# taz.de -- Abschied einer Abtreibungsrechtlerin: „Schön, dass Sie weiter für uns kämpfen“
       
       > Vom Aktivismus für reproduktive Rechte in Kolumbien zur UN in Panama: Ana
       > Cristina González Vélez verlässt die Bewegung – für neue große Ziele.
       
 (IMG) Bild: Ana Cristina Gonzalez Velez ist in Kolumbien für ihre Arbeit als Frauenrechtlerin bekannt. Nun wird sie UN-Funktionärin in Panama
       
       Ana Cristina González Vélez, 57, hat sich mehr als 25 Jahre lang für die
       Legalisierung von Abtreibungen in Kolumbien eingesetzt. Jetzt wechselt sie
       ins Regionalbüro der UN-Frauenorganisation für Amerika und die Karibik in
       Panama. Ein Protokoll ihres Abschieds aus Kolumbien voller Begegnungen und
       Umarmungen.
       
       7 Uhr: Zu Hause ist ein Seelenzustand 
       
       Als ich aufwachte, war meine kleine Nichte schon weg. Sie hatte bei mir
       übernachtet. Wir haben eine sehr enge Beziehung, sie heißt auch Ana.
       Außerdem war das Bett schon für meine beste Freundin Beatriz gemacht, eine
       alte Freundin und Mitstreiterin. Wir lernten uns kennen, als ich 20 Jahre
       alt war. Von ihr habe ich gelernt, Aktivistin zu sein. Wenn sie nach Bogotá
       kommt, wohnt sie bei mir. Ich lebe allein, aber ich bin nicht allein. Ich
       habe eine Partnerin, die in Uruguay lebt und pendle zwischen Bogotá und
       Uruguay. Wenn ich aufwache, unterhalte ich mich mit ihr. Wir trinken
       zusammen Kaffee und sprechen per Whatsapp. „Wie hast du geschlafen? Wie
       bist du aufgewacht? Wie sieht es zu Hause aus? Es ist kalt heute.“ Wir
       haben unsere Rituale, mit denen wir im Leben der anderen präsent sind.
       Meine Partnerin hat mir beigebracht, dass Zu Hause kein physischer Ort ist,
       sondern ein Seelenzustand.
       
       8.30 Uhr: Erinnerungen an eine furchtlose Freundin 
       
       Ein Freund hat mich zum Frühstücken eingeladen. Er war der Ehemann einer
       engen Freundin, die vor einigen Jahren verstorben ist, Lucy Wartenberg. Sie
       war Anthropologin und hat sich intensiv mit der reproduktiven Freiheit von
       Frauen beschäftigt. Sie kämpfte mutig und furchtlos. Als sie starb, haben
       wir bei der Arbeitsgruppe für das Leben und die Gesundheit der Frauen (La
       Mesa por la Vida y la Salud de las Mujeres) einen Preis ins Leben gerufen,
       der ihren Namen trägt und den Einsatz für das Thema Abtreibung würdigt. Der
       Freund und ich treffen uns ab und zu.
       
       10 Uhr: Abschied von den Frauen im Nagelstudio 
       
       Ich gehe zur Maniküre. Im Salon wissen die Frauen, dass ich mich für
       [1][Frauenrechte] engagiere. Durch meine Arbeit bin ich in Kolumbien
       bekannt. Ich sage zu der Dame: Ich bin heute hier, weil ich nach Panama
       ziehe. „Señora Anita, und was werden Sie dort machen? „Ich sage ihr, dass
       ich mich für Frauenrechte engagieren werde. „Wie schön, dass Sie weiter für
       uns kämpfen werden!“
       
       12 Uhr: Meine Schwester Juanita, 45, gibt mir Mut 
       
       Ich habe zwei Schwestern. Die jüngste lebt in Bogotá, sie ist Anwältin für
       Menschenrechte und Strafrecht. Wir gehen Mittagessen. Nach Panama zu gehen
       ist eine Herausforderung, das finde ich toll. Aber ich werde fortziehen und
       meine Arbeit in der Bewegung aufgeben müssen. Meine Schwester unterstützt
       mich, macht mir Mut: „Wie schön, dass du gehst. Wir werden uns oft sehen.
       Panama ist ganz in der Nähe.„Sie erzählt mir auch von ihren Plänen: Mit
       ihrem Team wird sie zu einer Sitzung der UN-Kommission zum Status der Frau
       nach New York reisen. Ich gebe ihr einige Kontakte dort, damit sie
       Geldgeber und andere Personen kennenlernen kann, die in diesem Bereich
       arbeiten.
       
       15 Uhr: Wissen weitergeben an eine junge Aktivistin 
       
       Dann gehe ich noch mal Kaffee trinken mit einer jungen Frau, die eine
       Organisation leitet, die sich mit Genderthemen beschäftigt. Sie will ihre
       Lobbyarbeit besser planen und ordnen, sie fragt mich nach meiner Meinung.
       Ich würde mir jemanden suchen, der eine Karte erstellt, eine Strategie
       entwirft, sage ich. Dann stellt sie mir einige Fragen zur beruflichen
       Entwicklung, dazu, wie man eine Karriere aufbaut und wie man im politischen
       Bereich agiert. Das Treffen erinnert mich an eigene Projekte, für die ich
       keine Zeit habe. Etwa eine Art Handbuch über Dinge zu schreiben, die mir
       niemand beigebracht hat – und die ich gelernt habe, um eine Feministin zu
       sein, die Einfluss nehmen und die Realität verändern kann.
       
       17 Uhr: Das Ende meines Aktivismus 
       
       An diesem Tag gebe ich offiziell bekannt, dass ich zu UN Women wechseln
       werde. Mein Telefon steht nicht mehr still: „Wie, du gehst weg? Du bist
       nicht mehr in der Bewegung? Und auch: Wie schön, dass du zur UN gehst, das
       ist jetzt wichtiger denn je.“ Ich bin in viele Dinge involviert, und wo ich
       hinkomme, mache ich mich an die Arbeit, erfinde etwas. Was ich aufgeben
       muss, ist der Aktivismus. Ich kann nicht Funktionärin der UN sein und
       gleichzeitig Teil feministischer Gruppen. Eine große Veränderung.
       
       18 Uhr: Meine beste Freundin fährt mich zum nächsten Arbeitstreffen 
       
       Endlich komme ich zu Hause an und treffe Beatriz. Wir unterhalten uns eine
       Weile. Weil es regnet, fährt sie mich mit ihrem Auto zu einem Restaurant,
       wo ich mich zum nächsten Treffen verabredet habe.
       
       18.45 Uhr: Übergabe an die nächste Generation 
       
       Die medizinische Gruppe für das Recht zu entscheiden (El Grupo Médico Por
       El Derecho a Decidir) ist eine weitere Organisation, die ich in Kolumbien
       mitbegründet habe. Ich treffe mich mit meinen Kolleginnen zum Essen, um
       alles durchzugehen, da ich aus der Koordinierung ausscheide. Ich arbeite
       schon lange mit zwei Frauen zusammen, die jünger sind als ich. Die eine ist
       Gynäkologin, die andere ist wie ich als Ärztin auf öffentliche
       Gesundheitsfürsorge spezialisiert. Wenn ich gehe, wird eine neue Generation
       übernehmen. Ich werde weiterhin im Gruppen-Chat bleiben, aber keine Arbeit
       mehr leisten. „Aber wir können dich fragen?“, fragen sie mich beim
       Abendessen.„Ja, natürlich. Aber, Mädels, die Gruppe wird so sein, wie ihr
       wollt.“ Beatríz holt mich mit dem Auto ab, weil es immer noch regnet.
       
       22 Uhr: Einschlafen in Zeiten des Übergangs 
       
       Bevor ich schlafen gehe, lese ich immer ein wenig. Gerade lese ich ein Buch
       von Juan Forn, einem außergewöhnlichen argentinischen Schriftsteller, der
       vor Kurzem verstorben ist. Es heißt „Yo recordaré por ustedes“ (Ich werde
       mich für euch erinnern). Es ist ein Buch mit seinen Kolumnen, die er in der
       Zeitung Página/12 veröffentlicht hat. Der Titel passt sehr gut zu dieser
       Zeit des Übergangs. Vieles von dem, was ich tue, hat damit zu tun, die
       Menschen vorzubereiten, mit denen ich nicht mehr zusammenarbeiten werde.
       Gleichzeitig wissen sie, dass ich da bin und Teil dieser Geschichte bleibe.
       Ich werde sie nicht aufgeben, auch wenn ich an einen anderen Ort gehe.
       
       Der nächste Morgen: Zeit mit der Organisation meines Herzens 
       
       Ich treffe mich mit der Direktorin der Mesa Por La Vida – der
       feministischen Organisation, die ich vor 27 Jahren in Kolumbien
       mitbegründet habe. Sie ist der Ort, von dem aus der [2][Kampf für die
       Abtreibung im Land] organisiert wurde, und sie ist die Organisation meines
       Herzens, mein Ort des Engagements. Die vergangenen fünf Jahre waren sehr
       intensiv, weil wir die Strategie von Causa Justa entworfen haben, um die
       Bewegung aufzubauen und die Klage zu gewinnen (Anm. d. Red.: [3][2022
       erreichte die Bewegung Causa Justa die teilweise Entkriminalisierung der
       Abtreibung] bis zur 24. Schwangerschaftswoche in Kolumbien).
       
       Alles was ich habe und was ich weiß, möchte ich in der Mesa lassen. Die
       Direktorin ist sehr jung, brillant und intelligent. Jetzt geht ihre
       Mentorin, also ich. Aber ich werde dennoch aufmerksam und präsent sein,
       auch wenn ich nicht da bin.
       
       Ana Cristina González Veléz ist seit Anfang Februar in Panama-Stadt und hat
       ihren Job bei UN Women angetreten. An dieser Stelle kämpft sie weiter als
       politische Akteurin für Menschenrechte und die Gleichberechtigung der
       Geschlechter.
       
       6 Mar 2026
       
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