# taz.de -- Olympischer Kosmos: Völlig losgelöst
       
       > Bei den Spielen in Mailand und Cortina d’Ampezzo soll die heile Welt des
       > Sports gefeiert werden – allen zunehmenden irdischen Verwerfungen zum
       > Trotz.
       
 (IMG) Bild: Kirsty Coventry möchte mit irdischen belangen in Ruhe gelassen werden
       
       An großen Worten fehlt es nie, wenn es um Olympia geht. Von den olympischen
       Werten ist dann die Rede, vom Erbe, das die Spiele in den Gastgeberorten
       hinterlassen, auf dass sie Generationen von jungen Menschen auf der ganzen
       Welt inspirieren mögen. [1][Der Weltfrieden wird auch beschworen.]
       
       Das geschieht nicht in Lausanne, dem Sitz des Internationalen Olympischen
       Komitees, nein, in New York, bei den Vereinten Nationen, wird immer dann
       zum olympischen Waffenstillstand aufgerufen, wenn wieder Spiele anstehen.
       Alle Länder der Erde mögen für die Zeit der Wettbewerbe die Waffen ruhen
       lassen, wünschte sich die Vollversammlung im vergangenen November auch für
       die Winterspiele 2026 in Mailand und Cortina d’Ampezzo.
       
       Es war der [2][erste Auftritt von Kirsty Coventry] auf großer
       diplomatischer Bühne. Seit Juni amtiert die zweifache
       Schwimmolympiasiegerin aus Simbabwe als Präsidentin des IOC. Brav bedankte
       sie sich bei den Gesandten Italiens, des Gastgeberlands der Spiele. Auch
       Monaco und Katar bedachte sie mit Dankesworten. Wieso das denn, mag man
       sich da fragen. Die beiden Staaten teilen sich den Vorsitz in der
       informellen „Group of Friends of Sports for Develpoment and Peace“ bei der
       UN. Coventry weiß natürlich, dass es gerade nicht allzu gut steht um den
       Weltfrieden. Nun möchte sie den in ihren Augen unschuldigen Sport losgelöst
       sehen von dieser kriegerischen Welt.
       
       „Wenn Athleten zusammenkommen, sehen sie keine Nationalität, Religion oder
       Herkunft. Sie sehen einander als Sportler. Sie zeigen uns, was menschliches
       Miteinander im besten Sinne sein kann“, sagte sie in bestem olympischen
       Friedenssingsang. Dann führte sie aus, wie schlimm es doch für einen
       Sportler sein muss, trotz nachgewiesener Leistung von den Spielen
       ausgeschlossen zu werden. Sportlerinnen und Sportler dürften nicht für
       etwas verantwortlich gemacht werden, was Regierungen anrichten. Seitdem
       öffnen sich für Sportlerinnen aus Russland und Belarus bei etlichen
       Verbänden wieder die Türen.
       
       ## Bei den Paralympics wieder mit russischer Fahne
       
       [3][Nachdem Russland 2022 die Ukraine überfallen hatte, hatte das IOC
       vorgegeben,] dass nur Sportlerinnen und Sportler aus den kriegstreibenden
       Nationen an internationalen Wettkämpfen teilnehmen dürfen, die keiner
       militärischen Organisation angehören und sich nicht für Kriegspropaganda
       haben einspannen lassen. Zudem durften sie nur unter neutraler Fahne ohne
       Hoheitszeichen und Hymne auftreten. Bei den anstehenden Winterspielen gilt
       das für 20 Athletinnen und Athleten aus Russland und Belarus.
       
       Für den Jugendsport sind all diese Regeln schon gefallen. Auch bei den
       Paralympics, den Weltspielen für Menschen mit Behinderung, die am 6. März
       in Mailand beginnen, wird die russische Fahne wieder gehisst werden. Dass
       das dem Weltfrieden dient, wird auch im IOC nicht wirklich jemand denken.
       Aber die Entscheidung passt zu dem Bild der zwei Welten, das im IOC seit
       Jahrzehnten gezeichnet wird. Da gibt es die eine Welt, die in der alle
       Menschen leben, eine in der es auch mal kriegerisch zugehen kann. Und da
       gibt es die heile Sportwelt, die völlig unabhängig davon existieren soll.
       
       An diesem Weltbild hält das IOC fest wie ein trotziges Kind, obwohl die
       großen Konflikte bis jetzt noch bei allen Spielen in die Sportwelt
       eingedrungen sind. Die Regeln, mit denen das IOC dafür sorgen möchte, dass
       die Politik den Sport nicht tangiert, können das nicht verhindern. Eine
       dieser Regeln besagt, dass politische Botschaften an den Wettkampfstätten
       nicht gezeigt werden dürfen. Bei den Sommerspielen vor anderthalb Jahren in
       Paris wurde die afghanische Breakdance-Artistin Manizha Talash aus dem
       Wettbewerb genommen, weil sie ein Tuch mit der Aufschrift „Free Afghan
       Women“ getragen hat. Es wurde dann nur noch mehr über die Situation von
       Frauen in Afghanistan gesprochen und über das IOC, das gern so stolz vor
       sich herträgt, dass ebenso viele Frauen wie Männer an den Spielen von Paris
       teilgenommen haben.
       
       Auch die Kulturkämpfe der Gegenwart dringen nur allzu schnell in die Welt
       der Spiele ein. Nachdem die Eröffnungsfeier der Spiele von Paris als
       Weihefest der Diversität gefeiert worden sind, musste sich das IOC aus der
       rechten Ecke als woke beschimpfen lassen. Auch [4][die Debatte um die
       Boxerin Imane Khelif], die von notorischen Anti-Trans-Aktivistinnen
       unverhohlen als Mann bezeichnet wurde, nachdem ein korrupter Boxverband
       behauptet hatte, ein Geschlechtertest habe ergeben, dass sie keine Frau
       sei, konnte das IOC nicht einfangen.
       
       ## Sportler als Propagandawerkzeuge
       
       Und die Spiele von Mailand und Cortina hatten noch lange nicht begonnen, da
       entspann sich bereits [5][eine heftige Debatte um den Einsatz von Donald
       Trumps ICE-Schergen] zum Schutz der US-Delegation in Italien. Dass das
       US-Team nun als Repräsentant eines Staates in Italien auftritt, der sich in
       Richtung Autoritarismus entwickelt, macht seine Sportlerinnen und Sportler
       zu Propagandawerkzeugen, ob diese das nun wollen oder nicht. Die
       Propagandaschlammschlacht gegen den Westen, die Russland um die jugendliche
       Eiskunstläuferin Kamila Walijewa inszeniert hat, deren positiver
       Dopingtests bei den letzten Olympischen Winterspielen in Peking öffentlich
       wurde, wird so schnell nicht vergessen, wer sie verfolgt hat.
       
       Wenn Coventry in zwei Jahren die Olympischen Sommerspiele in Los Angeles
       von Donald Trump eröffnen lässt, wird man gewiss an die zahlreichen
       männerfreundschaftlichen Handshakes ihres Amtsvorgängers Thomas Bach mit
       dem russischen Präsidenten Wladimir Putin oder dessen chinesischen Kollegen
       Xi Jinping denken. Nichts deutet darauf hin, dass das IOC sich in dieser
       Hinsicht ändern wird. So wie sie die Spiele seit Jahrzehnten nach dem immer
       gleichen Muster ablaufen.
       
       Auch in Mailand, Cortina und den anderen italienischen Alpenorten, in denen
       die Wettbewerbe stattfinden, läuft alles so, wie man es von vergangenen
       Spielen kennt. Intensive Debatten auch innerhalb des IOC über Klimawandel
       und Nachhaltigkeit [6][haben nicht zu einem zurückhaltenden Umgang mit den
       Alpen geführt.] Der Neubau einer Bob- und Rodelbahn in Cortina d’Ampezzo
       steht beispielhaft dafür. Ein olympischer Waffenstillstand im Kampf gegen
       den verantwortungslosen Naturverbrauch ist beinahe ebenso wenig in Sicht
       wie der Weltfrieden.
       
       6 Feb 2026
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Andreas Rüttenauer
       
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