irgendwie ein [5][neues Gewand]. Wir kämpfen schon lange dagegen an und ich
       bin mir leider sicher, dass es noch lange dauern wird.
       
       taz: Wie können wir alle denn bereits jetzt zu einer Verbesserung
       beitragen? 
       
       Danielewski: Einer betroffenen Person einfach zuhören. Mal nichts sagen,
       anstatt irgendwas daherzureden. Und begreifen, dass wir alle in
       unterschiedlichen Schuhen stecken, unterschiedliche Realitäten und
       Möglichkeiten haben.
       
       taz: Und wie geht es dem Frauennotruf selbst? 
       
       Danielewski: Uns geht es gut, auch wenn es an allen Ecken und Enden fehlt.
       Letztes Jahr ist unsere Fachberatungsstelle 45 Jahre alt geworden. Das
       haben wir nicht gefeiert, weil man dafür ja auch Kapazitäten braucht – und
       die haben wir gerade nicht. Es gibt zu viel zu tun.
       
       17 May 2026
       
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