# taz.de -- Eisschnelllaufgold über 3.000 Meter: Die Goldmutter
> Francesca Lollobrigida trotzt den Umständen und holt das erste Gold für
> Italien – im Eisschnelllauf. Im Anschluss feiert sie mit ihrem
> zweijährigen Sohn.
(IMG) Bild: Italienische Goldmutter: Francesca Lollobrigida mit Sohn
„Du hast heute Geburtstag, echt? Happy Birthday!“ Die schier unfassbare
Geschichte von Francesca Lollobrigida, die am Samstag, an ihrem 35.
Geburtstag Eisschnelllaufgold über 3.000 Meter gewonnen hat, war längst in
der Welt, als Valerie Maltais, die Bronzemedaillengewinnerin aus Kanada,
anderthalb Stunden nach dem Wettbewerb auf der Pressekonferenz vom Ehrentag
der Olympiasiegerin erfuhr.
Sie saß ebenso wie Silbermedaillengewinnerin Ragne Wiklund staunend auf dem
Podium und hörte interessiert zu, wie die erste italienischen
Olympiasiegerin dieser Spiele ihre Botschaft unter die Leute brachte, ihre
Geschichte als Leistungssportlerin und Mutter.
In aller Ausführlichkeit schilderte sie die Vorgeschichte jener rührenden
Bilder, die zeigten, wie sie nach ihrem Lauf in 3:54,28 Minuten zu einem
neuen olympischen Rekord ihren zweijährigen Sohn in den Arm nahm. Davon,
dass sie sich nicht zwischen Karriere und Kind entscheiden wollte und wie
schwierig der Weg zu Gold auch deshalb war.
Die Strukturen seien einfach nicht ausgelegt auf Mütter, die den ganzen Tag
trainieren müssen. „Und ich bin immer die erste beim Training und die
letzte, die geht“, sagte sie und erzählte davon, wie sie angepampt wurde,
wenn sie ihr Kind in den Kraftraum mitgenommen hat. Einmal im norwegischen
Hamar, wo sie zu einem Trainingsaufenthalt war, da habe sie ein Gym
gesehen, das Kinderbetreuung anbiete. Sie schwärmte: „Eine Stunde
trainieren und dann das Kind abholen, es könnte so einfach sein“.
Ihr Mann, der als Inlineskater zu den besten Italiens gehört und wie
Francesca Lollobridgida, ihre Schwester, die auch auf Rollen sehr
erfolgreich war, selbst studierter Sporttrainer ist, überhaupt ihre ganze
Familie habe alles getan, um sie immer zu unterstützen. Mit ihrem Verband,
ihrem Trainer habe sie einen Plan entwickelt, wie es nach der Geburt ihres
Sohnes im Mai 2023 weitergehen könnte.
## Das weiße Blatt Papier
Niemand war auf einen Fall wie ihren vorbereitet. „Wir haben mit einem
unbeschriebenen Blatt Papier angefangen“, sagte sie. Bei den Spielen von
Peking 2022 hatte Lollobrigida Silber über 3.000 Meter und Bronze im
Massenstart gewonnen. In den Verhandlungen über den
Wiedereingliederungsplan in den Leistungssport war das gewiss hilfreich.
Ein gutes halbes Jahr nach Tommasos Geburt lief sie schon wieder ihre
ersten Wettbewerbe. Nicht nur, weil sie ihren Kleinen bis zum 18. Monat
gestillt hat, war das eine logistische Herausforderung.
Schon bevor sie Mutter wurde, war es für sie gewiss nicht einfach, ihr
Leben zu strukturieren. Als sie sich als junge Frau für eine
Wintersportkarriere entschieden hat, wusste sie, dass sie viel unterwegs
sein würde. [1][Nach den Olympischen Spielen 2006] von Turin habe sie ihr
Vater zum Schlittschuhsport gebracht.
Das bedeutete, 250 Tage im Jahr unterwegs zu sein. Als Schülerin schon war
sie den Winter über in [2][Baselga di Piné] in den Dolomiten, dem
italienischen Eisschnelllaufzentrum. Doch da gibt es wie in ganz Italien
keinen überdachten Eislaufring. Deshalb ist sie oft in den Niederlanden
oder in Inzell, um zu trainieren. Nach Tommasos Geburt musste sie sich ganz
von neuem für den Weltcup qualifizieren, obwohl sie nur eine Saison
ausgelassen hatte. Für Mütter, die wieder in den Weltcup einsteigen wollen,
gibt es keine speziellen Regeln, die eine Wiedereingliederung erleichtern
würden.
## Sie wollte noch eine Medaille
Doch sie hat es geschafft. Sie wollte noch einmal eine Medaille bei
Olympia, bei den Spielen in ihrem Heimatland. Um Bronze wollte sie in
Mailand kämpfen. An Gold hat sie gar nicht gedacht, als sie die Schinderei
wieder auf sich genommen hat.
Und als sie sich im November einen fiesen Virus eingefangen hat, den ihr
Sohn wahrscheinlich aus dem Kindergarten mitgebracht habe („Jede Mutter
kennt das“), wollte sie fast schon hinschmeißen. „Es sollte die beste
Saison meiner Karriere werden, und es wurde die schlechteste.“ Erst vor
einer Woche, als sie zum ersten Mal den olympischen Eisring in den
Messehallen im Norden der Stadt betreten hat, wusste sie, dass sie gar
nicht so schlecht in Form war. Jetzt ist sie Olympiasiegerin.
In Italien wird sie nun gefeiert, und alle wissen spätestens jetzt, dass
die Filmdiva [3][Gina Lollobrigida] ihre Großtante war. In der Halle nach
dem Rennen war der Jubel nicht ganz so groß. Die Halle war gut gefüllt mit
Fans aus den Niederlanden. Es war offensichtlich, das Italien kein
Eissportland ist.
Umso erstaunlicher ist die Geschichte von Francesca Lollobrigida. Der
Applaus der niederländischen Fans war dementsprechend mehr als höflich,
auch wenn die gewiss entsetzt darüber waren, dass es keine ihrer
Landsfrauen auf das Podium geschafft hatte.
8 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /olympische-winterspiele-das-ueberfluessigste-ereignis-des-jahres/!486952/
(DIR) [2] https://de.wikipedia.org/wiki/Baselga_di_Pin%C3%A9
(DIR) [3] https://www.t-online.de/sport/olympia/id_101119454/olympia-2026-verwandte-von-film-legende-gina-lollobrigida-holt-olympiasieg.html
## AUTOREN
(DIR) Andreas Rüttenauer
## TAGS
(DIR) Olympische Winterspiele 2026
(DIR) Eisschnelllauf
(DIR) Goldmedaille
(DIR) Italien
(DIR) Leistungssport
(DIR) Olympische Winterspiele 2026
(DIR) Kolumne spirito olimpico
(DIR) B-Note
(DIR) Olympische Winterspiele 2026
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
(DIR) Olympische Winterspiele 2026
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Trendsport Curling: Schach auf Eis, aber mit Besen
Zu Unrecht verspottet: Curling erfordert Intelligenz, Teamgeist und mehr.
Die Sportlerinnen und Sportler verdienen mehr Beachtung. Und mehr Geld.
(DIR) Kaputte Medaillen bei Olympia: Das Ende der Legende
Bei den Winterspielen gehen reihenweise die Medaillen kaputt. Ein Hinweis
auf die Vergänglichkeit olympischen Ruhms.
(DIR) Olympiaproteste in Mailand: IOC, ICE? Nein, danke: CIO!
In Mailand eskalieren die Anti-Olympia-Proteste und werden
niedergeschlagen. Derweil formiert sich eine antinationale Bewegung für
guten Sport.
(DIR) Olympische Eröffnungsfeier: Ansehnliches Friedenstheater
Die Olympischen Winterspiele in Norditalien werden mit einer Popshow heiter
eröffnet. Doch nicht alles kommt gut an. Pfiffe gibt's für Israel und JD
Vance.
(DIR) Petition an das Olympische Komitee: Sportler*innen wollen keine fossilen Sponsoren
Tausende Wintersportler warnen, die Olympischen Winterspiele schmölzen
„buchstäblich dahin“. Sie fordern, die Zusammenarbeit mit Fossilen zu
beenden.
(DIR) Olympischer Kosmos: Völlig losgelöst
Bei den Spielen in Mailand und Cortina d’Ampezzo soll die heile Welt des
Sports gefeiert werden – allen zunehmenden irdischen Verwerfungen zum
Trotz.