# taz.de -- Proteste am 8. März: Fallstrick Solidarität
> Mit der großen Einigkeit ist am 8. März nicht überall zu rechnen. Auch
> beim Internationalen Frauentag sorgt der Nahostkonflikt für Zwietracht.
(IMG) Bild: Vielfalt der Stimmen in Berlin am Internationalen Frauenkampftag: Hier die traditionelle Gewerkschaftsdemo 2025
"Können die Subalternen sprechen?“, fragte die postkoloniale Theoretikerin
Gayatri Chakravorty Spivak bereits 1988. Sie brachte damit eine doppelte
Kritik auf den Punkt, die die feministische Bewegung bis heute beschäftigt:
dass Frauen und Frauenrechte erstens immer wieder zur Rechtfertigung des
westlichen Imperialismus in Stellung gebracht werden, was Spivak auf die
Formel „white men are saving brown women from brown men“ brachte. Und
zweitens, dass auch im antikolonialen Widerstand die Unterdrückung von
Frauen unsichtbar werden kann, wenn ihr Schicksal dem großen Ziel des
Befreiungskampfs untergeordnet wird.
Wer sich die Demolandschaft um die Proteste zum 8. März ansieht, könnte
Spivaks Frage auch als Zustandsbeschreibung der hiesigen radikalen Linken
lesen. Wer in den großen Städten wie Hamburg oder Berlin zum feministischen
Kampftag auf die Straße will, wird jedenfalls mit einem Protestangebot
konfrontiert, bei dem sich in den Aufrufen dazu noch alle voneinander
abgrenzen und sich gegenseitig vorwerfen, die schlimmsten Sachen zu
vertreten.
Aber alles der Reihe nach. Lange gab es am 8. März in den meisten Städten
eine zentrale Bündnisdemonstration. In Berlin gibt es an dem Tag dagegen
schon länger mehrere Demos: Eine Gewerkschaftsdemo tagsüber, einen
internationalistischen Protest am Nachmittag, eine anarchistische Demo am
Abend.
2024 ist in der Hauptstadt darüber hinaus [1][erstmals ein weiteres Bündnis
aufgetaucht], das unter dem Namen [2][Feminism Unlimited] firmiert – und
das in diesem Jahr auch anderswo, wie in Hamburg oder Wien, Proteste
organisiert. Diese Demos richten sich gegen den propalästinensischen Ton,
der auf den 8.-März-Demos ansonsten oft herrscht.
Der Grund dafür, dass die 8.-März-Demos zunehmend zersplittern, ist also,
mal wieder, der Nahostkonflikt. Dahinter stehen oft ganz grundsätzliche
Fragen: Sollte man etwa aufgrund der deutschen Schuld am Holocaust den
Staat Israel verteidigen? Sieht man in Israel ein regionales Aushängeschild
für die Rechte von Queers und Frauen*? Oder legitimieren solche Positionen
nicht die Verbrechen der israelischen Armee, der eine UN-Kommission aktuell
Völkermord vorwirft? Muss man sich als Linke nicht eher immer auf die Seite
derjenigen stellen, die Widerstand gegen Kolonialismus und Imperialismus
leisten?
## Ein eskalierender Konflikt
Dieser Konflikt eskaliert nun zunehmend. „Es war für uns einfach
unerträglich, dass auch linke Gruppen am 8. März auf die Straße gehen, die
den 7. Oktober feiern und die Massaker auf dem Nova-Festival sowie die
Vergewaltigungen der Hamas rechtfertigen“, sagte eine Aktivistin der
Hamburger Gruppe Feminism Unlimited zur taz, [3][die die dortige
„Kompliz*innen“-Bündnisdemo organisiert]. Die Gruppe habe deshalb ein
Gegenangebot geschaffen, um „den Antisemit:innen nicht den Platz zu
überlassen“, so die Aktivistin. Das Bündnis grenze sich aber auch von
„Rassist:innen und Transfeind:innen wie Alice Schwarzer“ ab – eine weitere
Spaltungslinie in der Bewegung.
Tatsächlich betonen viele 8.-März-Demos seit Jahren ihre
Palästinasolidarität sehr stark, sodass es zuweilen so wirkt, als würden
die Proteste nur in Akzenten mit feministischen Themen bestückt. In
antiimperialistischen Kreisen ist man durchaus bereit, zum Beispiel zu
diskutieren, ob das iranische Mullahregime nicht als „objektiv
antiimperialistischer Akteur“ doch von links zu verteidigen sei. Womit im
Interesse des großen Kampfes die Frauen*befreiung eben doch hintangestellt
wird.
Aber auch auf der anderen Seite, auf der Berliner "Feminism Unlimited"-Demo
der vergangenen Jahre, gab es eine klare Schlagseite. Hier neigte bei
manchen Teilnehmer:innen die Solidarität mit Jüd:innen dazu, sich mit einer
für den israelischen Staat zu vermischen - was wohl ebenfalls wenig mit dem
"universalistischen" Anspruch der Organisator:innen vereinbar sein dürfte.
Man kann das alles furchtbar desolat finden. Aber vielleicht liegt das
Problem der Zersplitterung ja auch in dem Gedanken, dass man immer mit
allem einverstanden sein muss, was auf einer Demo noch so gesagt wird. Wo
also all diejenigen hin sollen, die die Mullahs und die Hamas in ähnlichem
Maß beschissen finden wie die Regimes von Netanjahu oder Trump. Zumindest
sollten sie nicht zu Hause blieben.
7 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Nahost-Konflikt-und-Feminismus/!6074078
(DIR) [2] https://feminism-unlimited.org/
(DIR) [3] https://www.instagram.com/p/DU_JphBCF5o/
## AUTOREN
(DIR) Timm Kühn
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