# taz.de -- Femizid-Überlebende über Gewalt: „Will ein Vater die Mutter töten, trifft das die Kinder“
> Henriette Wunderlich überlebte den Tötungsversuch ihres Ex-Partners. Ein
> Gespräch über Schuldumkehr und warum Frauen nicht ausreichend geschützt
> sind.
(IMG) Bild: Kämpft für mehr Aufklärung über Beziehungsgewalt: Femizid-Überlebende und Autorin Henriette Wunderlich
taz: Frau Wunderlich, 2019 war ein großer Einschnitt für Ihr Leben. Sie
haben den Tötungsversuch durch Ihren Ex-Partner überlebt. Sieben Jahre
später erscheint das Buch [1][„Femizidversuch“]. Was hat Sie bewogen,
darüber zu schreiben?
Henriette Wunderlich: Es geht [2][um Aufarbeitung] für mich. Ich musste
realisieren, wie meine Ex-Beziehung verlaufen ist. In einer Therapie und
durch eine Fortbildung habe ich viel zu Partnerschaftsgewalt gelernt, und
dass eine Folge der Gewalterfahrung Verdrängung ist. Aus meinen Notizen
nach dem Femizidversuch ist die Idee für das Buch entstanden.
taz: Ist es also ein Buch gegen das persönliche Vergessen?
Wunderlich: Ja, und zum Bewusstmachen. „Das ist nicht wirklich passiert.“
Oder: „Über die Situation reden wir lieber nicht mehr.“ Das sind Gedanken
der Verdrängung. Erst im Schreiben habe ich gemerkt: Das war Gewalt. Es
ging nicht nur mir so, sondern auch anderen. Deshalb will ich [3][zu
Femiziden] als extremste Form von patriarchaler Gewalt aufklären und so
vielleicht bei anderen Frauen verhindern, was mir passiert ist. Meine
Geschichte ist nur ein Beispiel.
taz: Ein Grund, warum wir heute miteinander sprechen können, ist Ihre
Tochter. Damals als 9-Jährige hat sie während der Messerattacke den Notruf
gewählt. Im Buch schreiben Sie, auch sie sei sein Opfer geworden. Wie ist
das gemeint?
Wunderlich: Will ein Vater die Mutter töten, trifft das natürlich die
Kinder. Meine Tochter hat die Tat miterlebt und eine Traumatherapie
gemacht. Wenn bei ihr in der Schule das Thema Familie behandelt wurde,
hatte ich Bauchschmerzen. Wie geht sie damit um? Ihr Vater hat im ersten
Jahr nach dem Tötungsversuch ein-, zweimal versucht, Kontakt aufzunehmen.
Das wollte sie partout nicht. Jetzt ist sie älter. Wir haben viel über das
Buch geredet und ich habe sie nach ihrer Meinung gefragt. Ich glaube, das
stärkt sie als Frau: zu wissen, dass ihre Mama kämpft.
taz: Was hat Sie in der Zeit nach dem Femizidversuch am meisten bestärkt?
Wunderlich: Ganz eindeutig Familie und Freunde. Ich war ein völliger
Pflegefall. Dazu kamen die ganzen Anträge und die Versorgung meiner beiden
Kinder. Mein Sohn war damals erst ein Jahr alt. Ich habe viele starke
Frauen hinter mir: seien es meine Anwältinnen, meine Pflegekraft, die
Ergotherapeutin. Zu allen haben sich Freundschaften entwickelt. Als
Lehrerin bin ich außerdem verbeamtet und habe weiterhin meinen Lohn
erhalten. Das ist eine große finanzielle Sicherheit. Wie ist das bei denen,
die nach sechs Wochen nur noch Krankengeld bekommen? Wie soll das denn
gehen? Welche Unterstützungsmöglichkeiten gibt es?
taz: Sie leben in einem kleinen Ort in Brandenburg mit Familie. Oft treffen
Frauen Anfeindungen, die sich gegen Partnerschaftsgewalt positionieren. Sie
waren auf Veranstaltungen, haben vor einer Schulklasse gesprochen und in
den Medien. Welche Rückmeldungen gab’s dazu?
Wunderlich: Seitdem ich das erste Mal ausführlich im Podcast „Tabulos“ über
den Femizidversuch gesprochen habe, habe ich durchweg positive
Rückmeldungen erhalten. Was belastend war, war die Mediendarstellung direkt
nach der Tat und die Gerüchteküche im Ort: „Die muss doch was gemacht
haben, dass er das gemacht hat.“ Eines muss klar sein: Dieses Buch ist kein
Racheakt an meinen Ex-Partner. Er hat sich ganz allein bestraft und verbüßt
seine Zeit im Gefängnis.
taz: In Deutschland gilt Femizid nicht als Straftatbestand. Ermittelt wird
aus anderen Gründen. Wie haben Sie den Gerichtsprozess erlebt?
Wunderlich: Ich hatte große Angst vor dem Tag, an dem ich aussagen sollte.
Auf mich kam es an. Mein Ex-Partner sagte, er könne sich an nichts
erinnern. Ich wusste wiederum nicht, was der Strafverteidiger fragen würde.
Du hast nichts Falsches getan, aber dennoch fühlt es sich an wie auf der
Anklagebank. Meine Therapeutin hat mich intensiv darauf vorbereitet
taz: Wie sah die Vorbereitung aus?
Wunderlich: Ich sollte mich einstellen auf Fragen wie: Wieso sind Sie denn
nach der ersten Trennung überhaupt wieder mit Ihrem Partner
zusammengekommen? Es sind Fragen, die Schuld zuweisen und Tätergewalt eher
rechtfertigen. Zum Glück kamen die schlimmsten Fragen vor Gericht aber
nicht. Mein Ex-Partner hat am Ende 14 Jahre bekommen. Trotzdem habe ich
sehr geweint. Er sei sozial angepasst, ein ganz Netter und vorher nie
gewalttätig gewesen. Klar gibt es dafür eine Rechtsgrundlage. Trotzdem
dachte ich mir damals: Haben die mir denn nicht zugehört?
taz: Nach dem, was Sie selbst erlebt haben: Sind Frauen generell
ausreichend geschützt und bekommen im Ernstfall genug Unterstützung?
Wunderlich: Nein. Es fehlt in der Öffentlichkeit an Wissen und
Aufmerksamkeit. Ein Beispiel: Eine Frauenhaus-Mitarbeiterin und eine
psychosoziale Prozessbegleiterin kommentieren meine Biografie an den
Stellen, an denen sie Gewalt erkennen und teilen, welche Hilfen es gibt.
Damit wollte ich wichtiges Wissen nach außen tragen. Ich habe selbst erst
darüber erfahren, dass ich im Gerichtsprozess Anspruch auf psychosoziale
Unterstützung gehabt hätte. So habe ich viel gelernt und bin auch im Beruf
viel hellhöriger.
taz: Hellhöriger?
Wunderlich: Genau. Ich beschäftige mich als Lehrkraft etwa nun auch mit
Kinderschutz und Kindern, die Partnerschaftsgewalt miterleben. So stellte
sich zum Beispiel schon mal heraus, dass ein Schulkind Partnerschaftsgewalt
miterlebt hatte und es auch selbst Gewalt erlebte. Ich begleitete die
Mutter nach der Trennung dann bis zum Jugendamt. Ich glaube, wir haben
eigentlich oft ein ganz gutes Gefühl für solche Situationen. Wir müssen
darauf hören.
taz: Was braucht es für einen besseren Umgang mit geschlechtsspezifischer
Gewalt?
Wunderlich: Es braucht ein anderes Verständnis, was in Beziehungen als
Gewalt gilt: Kontrolle über die Finanzen. Beleidigungen. Jemanden zu einer
Abtreibung zu überreden oder auch zu einer Schwangerschaft in einer
Beziehung. Dass das Gewalt ist, wusste ich zum Beispiel nicht. Es wäre gut,
wenn es ein Fach gibt, in dem schon Kinder lernen, wie man gesunde
Beziehungen führt. Dieses durch Musik oder Filme romantisierte „Du gehörst
mir“, das ist gefährlich. So fängt es früh an und geht weiter. Mein Buch
ist deswegen kein „Frauenbuch“, sondern für alle da, auch für Männer.
6 Feb 2026
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