# taz.de -- Abbau des Sozialstaats: Gegen das halbe Land
> Sollen die doch selbst zahlen beim Zahnarzt, tönt es aus CDU-Kreisen.
> Auch wenn es so weit nicht kommen wird, haben solche Forderungen Folgen.
(IMG) Bild: Wer doktert da am Sozialstaat rum: Sonde, Spiegel, Spritze
Der Zahnarzt Peter Urbanowicz hält nichts [1][vom Vorschlag des
Wirtschaftsrats der CDU], die Zahngesundheit aus dem Leistungskatalog der
gesetzlichen Krankenkassen streichen. „Schnapsidee“, sagt er. [2][Der
77-Jährige behandelt in einem Krankenhaus der Malteser in Köln ehrenamtlich
Menschen ohne Krankenversicherung.] Mit unversicherten Zähnen kennt er sich
aus.
Unter seinen Patienten seien zum Beispiel Selbstständige, die früher in
einer privaten Krankenversicherung waren und irgendwann wegen unbezahlter
Beiträge rausgeflogen sind. Seit Corona sei ihre Zahl gestiegen. Selbst
wenn sie gesund lebten und ihre Zähne ordentlich putzten, sei ihnen ihre
Lage im Mund anzusehen, denn zur Vorsorge gingen die Unversicherten nicht.
„Die kommen erst, wenn es zu spät ist und sie ein Problem haben. Meistens
irgendwelche Schmerzen oder ein abgebrochener Zahn“, sagt Urbanowicz. Die
Schmerzen kann er behandeln und die Zähne ziehen, die Lücke füllen aber
nicht. Dafür reicht das Geld nicht. „Absoluter Blödsinn“, sagt er über die
Forderung aus dem Umfeld der Union.
Der Vorstoß des Wirtschaftsrats, einer CDU-nahen Lobbyorganisation, sorgte
für Wirbel. Rund 18 Milliarden Euro im Jahr geben die Kassen für
Zahnarztrechnungen aus, größtenteils getragen von Arbeitgebern und
Arbeitnehmern in gleichen Teilen. Erstere würden sich ihren Beitrag durch
den Plan sparen. Dafür müssten Letztere für die Zahngesundheit komplett
selbst aufkommen. Oder es erginge ihnen – wenn sie sich das nicht leisten
können – wie den Patienten von Malteser-Zahnarzt Urbanowicz schon heute.
Der faule Zahn als Kennzeichen der Armen – die Forderung des
Wirtschaftsrats machte besonders plastisch wie der Sozialabbau aussehen
könnte.
Umgesetzt wird sie erst mal nicht. Die Führungsriege der Union hat sie
abgeräumt und auch gleich den Parteitagsantrag entschärft, in dem [3][die
Mittelstandsunion den Deutschen einen Teilzeit-Lifestyle vorgeworfen
hatte]. Beide Vorstöße fügten sich aber ein in eine immer längere Reihe von
Vorschlägen, die seit Wochen auch von der CDU-Spitze vorangetrieben werden
und die teils schon im Koalitionsvertrag angelegt sind. Friedrich Merz
würde gern das Arbeitszeitgesetz streichen, das Beschäftige vor
unfreiwilligen Mammutschichten schützt. Er will [4][die telefonische
Krankschreibung abschaffen,] weil er denkt, dass die Deutschen dann weniger
blaumachen. Die Altersvorsorge möchte er aus der Gesetzlichen
Rentenversicherung noch weiter in die Private auslagern.
## Abgrenzung nach unten
Alles in allem sollen die Arbeitgeber also mehr Macht über die Arbeitnehmer
bekommen und gleichzeitig weniger für deren Absicherung zahlen. Dafür
sollen die Arbeitnehmer mehr abdrücken und am Ende weniger rausbekommen.
Die Sozialstaatsdebatte des letzten Jahres setzt sich damit auf einer neuen
Stufe fort. Im ersten Regierungsjahr konzentrierte sich Schwarz-Rot noch
auf den Klassiker des Sozialabbaus: die Verschärfungen beim Bürgergeld,
legitimiert durch eine moralisierte Rhetorik gegen vermeintlich faule
„Totalverweigerer“. Indirekt ging die Reform auch gegen die Interessen
derjenigen, die arbeiten – sie sind in Notlagen künftig weniger abgesichert
[5][und auf dem Arbeitsmarkt in einer schlechteren Verhandlungsposition.]
Trotzdem war in Umfragen eine Mehrheit dafür. Die Soziologen Steffen Mau,
Linus Westheuser und Thomas Lux erklärten dieses Phänomen in ihrer Studie
„Triggerpunkte“ schon 2023 mit Fokus auf Geringverdiener: Wer weit unten
ist, wolle sich gegen noch weiter unten abgrenzen. Würden „reale oder
vermeintliche ‚Schmarotzer‘ diszipliniert“, werde dies als Anerkennung
eigener Mühen empfunden – auch wenn sich an der eigenen Lage nichts
verbessert.
Mit den Forderungen der letzten Wochen geht jetzt es aber ohne Umwege gegen
die Arbeitenden selbst und damit nicht mehr gegen eine Minderheit, sondern
gegen das halbe Land. Über 40 Millionen Menschen sind abhängig beschäftigt.
Intuitiv ist die Annahme, dass das nicht funktionieren kann und es mit der
Zustimmung der Öffentlichkeit bald vorbei ist. Zu offensichtlich gehen
diese Pläne gegen die Interesse der Arbeitnehmer. Warum sollen sie sich den
Faulheitsverdacht gefallen lassen und gegen die Wirtschaftskrise Maßnahmen
tragen, die überwiegend zu ihren Lasten gehen? Mit unklaren
Erfolgsaussichten und der Perspektive: Selbst wenn es funktioniert, ist
eure Position hinterher schlechter als heute. Schon die Ampel-Zeit hat der
Politik doch in einem anderen Kontext die Erkenntnis gebracht, dass in der
Bevölkerung nach zig Krisen nicht mehr viel Bereitschaft für Zumutungen da
ist. Am wenigsten in Bereichen wie dem eigenen Heizungskeller – oder eben
der eigenen Mundhöhle.
## Noch kein Kurswechsel
Um noch weiter in die Vergangenheit zu blicken: Dass jeder Sozialabbau an
Grenzen stößt, zeigte schon die rot-grüne Agenda-Politik der Nullerjahre.
Die Gegenproteste konnten zwar die Reformen von SPD-Bundeskanzler Gerhard
Schröder nicht verhindern. Langfristig kosteten diese aber nicht nur die
Sozialdemokraten Vertrauen. Die CDU unter Oppositionsführerin Angela Merkel
wollte noch viel weiter gehen, verlor darüber beinahe die Bundestagswahl
2005 und nahm ihre Pläne deshalb zurück.
In der Union gibt es auch heute die Vorahnung, dass man es vielleicht zu
weit treibt. Berichten zufolge drängten die Wahlkämpfer aus
Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz darauf, dass die Parteispitze bei
Zähnen und Teilzeit interveniert. Unterm Strich steht zwar noch kein
Kurswechsel. Das Agieren wirkt eher konfus. Aber falls die Südwestwahlen
verloren gehen, wird die CDU über die letzten Wochen zumindest noch mal
nachdenken.
So weit die optimistische Variante. Es gibt aber auch ein Szenario für
Fatalisten. Der Annahme, dass Menschen gemäß ihrer Interessen wählen,
sollte man sich nämlich nicht zu sicher sein. [6][Erkenntnisse aus der
Soziologie legen nahe] Je ungleicher der Wohlstand in einer Gesellschaft
verteilt ist, desto eher wählt sie eine Politik, die die Ungleichheit
zementiert. Denn wenn es unten wenig gibt, erscheint der Aufstieg umso
attraktiver – so dass der Einzelne zu falschen Hoffnungen verleitet ist. Er
könnten es ja nach oben schaffen und dann von der Ungleichheit profitieren
Frei übersetzt auf das Hier und Jetzt: Sollen meine faulen Kollegen mal
länger arbeiten, weniger krankfeiern und sich nicht ständig die Zähne
machen lassen – wenn es sich gesamtwirtschaftlich auszahlt, werde ich schon
auf der Seite der Profiteure stehen. Die Arbeitenden werden sich also nicht
zwangsläufig von der Union abwenden, sondern könnten auch untereinander um
den Platz am Licht kämpfen. Diese These stützt, dass seit den Agenda-Jahren
die Ungleichheit in Deutschland messbar gestiegen ist.
## Die Erzählung von den Faulen
Linus Westheuser, Co-Autor der Triggerpunkte-Studie, sieht die Lage nicht
ganz düster. Der Kern des Arbeitsrechts und des Sozialstaats nütze der
breiten Mitte der Gesellschaft und werde weiterhin von ihr getragen, sagt
er. Einschnitte dort wären „nach allem, was wir wissen, sehr unpopulär“. Er
verweist auf Umfragemehrheiten für den Acht-Stunden-Tag und auskömmliche
Renten. In der Tendenz also: Szenario 1.
Allerdings sei die öffentliche Meinung nicht fix. „Auch Mehrheitsmeinungen
müssen erst mobilisiert, öffentlich dramatisiert, moralisch unterfüttert
und mit Argumenten versorgt werden.“ Das wäre jetzt die Rolle von linken
Parteien, aber auch Sozialverbänden und Gewerkschaften.
Ob sie das schaffen? Die Gewerkschaften trommeln schon seit Monaten für das
[7][Arbeitszeitgesetz], zu Großdemos rufen sie bislang aber nicht auf.
Offenbar zweifeln sie an ihrer Mobilisierungsfähigkeit – zumindest, so
lange das Thema nicht ganz akut ist und im Kabinett auf der Tagesordnung
steht. Die SPD widerspricht dem Kanzler zwar regelmäßig, die Parteichefin
hat einmal sogar „Bullshit“ gesagt. Als Regierungspartei hängen die
Sozialdemokraten aber halb in der Sache drin – und die Erzählung von den
Faulen [8][geht auch auf ihren Wahlkampf zurück.] In der Opposition bemühen
sich immerhin Grüne und Linke um Widerspruch, zur Agenda-Zeit gab es das im
Bundestag nicht. Aber die einen gewinnen in sozialen Fragen partout keine
Glaubwürdigkeit, und die anderen dringen trotz Heidi Reichinnek selten
durch.
Vielleicht läuft es deshalb am Ende auf ein drittes Szenario heraus, in dem
gegenläufige Mechanismen wirken: Die Fantasien zum sozialen Kahlschlag
stoßen tatsächlich an Grenzen, die Extremforderungen verschwinden wieder
aus der Debatte. Eine Ebene tiefer geht der Sozialabbau aber weiter.
Und auch wenn der Zahnvorschlag der Wirtschaftsunion niemals umgesetzt
wird, hat er einen Zweck erfüllt: Andere Forderungen lassen sich plötzlich
leichter durchsetzen. Vielleicht ja nur die Zuschüsse zum Zahnersatz
streichen? Wäre heftig. Wirkt jetzt aber fast moderat.
7 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Tobias Schulze
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