# taz.de -- Feminismus in Uruguay: „Solidarität braucht auch strategische Geduld“
> Die Politikerin und Soziologin Constanza Moreira über frauenfreundliche
> Städte, horizontale Solidarität und Feminismus als Hoffnungsquelle.
(IMG) Bild: Constanza Moreira im Palacio Legislativo, dem Sitz des Parlamentes von Uruguay
taz: Frau Moreira, erinnern Sie sich noch an Karin aus Berlin?
Constanza Moreira: Ja, natürlich, wir kennen uns schon sehr lange – aus
sozialen Organisationen, Umweltbewegungen und feministischen Kämpfen. Wir
haben gemeinsam Strategien entwickelt, Sorgen geteilt, sozusagen zusammen
„konspiriert“.
taz: Stimmt es, dass Sie sich in einer Tangobar in Montevideo kennengelernt
haben?
Moreira: Das ist sehr gut möglich (lacht). Die geteilte Räumlichkeit ist
etwas sehr Typisches für die Frauen in Uruguay. Manchmal nimmt das auch
institutionelle Formen an, wie etwa die Casas de las Veteranas. Das sind
gemeinschaftliche Wohnprojekte für Frauen, die älter werden und allein
leben. Diese Projekte wurden im Municipio B umgesetzt, einem Stadtbezirk,
der eine feministische Bürgermeisterin hatte. So habe ich gelernt, dass es
möglich ist, konkrete feministische Stadtpolitik zu machen.
taz: Warum ist die wichtig?
Moreira: Wir Frauen sind viel auf der Straße unterwegs, gleichzeitig ist
der öffentliche Raum uns gegenüber feindlich. Das fängt schon bei den
kaputten Gehwegen an, auf denen sich ältere Frauen schlecht fortbewegen
können. Wie bewegen sich Frauen überhaupt in einer Stadt, die weder kinder-
noch altersfreundlich ist? Wie können wir eine Stadt bauen, die sich [1][an
den Bedürfnissen der Frauen ausrichtet], und nicht an denen der Autos? Dazu
gehören auch Begegnungsräume wie Tangobars.
taz: Was bedeutet für Sie feministische Solidarität?
Moreira: Uns wird von klein auf erzählt, dass Frauen miteinander
konkurrieren und nicht solidarisch sind. Feministische Solidarität
widerspricht diesem rechten Narrativ über weibliche Konkurrenz und Neid.
Wichtig ist dabei auch eine horizontale Beziehung, die nicht durch Männer
vermittelt wird.
taz: Wie meinen Sie das?
Moreira: Über Jahrhunderte wurde die Identität von Frauen über Männer
definiert – als Ehefrau von, Mutter von, Tochter von. Sich ohne diese
patriarchale Vermittlung zueinander in Beziehung zu setzen, ist bereits ein
politischer Akt. In der Politik ist das besonders sichtbar:
Parteivorsitzende sind [2][fast immer Männer], Frauen befinden sich in
untergeordneten Positionen. Indem wir uns in der Horizontalität anerkennen,
so wie einst das Proletariat gegenüber der Macht des Kapitals, können wir
gemeinsam gegen Ungleichheit kämpfen.
taz: Wie soll das konkret aussehen?
Moreira: Ein zentraler Punkt ist für mich der Kampf für die Stimme. Ich
habe mein Leben lang versucht, Frauen zu ermutigen, ihre Stimme zu erheben.
Als Dozentin habe ich festgestellt, dass viele Frauen in den Seminaren
nicht sprechen, weil sie sich schämen. Sie sprechen im Privaten, aber nicht
im öffentlichen Raum. Ich habe deshalb eine politische Frauengruppe
aufgebaut – Casa Grande –, die vielen Frauen eine Stimme gegeben hat.
taz: Sie sind seit vielen Jahren in der Politik, waren 2014
Präsidentschaftskandidatin und sitzen heute im Senat. Unterstützen sich
Frauen dort gegenseitig?
Moreira: Viele einflussreiche Politikerinnen sagen: „Ich habe mich nie
diskriminiert gefühlt“. Da kann ich nur den Kopf schütteln und sagen: „Dann
lebst du in Verleugnung.“ In der Politik ist es wichtig, gemeinsame Mängel
anzuerkennen: Wenn dich in einem Ausschuss niemand reden lässt, oder wenn
männliche Chefs dir Anweisungen geben. Wenn du verstehst, dass ihr dieselbe
strukturelle Position teilt – selbst wenn es dir nicht so scheint –, dann
kannst du dich zusammenschließen.
Aber du schließt dich nicht mit einer Frau zusammen, weil sie dir
sympathisch ist. Wenn die Arbeiter so gedacht hätten, hätten sie nie
Gewerkschaften oder Klassenparteien gegründet. Es geht nicht um subjektive
Sympathie, sondern um gemeinsame Interessen, um die Position im sozialen
Gefüge. Und dann gibt es noch etwas ganz Einfaches: Frauen stärken! Ich
unterstütze vor allem junge Frauen.
taz: Ich habe ein [3][Buch darüber geschrieben], was wir von feministischen
Bewegungen in Lateinamerika lernen können. Was mich besonders beeindruckt
hat, ist, wie viele unterschiedliche Frauen und Lebensrealitäten sich in
diesen Bewegungen zusammenfinden.
Moreira: Ich staune selbst darüber. Wenn ich an Lateinamerika in den
vergangenen 30 Jahren denke, dann gehört der Feminismus zu den wichtigsten
politischen Entwicklungen – gemeinsam mit indigenen und dekolonialen
Perspektiven. Was die Welt in Bewegung setzt, was sie aus ihrer
konservativ-patriarchalen Achse herausrückt, das sind in der Regel die
Linken, die Progressiven.
Der Feminismus ist in diesem Sinne eine radikale Neuheit in Lateinamerika.
Und das unterscheidet uns von Europa: die Verflechtung von Dekolonisierung
und Feminismus. All das hat sich mit antirassistischen Kämpfen und mit
Umweltbewegungen vermischt, die dem kapitalistischen Entwicklungsmodell
Grenzen setzen. Lateinamerikanische Frauen sind heute besser gebildet. Doch
ihre politische Macht wächst langsamer als ihr Bildungsniveau. Das erzeugt
Spannungen. Hohe Erwartungen treffen auf strukturelle Ungleichheit – eine
explosive Mischung.
taz: Ausgerechnet inmitten eines globalen antifeministischen Backlashes.
Moreira: Die Ultrarechte und der Faschismus waren schon immer schlecht für
die Menschheit. Das hat uns die Geschichte gelehrt. Eine der Kräfte, die
diesen Backlash vorantreiben, ist die Religion. Ich bin Atheistin, es ist
vielleicht erwartbar, dass ich nichts Gutes über Religionen sage. Aber
Säkularisierung hilft Frauen, sie hilft Arbeiterinnen und Arbeitern, sie
hilft allen.
In Lateinamerika kam dieser Prozess später, weil die Region stark
katholisch geprägt ist. Kolonialismus, Armee, Kirche: das ist das Herz des
lateinamerikanischen Konservatismus. Aber ich sehe keine Hilfe für Frauen
aus diesem Feld. Stattdessen gibt es globale, konservative Netzwerke, die
tief in der Technologiebranche verankert sind. Schauen wir uns Trump an,
als Ikone eines ultratechnologischen, ultrareichen, ultramachistischen
Patriarchats. Die kapitalistische Konzentration ist so enorm, dass es
beängstigend ist, wenn die Macht in solchen Händen liegt.
taz: Was können wir dem entgegensetzen?
Moreira: Als Linke neigen wir zu einer tragischen Weltsicht. Aber in
Momenten, in denen die Welt dunkel wird – und sie ist im Moment sehr dunkel
–, haben wir Feministinnen viel zu sagen. Die feministische Perspektive,
kritisch und rebellisch, gibt uns eine positive Richtung für die Zukunft.
Ich komme aus einer akademischen, linken, modernen Familie. Aber meine
Mutter, heute 94, hat nie gearbeitet. Sie lebte vom Geld meines Vaters. In
meiner Generation hingegen arbeiteten die Frauen, waren wirtschaftlich
unabhängig, studierten. Ich selbst wollte nie Mutter sein, doch für viele
Frauen meiner Generation war Mutterschaft noch ein Schicksal.
taz: Und heute?
Moreira: Heute ist das nicht mehr so. Weder Paarbeziehung noch Mutterschaft
sind ein unausweichliches Schicksal. Das eröffnet einen Freiheitsraum, der
für die Generation meiner Mutter undenkbar war. Das ist ein Ergebnis
unserer Kämpfe. Aber es braucht auch Geduld. Wir müssen das langsame
Voranschreiten der Dinge erkennen können. Wichtig ist die Richtung, nicht
das Tempo. Viele Frauen verlassen die Politik als Erste, weil sie sagen:
„Das ändert sich nie.“ Und dann, zehn Jahre später, geschieht genau das,
wofür sie gekämpft haben. Strategische Geduld gehört also ebenfalls zur
feministischen Solidarität. In diesem Sinne: Frauen der Welt, vereinigt
euch!
6 Mar 2026
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