# taz.de -- „Academic Boycott Konferenz“ in Berlin: Oder soll man es lassen?
> Der Name ist Programm: Deutsche Universitäten sollen ihre Verbindungen
> nach Israel kappen, fordert ein Bündnis palästinasolidarischer Gruppen.
(IMG) Bild: BDS Aktivist:innen fordern seit über 20 Jahren beharrlich einen kompletten Boykott Israels
Ist ein Boykott das richtige Mittel, um [1][Kriegsverbrechen] und
[2][Menschenrechtsverletzungen] Israels an den Palästinenser:innen zu
stoppen? Für die Organisator:innen [3][der Academic Boycott
Konferenz], die an diesem Wochenende in Berlin stattfindet, ist diese Frage
schon längst mit einem klaren Ja beantwortet. Inhaltlich geht es auf dem
dreitägigen Kongress folgerichtig darum, wie sich in eine bundesweite
Kampagne für den Boykott israelischer Universitäten aufbauen lässt.
Organisiert wird der Kongress vom Internationalistischen Bündnis, einem
Zusammenschluss palästinasolidarischer Gruppen in Berlin. Beteiligt sind
unter anderem der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS), die jüdische
Stimme, diverse kommunistische Kleingruppen, aber auch die Bezirksverbände
der Linken Neukölln und Wedding.
„Die Notwendigkeit eines Boykotts ergibt sich aus der Analyse, welche
Funktionen israelische Universitäten in der [4][illegalen Besatzung]
Palästinas übernehmen“, erklärt Leon Bijan, Pressesprecher der Konferenz.
Die israelischen Institutionen seien ganzheitlich in den
militärisch-industriellen Komplex eingebunden.
So würden an der Technion Universität in Haifa Computertechnologien
entwickelt, die [5][bei algorithmischer Zielerfassung] der israelischen
Armee relevant sind, erklärt Bijan. Auch Studiengänge speziell für
Soldat:innen gebe es dort. „Universitäten sind keine neutralen
Instanzen, sondern ganz maßgeblich an der Besatzung beteiligt“, kritisiert
Bijan. Besonders Technion sei zentral in die Waffenindustrie eingebunden.
Die Universität betreibe Kooperationen mit israelischen Waffenschmieden wie
[6][Rafael] und Elbit.
## Ökosystem des Krieges
Technion ist nicht die einzige Universität, die die Nähe zur
Rüstungsindustrie sucht. Erst Anfang Dezember veranstaltete die Tel Aviv
University die [7][Defense Tech Week], eine zweitägige Konferenz, auf der
die neuesten Entwicklungen der Rüstungsindustrie vorgestellt wurden:
Angriffsdrohnen, algorithmische Überwachungstechnologien und AI-basierte
Propagandatools.
Zwischen israelischen Universitäten, Militär und Rüstungsunternehmen hat
sich in den letzten Jahren, befeuert durch den Gazakrieg, eine Allianz
gebildet, die in der Start-up-Welt als „Ökosystem“ bezeichnet wird.
Absolvent:innen gründen Start-ups, die von den großen
Rüstungsunternehmen aufgekauft werden. Durch den Krieg in Gaza und die
Besatzung im Westjordanland bleibt der Bedarf nach militärischen
Hightechprodukten hoch.
Die Kampagne, die auf der Konferenz am Wochenende ihren Anfang finden soll,
zielt darauf, dass deutsche Universitäten ihre Kooperationen mit
israelischen Institutionen einstellen sollen. „Mit dem Boykott soll
politischer Druck ausgeübt werden“, sagt Bijan. Dieser sei nicht nur
symbolisch, sondern auch materiell. So fließen zum Beispiel durch das
europäische Horizon-Förderprogramm jährlich Hunderte Millionen Euro in die
israelische Wissenschaftslandschaft.
In Deutschland sind Verflechtungen mit der israelischen
Wissenschaftslandschaft vielfältig. Auf der Website
[8][Academiccomplicity.eu] listen die Aktivist:innen über 300 direkte
und indirekte Verbindungen deutscher Hochschulen auf. „Besonders die TU
Berlin hat enge Verbindungen mit dem Technion Institut“, kritisiert Bijan.
## BDS in neuen Gewändern
Die Forderung nach einem akademischen Boykott gibt es seit 2005, dem
Gründungsjahr der [9][„Boycott Divest Sanction“-Kampagne] (BDS). Die
Kampagne setzt sich nicht nur für einen akademischen, sondern kompletten,
auch wirtschaftlichen und kulturellen Boykott Israels ein. [10][In einer
2019 verabschiedeten Bundestagsresolution wird die BDS-Bewegung als
„antisemitisch“ verurteilt und Kommunen dazu aufgefordert,
Aktivist:innen der Kampagne keine Räume bereitzustellen.] Beteiligt am
Konferenzbündnis ist auch der Berliner BDS-Ableger.
Doch mittlerweile findet die Forderung nach einem Boykott auch weit über
die palästinasolidarische Bewegung hinaus Anklang. In der im Juli
vergangenen Jahres verabschiedeten [11][Uppsala Declaration] fordern 438 an
deutschen Universitäten beschäftigte Wissenschaftler:innen einen
akademischen Boykott.
„In Deutschland ist die Diskussion über einen akademischen Boykott aufgrund
der rechtlich umstrittenen BDS-Resolution des Bundestags beinahe unmöglich
zu führen“, kritisiert Mitunterzeichner Robin Celikates, Professor für
Philosophie an der FU. Dabei sei Boykott eine klassische und international
als legitim und effektiv anerkannte Form des friedlichen Widerstands.
Wichtig ist ihm: „Der Boykott richtet sich nicht gegen die Zusammenarbeit
mit israelischen Wissenschaftlern, sondern gegen Institutionen.“ Es gehe
nicht darum, Einzelpersonen abzustrafen, die an israelischen Universitäten
lehren.
Die Uppsala Erklärung führt vor allem rechtliche Bedenken für einen
akademischen Boykott an. Israelische Universitäten seien eng verpflichtet
mit illegaler Besatzung und der Unterstützung vom „Apartheidssystem“ und
dem „laufenden Völkermord“, heißt es in der Erklärung, die vor dem
Waffenstillstand in Gaza verabschiedet wurde. „Daher kommt die
institutionelle Zusammenarbeit mit diesen Universitäten einer Beihilfe und
Unterstützung bei Verstößen gegen zwingendes Völkerrecht gleich.“
## Boykott wirkt
International liegt der akademische Boykott im Trend. [12][Das Portal
Israel heute berichtet über einen rasanten Anstieg der Boykottaktivitäten
europäischer Universitäten]. Der Boykott verlagere sich zunehmend auf eine
institutionelle Ebene, so der Bericht. In Irland, Spanien und Belgien
[13][stellen immer mehr Universitäten ihre Kooperationen mit israelischen
Partnern ein.]
Die Berliner Universitäten lehnen bislang eine Einstellung der
Zusammenarbeit entschieden ab. „Ein genereller Boykott der israelischen
Wissenschaft schwächt die demokratischen Kräfte und würde gerade jene
israelischen Wissenschaftler:innen besonders treffen, die sich gegen
die Polarisierung und Radikalisierung der Gesellschaft engagieren“, sagt
etwa HU-Präsidentin Julia von Blumenthal.
Auch die Berliner Linke ist uneins über die Boykottforderung. Tobias
Schulze, wissenschaftspolitischer Sprecher, lehnt einen kompletten Boykott
ab: „Wir finden eine Aufrechterhaltung des akademischen Austauschs
wichtig“, sagt Schulze, das sei auch bei der militärischen Aggression
Russlands so gewesen. Nach dem Angriffskrieg 2022 stellten viele
Universitäten ihre Kooperationen mit Russland ein. Bedenkliche militärische
Zusammenarbeit ließe sich auch anders unterbinden. „Ich bin großer Freund
der Zivilklausel“, sagt Schulze – sprich: eine Selbstverpflichtung von
Universitäten, auf militärische Forschung zu verzichten.
Jorinde Schulz, Sprecherin des linken Bezirksverbands, der auch in dem
organisierenden Bündnis vertreten ist, begrüßt zumindest, dass die
Konferenz stattfindet: „Wichtig ist, dass wir über akademischen Boykott
diskutieren können.“
21 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Friedensplan-fuer-Gaza/!6138465
(DIR) [2] /Gewalt-im-besetzten-Westjordanland/!6145264
(DIR) [3] https://academicboycott-confrence.com/de/akademischer-boykott/
(DIR) [4] /Anerkennung-eines-Staates-Palaestina/!6112476
(DIR) [5] /Israel-nutzt-KI-System-Lavender-in-Gaza/!6002476
(DIR) [6] /Deutschland-kauft-Ruestungsgueter-aus-Israel/!6107998
(DIR) [7] https://defensetech-week.com/startup-exhibition/
(DIR) [8] https://academiccomplicity.eu/
(DIR) [9] /-BDS-Bewegung-wird-20/!6095994
(DIR) [10] /Antisemitismus-Resolution-vor-Gericht/!6032214
(DIR) [11] https://uppsaladeclaration.se/germany/
(DIR) [12] https://www.israelheute.com/erfahren/akademischer-boykott-in-europa-nimmt-zu/
(DIR) [13] https://www.theguardian.com/world/2025/sep/13/universities-around-the-world-cut-ties-with-israeli-academia-over-gaza-war
## AUTOREN
(DIR) Jonas Wahmkow
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