# taz.de -- Zwischen dem Oman und der Welt: Mit Mammas Flügeln
> Oman ist nur eine von vielen Stationen im Leben der Italienerin Maria
> Caterina Marra. Das verdankt sie auch ihrer Mutter, die sich zu wehren
> wusste.
(IMG) Bild: Maria Caterina Marra wollte eigentlich nur einen kurzen Urlaub in Oman machen – dann blieb sie auf unbestimmte Zeit
Zehn Jahre ist es her, seit Maria Caterina Marra in Oman landete.
Eigentlich wollte sie nur für einen kurzen Urlaub bleiben, sagt sie und
lacht. Doch wenige Wochen später bekam sie einen Job als Englischlehrerin.
Noch heute lebt sie dort.
Marra kommt eigentlich aus Süditalien. Nach ihrem Studium zog sie nach
Padua, weiter nach Kanada, machte dann einen Abstecher nach Kenia. Jetzt
also Maskat, die Hauptstadt Omans. Wie lebt es sich als Westeuropäerin in
einem Sultanat, einer absoluten Monarchie? „Es ist sehr sicher für mich
hier“, sagt sie. „Ich kam ganz allein, ohne Mann, ohne einen Partner und
bin geblieben.“ In einem Land rund 5.000 Kilometer von ihrer Heimat
entfernt.
Marra sagt, ihre Mutter Teresa habe ihr die Flügel gegeben, um zu fliegen.
Und sie hat die Flügel benutzt und ist im wahrsten Sinne des Wortes
ausgeflogen. So etwas war in der Welt, in der Marra aufgewachsen ist, nicht
vorgesehen. Sie kommt aus dem kleinen Städtchen Cardinale, in
[1][Kalabrien]. Es gibt nicht viel dort.
Eine Bar, zwei Kirchen und Supermärkte. Dazu atemberaubende Natur:
Drumherum wachsen Berge in den Himmel, und ein Fluss bahnte sich seinen Weg
durch die Felsen. Marra hatte eine schöne Kindheit, sagt sie heute. Im
Winter saß sie mit den anderen Kindern aus Cardinale vor dem Fernseher und
sah Filme, im Sommer spielte sie mit ihren Freund*innen am Fluss, bis die
Sonne unterging. Aber so ganz passte sie nicht rein, erzählt sie. Sie hatte
das Bedürfnis, etwas zu erleben und zwischen Kirche und Bar schien ihr das
nicht möglich, trotz der idyllischen Natur.
## Flügge werden
Als sie vier Jahre alt war, flog sie mit ihrer Familie zum ersten Mal nach
Kanada, um ihren Onkel zu besuchen. Sie war verzaubert. Sie besuchte Kinos,
in denen „Der König der Löwen“ gezeigt wurde, fuhr durch Autowaschanlagen,
die Seifenblasen auf die Autoscheiben zauberten, hüpfte auf Trampolinen in
den Gärten und ließ sich im Zoo mit einer Giraffe fotografieren. „Warum
hast du uns nicht in Kanada großgezogen?“, fragte sie ihre Mutter immer
wieder, als sie zurück in Kalabrien waren.
Je älter sie wurde, desto klarer wurde ihr, dass sie raus musste. Es waren
die scheinbar kleinen Gesten ihrer Mutter, die sie dazu ermutigten. Zum
Beispiel machte ihre Mutter keinen Unterschied zwischen ihr und ihren
beiden Brüdern. Wenn ihr Großvater zu ihrer Mutter sagte: „Ruf Caterina, um
den Tisch zu decken“, dann rief ihre Mutter stattdessen ihren Bruder. Die
Hausarbeit wurde gerecht unter den Geschwistern verteilt.
Als ihr Vater den beiden Brüdern an einem Samstagabend zurief: „Was macht
ihr zu Hause? Ihr seid jung, geht aus!“, beschwerte sich Marra: „Wieso
sagst du das nicht zu mir?“ „Du bist ein Mädchen, du kannst zu Hause
bleiben“, sagte er. Ihre Mutter wurde wütend: „Wie kannst du so etwas
sagen? Sie sind alle drei jung und können ausgehen, wenn sie wollen.“ Als
ihr Vater ihr untersagte, mit zum Schulausflug zu fahren, weil das nichts
für Mädchen sei, drückte ihre Mutter ihr das Geld dafür in die Hand.
Ihre Mutter eckte an in dem Dorf, und die Selbstverständlichkeit, mit der
sie handelte, imponiert Marra bis heute. Und so machte sie es ihr nach,
schwang ihre Flügel und tat, was sie wollte.
Das Band zu ihrer Mutter bleibt trotz der großen Entfernung bestehen. Sie
telefoniert jeden Tag mit ihr, manchmal zweimal. Und auch, wenn die beiden
sich unendlich vermissen, sagt ihre Mutter niemals: „Komm zurück!“, und
Marra weiß, wie wertvoll das ist. Sie hat ihr die Flügel ja gegeben, damit
sie fliegen kann.
6 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Reiseziel-Reggio-Calabria/!6123616
## AUTOREN
(DIR) Judith Poppe
## TAGS
(DIR) wochentaz
(DIR) Feminismus
(DIR) Feministaz
(DIR) Oman
(DIR) Solidarität
(DIR) Gleichberechtigung
(DIR) Erziehung
(DIR) GNS
(DIR) Feministaz
(DIR) Feministaz
(DIR) Feministaz
(DIR) Feministaz
(DIR) Feministaz
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Forscherin über Netzwerke: „Wir sind anderen viel näher, als wir denken“
Im Wissen über Netzwerke steckt viel Macht, sagt die Datenwissenschaftlerin
Fariba Karimi. Wie die Geflechte funktionieren und wie sie diverser werden.
(DIR) Feminismus in Uruguay: „Solidarität braucht auch strategische Geduld“
Die Politikerin und Soziologin Constanza Moreira über frauenfreundliche
Städte, horizontale Solidarität und Feminismus als Hoffnungsquelle.
(DIR) Ärztin im Krieg in der Ukraine: „Wir sind es gewohnt, mit gefährlichen Situationen umzugehen“
Die Chirurgin Nataliia Tetruieva hat in einer Kinderklinik in Kyjiw
gearbeitet, als dort eine Rakete einschlug. Ihre Devise: lernen, teilen,
weitergeben.
(DIR) Müttersterblichkeit in Somaliland: „Meine Klinik ist unter einem Baum“
In Somaliland hat Ifrah Yousuf schon viele Frauen sterben sehen. Die
Hebamme arbeitet daran, das zu verändern.
(DIR) Feministisches Netzwerk in Sambia: „Wenn eine Frau spricht, dann verändert das alles“
Choolwe Nkwemu Jacobs ist Professorin für Gesundheitswissenschaften in
Sambia. Sie hat eine Plattform gegründet, auf der sich Frauen vernetzen
können.