# taz.de -- Einladung palästinensischer Künstlerin: Grundsatzstreit um Hochschulautonomie
       
       > Die Einladung der Künstlerin Basma al-Sharif an die Kunstakademie
       > Düsseldorf bewegt die Landespolitik. Einige fordern den Rücktritt der
       > Rektorin.
       
 (IMG) Bild: Unruhe hinter historischen Mauern: Die Kunstakademie Düsseldorf steht mal wieder im Zentrum einer politischen Kontroverse
       
       Am Mittwoch öffnet die Kunstakademie Düsseldorf ihre Türen für ihren
       [1][traditionellen „Winterrundgang“]. Vier Tage lang stellen die
       Studierenden ihre Werke aus, die Arbeitsräume sind ganztägig geöffnet.
       Erwartet werden, wie in den Jahren zuvor, rund 40.000 Besucher. Doch
       Düsseldorfs Oberbürgermeister Stephan Keller (CDU) wird kein Grußwort
       sprechen, weil er im Ausland weilt, und schickt bewusst keinen Vertreter.
       Grund sei die Einladung der palästinensischen Filmemacherin Basma al-Sharif
       an die Kunstakademie vor einigen Tagen, heißt es aus dem Rathaus.
       
       Die Kunstakademie Düsseldorf ist eine der ältesten und bedeutendsten
       Kunstschulen Europas. Künstler von Weltrang wie [2][Gerhard Richter], Jörg
       Immendorff und Markus Lüpertz haben dort gewirkt. Immer wieder kam es aber
       auch zu Konflikten mit der NRW-Landesregierung um Fragen der
       Hochschulautonomie.
       
       Der prominenteste Fall war die [3][fristlose Kündigung] von [4][Joseph
       Beuys] durch den damaligen SPD-Wissenschaftsminister und späteren
       Bundespräsidenten Johannes Rau 1972, nachdem der Professor aus Protest
       gegen den Numerus clausus mit abgewiesenen Studenten das Sekretariat der
       Akademie besetzt hatte. Doch nun gibt es wieder einen Grundsatzstreit um
       Fragen der Hochschulautonomie – diesmal im Zusammenhang mit
       Antisemitismusvorwürfen.
       
       Seit Studierende der Hochschule die Künstlerin Basma al-Sharif zu einer
       Veranstaltung einluden, ist die Kunstakademie zum Ziel von Angriffen
       geworden. Schon vor dem Termin forderten die Jüdische Gemeinde Düsseldorf,
       die Deutsch-Israelische Gesellschaft und andere die Akademie öffentlich
       auf, al-Sharif auszuladen, und NRW-Kulturministerin Ina Brandes (CDU) riet
       ihr in einem Schreiben explizit, die Veranstaltung „zu überdenken“.
       
       Doch die Akademie unter ihrer Rektorin Donatella Fioretti stellte sich
       hinter ihre Studierenden und hielt an der Veranstaltung fest. Sie erklärte
       sie aber für hochschulintern, sodass es eine reine Lehrveranstaltung war,
       die am 21. Januar laut Akademie ohne größere Zwischenfälle und in ruhiger
       Atmosphäre [5][„konzentriert und sicher“] stattfand.
       
       ## Grüne Ministerin bei Protest vor der Tür
       
       Fioretti begründete den Ausschluss der Öffentlichkeit mit „massiven
       Drohungen“, denen sich die Studierenden, die al-Sharif eingeladen hatten,
       ausgesetzt sähen. „Es war uns wichtig, den Diskursraum, den die
       Veranstaltung bot, zu erhalten.“ Das sei leider nur „mit außergewöhnlichen
       Sicherheits- und Ordnungsmaßnahmen“ möglich gewesen, so die Rektorin.
       
       Dennoch [6][demonstrieren am Abend des 21. Januar rund 80 Menschen vor der
       Kunstakademie] gegen die geschlossene Veranstaltung – darunter die
       stellvertretende NRW-Ministerpräsidentin und Wirtschaftsministerin Mona
       Neubaur von den Grünen. Und weil die Veranstaltung nicht ganz abgesagt
       wurde, [7][fordert die Jüdische Gemeinde der Stadt nun den Rücktritt der
       Rektorin]. Notfalls müsse die Landesregierung die Professorin Donatella
       Fioretti abberufen, verlangt sie – auch wenn das rechtlich nicht möglich
       ist.
       
       NRW-Kulturministerin Brandes (CDU) nennt die Rücktrittsforderung gegenüber
       der taz „nachvollziehbar und verständlich“. Sie hat Fioretti am heutigen
       Dienstag zum Rapport ins Ministerium bestellt. Im Gespräch wolle sie „die
       klare Erwartung formulieren, dass die Kunstakademie öffentlich Stellung
       beziehen und in den Dialog mit ihren Kritikern treten muss“. Fiorettis
       bisherige Stellungnahmen seien für sie „nicht ausreichend und nicht
       nachvollziehbar“, sagt Brandes.
       
       Worum aber geht es? Die 43-jährige Künstlerin [8][Basma al-Sharif]
       verarbeitet in ihren Filmen die Erfahrung von Flucht und Exil, sie arbeitet
       dabei mit Fotografien, Collagen und Installationen. Al-Sharif wurde in
       Kuwait geboren, hat in den USA studiert und lebt in Berlin. Ihre Werke
       wurden vielfach ausgezeichnet: Erst im November erhielt sie beim
       [9][Kurzfilmfestival Winterthur den hoch dotierten Hauptpreis für ihren
       Film „Morgenkreis“]. Aus diesen Gründen hatten die Studierenden sie nach
       Düsseldorf eingeladen.
       
       ## Ein rotes Cape als getarntes Hamas-Dreieck?
       
       Doch um al-Sharifs Werk geht es in der Debatte nicht. Sondern um einzelne
       Instagram-Posts, in denen sie nach Ansicht ihrer Kritiker das Existenzrecht
       Israels infrage gestellt und den Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023
       relativiert haben soll. Das Instagram-Profil von Basma al-Sharif zeigt
       überwiegend künstlerische Beiträge. Zumindest einmal hat sie dort Israel
       jedoch als „zionistische Entität“ bezeichnet, was als Leugnung des
       Existenzrechts ausgelegt wird. Außerdem hat sie sich mehr als einmal,
       direkt oder indirekt, [10][für einen Israel-Boykott] ausgesprochen.
       
       Zudem wird ihr vorgeworfen, das „Hamas-Dreieck“ verwendet zu haben. Der
       Vorwurf bezieht sich wohl auf einen mehrteiligen Post zu Halloween. Er
       zeigt unter anderem ein Foto von einem Kind in einem dreieckigen roten Cape
       sowie ein Kostüm mit einem kleinen dreieckigen roten Aufnäher.
       
       Al-Sharif hat sich bisher nicht zu den Vorwürfen geäußert. Dennoch ist
       Wirtschaftsministerin und stellvertretende Ministerpräsidentin Neubaur
       überzeugt: „In ihren Arbeiten und öffentlichen Positionierungen werden
       Narrative bedient, die Gewalt relativieren und antisemitische
       Deutungsmuster reproduzieren“, sagt die Ministerin der taz. „Für mich ist
       vollkommen klar: Werk und Künstlerin lassen sich hier nicht voneinander
       trennen.“
       
       Neubaur engagiert sich stark für Israel. Erst im November hielt sie bei
       einer Veranstaltung der [11][Lobby-Organisation ELNET] im renommierten
       Düsseldorfer Industrie-Club einen Impuls-Vortrag. Förderer des Vereins
       diskutierten dort laut Veranstalter mit „Multiplikatoren aus Wirtschaft und
       Gesellschaft“ sowie politischen Entscheidungsträgern über „politische
       Bildungsarbeit“ und ELNET-Aktivitäten.
       
       „Ich habe nicht vor zurückzutreten“, sagt die Rektorin Donatella Fioretti
       der taz entschieden. „Wir haben uns an die Prinzipien der Freiheit der
       Kunst und der Wissenschaft gehalten, die im Grundgesetz verankert sind.“
       Auch der akademische Senat ihrer Hochschule weist die „Angriffe auf das
       Rektorat sowie Rücktrittsforderungen entschieden zurück“, wie es in einer
       aktuellen Stellungnahme heißt, und die Studierendenvertretung der Akademie
       stärkt ihrer Rektorin ebenfalls den Rücken.
       
       ## Rektorin Fioretti will nicht weichen
       
       „Für uns sind zwei Dinge entscheidend“, sagt Fioretti: „Erstens: Wir wollen
       unsere Hochschule als Ort des Dialogs erhalten, weil es zu unserem
       institutionellen Auftrag gehört, künstlerische Positionen zu zeigen, die
       komplex sind und Widerspruch und Kritik auslösen können. Wir müssen die
       Positionen nicht teilen.“ Eine Kunstakademie sei ein Ort der
       Auseinandersetzung. „Zweitens: Wir verstehen unsere Hochschule als Ort des
       komplexen Denkens. Wir diskutieren über die Arbeit einer Künstlerin nicht
       anhand von Instagram-Posts, sondern indem wir uns ihre Werke anschauen.“
       Das habe man auch in diesem Fall getan.
       
       „Unsere Studierenden sollen die Freiheit haben, einzuladen, wer für sie
       wichtige zeitgenössische Fragen stellt, und das wollen wir auch so
       beibehalten.“ Die Filme von Basma al-Sharif hätten zudem weniger mit
       Palästina zu tun und mehr mit dem Leben als Flüchtling, und dass man sich
       nirgends zu Hause fühle, fügt sie hinzu. „Solche Fragen beschäftigen auch
       unsere Studierenden, von denen viele einen Migrationshintergrund haben“,
       betont Fioretti.
       
       Die Architektin Fioretti, die in Düsseldorf Baukunst lehrt, ist seit 2023
       im Amt. Schon nach ihrer Wahl im Dezember 2022 hatte sich das
       NRW-Wissenschaftsministerium quergestellt und die Wahl wegen angeblicher
       Verfahrensfehler für ungültig erklärt. Studierende stellten sich damals mit
       einer Protest-Blockade hinter Fioretti. Im April 2023 wurde sie [12][in
       einem erneut angesetzten Wahlgang zur Rektorin gewählt]. Das Verhältnis zum
       Ministerium ist dadurch aber bereits belastet.
       
       ## NRW-Hochschulgesetz soll geändert werden
       
       Die Rücktrittsforderungen an Fioretti fallen nun just in eine Zeit, in der
       Nordrhein-Westfalens schwarz-grüne Regierung das Hochschul- und
       Kunsthochschulgesetz des Landes ändern will. Kulturministerin Brandes
       bedauerte [13][im Wissenschaftsausschuss des Landtags am 21. Januar], sie
       sei „extrem frustriert“, dass ihr die Hände gebunden seien. Die
       Kunstakademie Düsseldorf habe keine rechtswidrigen Handlungen begangen. Sie
       verwies aber auf die geplante [14][Novellierung des Hochschul- und
       Kunsthochschulgesetzes in Nordrhein-Westfalen], mit dem sich die
       Möglichkeiten erweitern könnten, in solchen Fällen einzuschreiten.
       
       Ein [15][erster Gesetzentwurf] machte bereits vor mehr als einem Jahr die
       Runde und sorgte für Empörung. 46 Verfassungsrechtlerinnen und
       Verfassungsrechtler aus verschiedenen juristischen Fakultäten des Landes
       kritisierten [16][in einem offenen Brief bereits im Dezember 2024], ein
       solches Gesetz könne dazu führen, alle Hochschulen Nordrhein-Westfalens im
       Namen des vorgeblichen Schutzes vor Diskriminierung „mit einem System des
       institutionalisierten Misstrauens“ zu überziehen und die
       Wissenschaftsfreiheit „ernsthaft und nachhaltig zu beschädigen“.
       
       Hochschulen würden sich damit „von Orten des gemeinsamen Wagnisses auf der
       Suche nach Wahrheit zu Orten des Verdachts und der Disziplinierung“
       verwandeln, so der Brief. Fast 200 weitere Wissenschaftlerinnen und
       Wissenschaftler schlossen sich diesem Schreiben an.
       
       Der Streit um die Kunstakademie Düsseldorf wird vor diesem Hintergrund zu
       einer Probe aufs Exempel, wie weit die Politik gegenüber den Hochschulen
       gehen kann.
       
       3 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://kunstakademie-duesseldorf.de/rundgang/winterrundgang-2025-2026/
 (DIR) [2] /Kuenstlerbuecher-von-Gerhard-Richter/!5834486
 (DIR) [3] /Lehrfreiheit-versus-Hausfriedensbruch/!5695957/
 (DIR) [4] /Joseph-Beuys-beerben/!5758310
 (DIR) [5] https://kunstakademie-duesseldorf.de/presse/
 (DIR) [6] https://www1.wdr.de/nachrichten/rheinland/kunstakademie-duesseldorf-veranstaltung-kuenstlerin-kritik-100.html
 (DIR) [7] https://www.forschung-und-lehre.de/management/juedische-gemeinde-verlangt-abberufung-von-kunstakademie-rektorin-7501
 (DIR) [8] https://imanefares.com/artistes/basma-al-sharif/
 (DIR) [9] https://www.kurzfilmtage.ch/de/industry/preistraegerinnen-2025
 (DIR) [10] /Academic-Boycott-Konferenz-in-Berlin/!6147178
 (DIR) [11] /Lobbyorganisation-Elnet/!6130001
 (DIR) [12] https://www.monopol-magazin.de/fioretti-neue-rektorin-der-kunstakademie-duesseldorf
 (DIR) [13] https://www.landtag.nrw.de/home/mediathek/video.html?kid=5798f8dc-02dd-466d-b469-b2f67e9ca1ac
 (DIR) [14] https://www.forschung-und-lehre.de/politik/kritik-am-geplanten-nrw-hochschulgesetz-nimmt-zu-6881
 (DIR) [15] https://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMV18-3086.pdf
 (DIR) [16] https://verfassungsblog.de/ein-hochschulsicherheitsrecht-verstost-gegen-die-verfassungsrechtliche-gewahrleistung-wissenschaftlicher-forschung-und-lehre/
       
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