# taz.de -- Verhandlung über „Artgemeinschaft“: Wie der Vater, so der Sohn
       
       > Die Polizei findet sprengfähiges Material auf einem Hof mit Verbindung
       > zur rechtsextremen „Artgemeinschaft“. Über deren Verbot wird vor Gericht
       > gestritten.
       
 (IMG) Bild: Eine ältere Aufnahme des durchsuchten Hofs in Weißenborn
       
       Ob Marcel W. etwas ahnt, ist schwer zu sagen. Ob er weiß, was in jenen
       Minuten auf dem Hof bei seinem ältesten Sohn und seiner Ex-Frau los ist,
       lässt sich ihm nicht ansehen. Am vergangenen Mittwochvormittag um kurz nach
       10 Uhr sitzt der Anfang 40-Jährige im Zuschauerraum des altehrwürdigen
       Sitzungssaals IV des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig. Verhandelt wird
       hier über [1][die Verbotsverfügung gegen die völkisch-rassistische
       „Artgemeinschaft]“, die das Bundesinnenministerium 2023 erlassen hat. W.
       war einer derjenigen, an die die Verbotsverfügung damals adressiert war.
       
       Die Verteidiger der Artgemeinschaft, selbst mit langer Geschichte in der
       extrem rechten Szene, tragen hier lang und breit ihre Argumente vor: Die
       Artgemeinschaft sei eine rein heidnische Religionsgemeinschaft, kein
       völkisch-rassistisches Indoktrinationsnetzwerk. Sie sei nur einem
       exklusiven Kreis an Leuten vorbehalten gewesen und könne daher gar nicht
       „kämpferisch-aggressiv“ sein, wie das Innenministerium behauptet.
       
       Zeitgleich zu der Verhandlung in Leipzig gibt es neben dem Anwesen der W.s
       in Weißenborn im Burgenlandkreis einen lauten Knall. So laut, dass
       Anwohner*innen von wackelnden Fenstern und Rissen in Kacheln berichten.
       Grund war eine kontrollierte Sprengung durch Spezialkräfte der Polizei. Die
       Beamten waren zuvor vermummt und mit Maschinenpistolen angerückt, um auf
       den Hof der W.s zu stürmen. So berichten es Zeug*innen der
       Mitteldeutschen Zeitung.
       
       Die Staatsanwaltschaft Halle ermittelt laut offiziellen Angaben gegen einen
       25 Jahre alten Mann wegen Verstoß gegen das Waffen- und Sprengstoffgesetz.
       Sie hatten Hinweise darauf, dass dieser sich über das Internet Chemikalien
       bestellt haben könnte, mit denen man Sprengstoff mischen kann.
       
       ## Sprengfähiges Material in zweistelligen Kilobereich
       
       Tatsächlich wurden die Einsatzkräfte fündig. Sie stellten Munition und
       Waffen sicher, darunter Armbrüste, zudem Festplatten und Laborausrüstung –
       sowie nach Einschätzung der Ermittler*innen jede Menge „sprengfähiges
       Material“ – und zwar im zweistelligen Kilobereich.
       
       Die Fachleute hielten das Material für so gefährlich, dass sie es nicht
       transportierten, sondern vor Ort sprengten. Gegen 10.30 Uhr heulten daher
       die Sirenen im Ort, 15 Anwohner*innen werden vorsichtshalber evakuiert.
       Die Freiwillige Feuerwehr rückte zur Unterstützung mit mehreren Fahrzeugen
       an. Dann folgte der Knall.
       
       Der Sprengstofffund berührt Aspekte, die auch in der Verhandlung in Leipzig
       eine Rolle spielen – und die von den Anwälten der Rechtsextremisten infrage
       gestellt werden: etwa die, wie gefährlich die langjährige Indoktrination
       von Kindern und Jugendlichen in den Familien der vorgeblich
       religiös-esoterischen Artgemeinschaft ist und wie kämpferisch-aggressiv
       deren Haltung sich zeigt, die den Verein laut Bundesinnenministerium
       ausmacht.
       
       Denn bei dem Verdächtigen handelt es sich nach taz-Informationen um einen
       Sohn von Marcel W., Mitglied der Artgemeinschaft. Auf dem Hof, wo die
       Durchsuchung stattfand, wohnt dessen Mutter, W.s Ex-Frau Janine. Das
       Familienleben scheint von den langjährigen Verbindungen in die militante
       Neonazi- und Holocaustleugnerszene geprägt zu sein.
       
       ## Einschlägig rechte Familie
       
       Mutter Janine war selbst im November 2018 auf einem Treffen der
       Artgemeinschaft dabei. Im selben Jahr besuchte sie mit ihrem Sohn ein
       völkisches Szeneevent in Bischofswerda. 2023 nahm sie am Bundesparteitag
       der NPD im sächsischen Riesa teil.
       
       Vom Hof in Weißenborn aus betrieb sie den Kyffhäuser-Faksimile-Verlag. Der
       gab unter anderem Bücher des Rechtsextremisten Jürgen Schwab heraus, der am
       Deutschen Kolleg gemeinsam mit Horst Mahler eine „Reichsbürgerbewegung“
       erfand, sowie Werke des Nationalmarxisten Reinhold Oberlercher, ebenso
       Vordenker der Reichsbürgerbewegung. Ihr neuer Partner ist einer der
       bekanntesten Neonazis aus Thüringen und war dort ehemaliger Gebietsleiter
       der [2][Europäischen Aktion], eines Netzwerks für Holocaustleugner und
       Rechtsextremisten.
       
       Der 25-jährige Sohn Thore, gegen den die Staatsanwaltschaft wegen eines
       möglichen Verstoßes gegen das Waffen- und Sprengstoffgesetz ermittelt, kam
       auch schon in der Szene rum. 2016 war er mit seiner Mutter auf einem
       Sommerfest der NPD, 2017 bei einem Treffen des neuheidnischen rechten
       Orphischen Kreises. Im Dezember 2022 nahm er in Herboldshausen bei einem
       Lager des „Sturmvogels“ in einer Uniform des völkisch-bündischen Verbands
       teil. Der Sturmvogel ging aus der verbotenen Wiking-Jugend hervor und
       betreibt eine Indoktrination von Jugendlichen und Kindern. Genau das wirft
       das Bundesinnenministerium auch der noch verbotenen Artgemeinschaft vor.
       
       Vater Marcel W. lebt mittlerweile in einem Nachbardorf. Er war bis 2008
       Landesvorsitzender der hessischen NPD und zählte dort Mitte der 2000er
       Jahre zu den Schlüsselfiguren der gewaltbereiten neonazistischen Szene. Er
       wurde 2007 wegen Holocaustleugnung zu einer viermonatigen Haftstrafe
       verurteilt, ausschlaggebend waren laut Frankfurter Rundschau offenbar auch
       seine Vorstrafen wegen schwerer Körperverletzung, Beleidigung und Bildung
       bewaffneter Gruppen.
       
       ## Vater Marcel W. wird mehrfach in NSU-Akten erwähnt
       
       Der Name von Marcel W. taucht auch mehrfach in den sogenannten
       [3][NSU-Akten auf, die im Zuge der Aufklärung der Verbrechen des
       Terrornetzwerks des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) die Rolle des
       hessischen Verfassungsschutzes untersuchten]. So steht dort an mehreren
       Stellen über W., dass dieser an Schießtrainings im Ausland teilgenommen
       haben soll, unter anderem im August 2007 in der Schweiz. Bereits 2003 war
       er demnach Teilnehmer einer Wehrsportübung im Kreis Aschaffenburg.
       
       Und: Marcel W. soll laut einem Akteneintrag bei einem Treffen der Freien
       Nationalisten Rhein-Main im Juli 2006 danach gefragt haben, wie man
       Sprengstoff herstellt. Wörtlich heißt es in den NSU-Akten über das Treffen:
       „Marcel W[…] erkundigt sich, wie man aus Düngemittel Ammoniaknitrat
       gewinnen könne. Ammoniaknitrat wird zur Herstellung von Sprengstoff
       benutzt. Eine nähere Erläuterung, warum sich W[…] dafür interessiert oder
       wofür er diese Auskunft benötigt, gab er nicht.“
       
       Ob der Sohn nun 20 Jahre später auf eine ähnliche Idee kam, ist Gegenstand
       der Ermittlungen. Die übernimmt das Landeskriminalamt. Auf die Frage, ob es
       weitere Verdächtige gibt, schweigt die Staatsanwaltschaft Halle „aus
       ermittlungstechnischen Gründen“. Der Verdächtige sei jedenfalls nicht in
       Untersuchungshaft, weil keine Flucht- oder Verdunkelungsgefahr bestehe.
       
       Vielleicht rührte sich Vater Marcel W. deshalb am Mittwoch nicht von den
       Besucherplätzen des Bundesverwaltungsgerichts? Er blieb bis zum Ende des
       Prozesstages. Nur hin und wieder sah man ihn draußen in den Pausen etwas
       hektisch telefonieren. Ein Urteil darüber, ob die gefährliche
       Artgemeinschaft verboten bleibt, verkünden die Richter am 10. Februar.
       
       Mitarbeit: Johannes Grunert, Timo Büchner
       
       2 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Rechtsextreme-Artgemeinschaft-verboten/!5962927
 (DIR) [2] /Razzia-bei-Rechtsradikalen-in-Thueringen/!5424524
 (DIR) [3] https://fragdenstaat.de/dossier/nsu-akten/
       
       ## AUTOREN
       
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