# taz.de -- Boykott-Konferenz in Berlin: „Ein Vehikel für antisemitische Weltanschauungen“
       
       > Die Hochschulgruppe „Tacheles“ kritisiert einen Boykott-Aufruf gegenüber
       > israelischen Hochschulen. Das sei absolut nicht friedensfördernd.
       
 (IMG) Bild: Eine Kufiyah liegt im Treppenhaus der Humboldt-Universität Berlin
       
       taz: Joel Ben-Joseph, am Wochenende wollen die Teilnehmer*innen einer
       Konferenz in Berlin darüber beraten, wie sie [1][israelische Hochschulen
       boykottieren und von internationaler Zusammenarbeit ausschließen] können.
       Was haltet ihr als antisemitismuskritische Hochschulgruppe von der
       Konferenz? 
       
       Joel Ben-Joseph: Die Intention ist sehr klar ersichtlich. Die Veranstalter
       wollen die Kernbotschaften von BDS …
       
       taz: … die Bewegung, die den Staat Israel wirtschaftlich, kulturell und
       politisch isolieren will … 
       
       Ben-Joseph: … an den Unis salonfähig machen und verbreiten, also einer
       Bewegung, die sich dafür einsetzt, Israel zu boykottieren, von
       Investitionen auszuschließen und zu sanktionieren. Die Forderungen dieser
       Konferenz sind nicht produktiv und nicht diskursfördernd. Wir sehen in der
       Konferenz ein Vehikel für antisemitische Weltanschauungen und Narrative.
       Das zeigt sich nicht auf den ersten Blick ins Programm. Aber wenn man sich
       die Sprecher*innen ansieht und ihre Kommentare, zeigen sie eine
       politische Praxis, die Gewalt gegen Jüdinnen und Juden legitimiert und
       Gewalt als Widerstand feiert.
       
       taz: In der Konferenz soll es auch um die Rolle der israelischen und
       deutschen Wissenschaft gehen und ihre Verstrickungen in die Politik in
       Israel/Palästina diskutiert werden. Ist es denn nicht Aufgabe der
       Hochschulen, das, was an Forschung und Wissenschaft dort passiert, auch
       kritisch zu hinterfragen, gerade im Konflikt? 
       
       Ben-Joseph: Alle Universitäten in allen Ländern kommen auch staatlichen
       Interessen nach. Das ist wohl auch in Israel so. Deshalb aber den Boykott
       von israelischen Unis zu fordern, ist unverhältnismäßig. Konsequent zu Ende
       gedacht müsste man sich hier selbst boykottieren, wegen der Aktivitäten von
       Unis in Deutschland. Sinnvoller wäre es, Kontakte aufrecht und Kanäle offen
       zu halten, etwa zu Friedens-Initiativen oder zu linken Akteur*innen.
       Hochschulen sollten [2][die Chance nutzen, friedensfördernde Diskussionen
       zu führen anstatt Verbindungen zu kappen].
       
       taz: Die Veranstalter*innen betonen, dass sich [3][ihr Boykott-Aufruf
       gegen Institutionen] richtet, nicht gegen einzelne Personen. 
       
       Ben-Joseph: Dass sich der Boykott nicht gegen Personen richtet, ist ein
       Scheinargument. Diese Gruppen reden nur mit Jüdinnen und Juden, wenn sie
       antizionistisch sind, sie fordern also bestimmte Distanzierungen ein. Man
       kann davon ausgehen, dass solche Gedanken am Ende dazu führen, dass dann
       doch etwa in einem Seminar ein*e Austauschstudent*in aus Israel oder
       ein*e jüdische*r Student*in ausgeschlossen wird, nur weil er*sie
       jüdisch oder israelisch ist.
       
       taz: Das Studierendenparlament der Humboldt-Universität (HU) hat im
       November einen [4][Beschluss von 2018 aufgehoben. Der hatte BDS-nahe
       Gruppen] von jeder Unterstützung ausgeschlossen. Wie beurteilt ihr diese
       Entscheidung?
       
       Ben-Joseph: Diese Aufhebung ist völlig unsinnig. Das ist rein symbolisch
       und soll nur dazu führen, BDS wieder legitimieren zu können und BDS-nahe
       Gruppierungen wieder zu fördern, auch über finanzielle Wege etwa über
       Gelder vom Asta, die dieser entsprechenden Hochschulgruppen dann gewähren
       kann. An der FU gibt es seit einem Jahr eine BDS-Hochschulgruppe. Es hat
       einfach nichts mit produktiver Diskussion und Arbeit im Kontext mit Nahost
       zu tun.
       
       taz: Welchen Austausch wünscht ihr euch? 
       
       Ben-Joseph: Die Konferenz verfolgt offen in erster Linie
       politisch-aktivistische Ziele. Es geht nur um Palästina, das wird auch
       schon in der Symbolik auf den Flyern und der Webseite deutlich, die sich
       auch nur auf Palästina bezieht. Wenn es eine produktive, akademische
       Debatte sein soll, die offenen Diskurs ermöglicht, muss sie sich auch mit
       Frieden für beide Seiten beschäftigen. Dazu passt nicht, nur einen
       einzelnen Aktivismus zu puschen. Das, was bei der Konferenz geschieht, ist
       nur Predigen zu den Gläubigen.
       
       taz: Wie ist das gemeint?
       
       Ben-Joseph: Da kommt keiner, der das nicht eh schon denkt. Ähnlich ist es
       teils auch bei antisemitismuskrischen Veranstaltungen, wo auch nur die
       kommen, die schon so denken. Aber um Standpunkte zusammenzubringen und
       Polarisierungen aufzuheben, dazu müsste man in einen Austausch kommen und
       mit beiden Seiten reden.
       
       23 Jan 2026
       
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