# taz.de -- Fehlende Repräsentanz Süditaliens: Die Spiele des Nordens
> Im italienischen Kader standen fast nur Norditaliener:innen,
> Winterolympia ist in der Südhälfte eher egal. Das ist auch eine
> Klassenfrage.
(IMG) Bild: Eines der Gesichter dieser Spiele: Eisschnellläuferin Francesca Lollobrigida aus Rom feiert die Goldmedaille mit ihrem Sohn
Vor vielen Jahren kam es in der süditalienischen Provinz Apulien zu einem
denkwürdigen Ereignis, so erzählen es die Älteren. Ausgerechnet während der
Olympischen Winterspiele fiel dort, an der warmen Südspitze des Stiefels,
tatsächlich Schnee. Es schneite so stark wie selten. Und da begannen die
Kinder vor Ort, die olympischen Disziplinen nachzuspielen. Eine wahrhaftige
Begeisterung um Winterolympia sei damals entstanden. Diese weit entfernten
weißen Winterlandschaften wurden nachfühlbar, anfassbar.
Angehalten, klar, hat der Hype nicht. Auch zu diesen Winterspielen war
Italien, wo angesichts des Medaillenrauschs so oft die nationale Einheit
beschworen wurde, wieder ein geteiltes Land. Bereits in Rom, so etwa die
SZ, hielt sich das Interesse an Winterolympia arg in Grenzen. Und Ende
Januar wussten laut einer italienischen Umfrage 87 Prozent der Menschen im
Norden über die Spiele Bescheid, 83 Prozent in Mittelitalien – und 74
Prozent im Süden.
Die Gleichgültigkeit hat natürlich nicht nur mit dem Erleben von Schnee zu
tun, sondern auch mit Strukturen. Es gibt in Süditalien keine
Hochleistungszentren für Wintersport – wieso auch, wenn die Winter
vielerorts über zehn Grad bleiben und die Saison in den wenigen Skigebieten
kurz ist? Gewiss, technisch ist alles möglich, auch Saudi-Arabien hat
Eislaufbahnen und Skihallen. Aber energetisch ist das keine tolle Idee, und
Investments in den Süden überlegt man sich eh dreimal. Also muss, wer es im
Wintersport zu was bringen will, in den Norden.
Italiens Olympiakader war eine norditalienische Auswahl, allein 49 der 196
Athlet:innen kamen aus Südtirol. Die Zahl der Athlet:innen südlich
von Rom war so gering, dass es in regionalen Medien manchmal zu bizarren
Verrenkungen kam. In Kalabrien beispielsweise wurde Eishockeytorhüterin
Gabriella Durante als Lokalmatadorin gefeiert. Die ist zwar im kanadischen
Calgary geboren, aber ein Großelternpaar stammte aus Kalabrien. Sie trage
„ein kleines Stück Kalabrien aufs Eis“, schwärmte der Regionalsender LaC.
Es kann im Süden mühsam sein, Bindung zu den Spielen zu schaffen.
## Hunderte Kilometer gependelt
Die wenigen Athlet:innen, die tatsächlich von dort stammen, haben einen
harten Weg hinter sich. So wie [1][eine der Heldinnen dieser Spiele,
Eisschnellläuferin Francesca Lollobrigida], die aus der Nähe von Rom kommt.
Lollobrigida war eigentlich Inline-Speedskaterin, zwischen 2012 und 2019
wurde sie 15-fache Weltmeisterin und gewann 34 WM-Medaillen. Erst mit 15
Jahren hat sie mit Eisschnelllauf angefangen, inspiriert durch die
Winterspiele in Turin. Dafür fuhr ihr Vater sie am Wochenende mehrere
hundert Kilometer nach Norden ins Trainingszentrum für Eisschnelllauf.
Die teure Pendelei hat sich gelohnt: Bei den Spielen nahm Lollobrigida zwei
Goldmedaillen mit nach Hause. Mit ihrem kleinen Sohn auf dem Arm beim
TV-Interview stieß sie zudem eine Debatte über [2][Spitzensport und
Mutterschaft] in Italien an. Eine weitere erfolgreiche Frau aus dem Süden
ist die erst 16-jährige Skirennläuferin Giada d'Antonio aus Neapel. Deren
Spiele waren es nicht, sie schied erst beim Team-Event aus und zog sich
dann einen Kreuzbandriss zu. Manche kritisierten, sie sei zu früh
hochgezogen worden. Sie gilt als Supertalent. Doch in Neapel war diese
Karriere nicht möglich. D'Antonio zog mit ihrer Mutter für den Olympiatraum
nach Norditalien.
## Tod auf der Baustelle
Es kann also niemanden verwundern, dass in der prekäreren südlichen Hälfte
des Stiefels, wo Wintersportkarrieren neben logistischen Gründen ohnehin
für viele finanziell illusorisch sind, die Olympischen Winterspiele eher
wenig Emotionen weckten. Sinnbildlich für den Nord-Süd-Klassenunterschied
war vielleicht der Fall eines Wachmanns am Eisstadion in Cortina im Vorfeld
der Spiele. Der Mann starb bei einer Nachtschicht an einem Herzinfarkt, er
arbeitete unter menschenunwürdigen Bedingungen.
Die Zeitung La Repubblica berichtet von Schichten von mehr als 12 Stunden,
bis zu 84 Stunden pro Woche bei einem Stundenlohn von zehn Euro und ohne
bezahlte Krankheitstage. In der Nacht seines Todes waren es -12 Grad. Er
hatte schon länger über die Kälte geklagt. Gegen den Chef der
Sicherheitsfirma wird nun wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Der
verstorbene Wachmann kam für den Job aus dem Süden, aus dem apulischen
Brindisi. Ein Zufall, aber ein symbolträchtiger.
## Neue Talente
Und doch ändert sich vielleicht gerade wirklich was an der Repräsentanz im
Wintersport, auf verquere Art und Weise. Die Agentur Reuters berichtet,
dass die privaten Kosten pro Jahr für ein mittelklassiges 16-jähriges
Skitalent in Italien mittlerweile bei 20.000 Euro lägen. Finanzielle
Unterstützung gebe es vor der Berufung in den Nationalkader weder vom
Verband noch von den Skiklubs. Das führe dazu, dass immer weniger Talente
aus den traditionellen Wintersportregionen stammten und mehr aus
privilegierten Familien in Großstädten. Auch und zunehmend aus dem Süden –
so wie Giada d'Antonio.
Vielleicht wird der Süden also künftig wirklich sichtbarer sein. Zumindest
die Wohlhabenden. Für alle anderen werden reale Erfahrungen mit Schnee
immer weniger. In Apulien etwa haben sich die Winter [3][durch den
Klimakollaps] noch einmal deutlich erwärmt. Die meisten Kinder dort kennen
keinen Schnee mehr.
22 Feb 2026
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