# taz.de -- Die Wahrheit: Zahnfee aus dem Baumarkt
> Seit der Wirtschaftsrat der CDU vorgeschlagen hat, die Zahnarztkosten in
> private Hände zu legen, erleben Hobbydentisten eine gewinnbringende
> Blüte.
(IMG) Bild: Noch ist alles intakt im blendenden Gebiss. Noch! Foto: dpa
„Dr. med. au. Kröger, Zahnarzt aus Leidenschaft“, steht auf dem
Messingschild an einer Gartenlaube in der gepflegten westfälischen
Kleingartenkolonie „Zur schönen Aussicht“, wo Julius Kröger als
Hobbydentist praktiziert.
„Das ‚au‘ steht für Autodidakt“, erklärt der untersetzte Mittvierziger, der
mit bürgerlichem Namen Rainer Bertz heißt und beruflich in einem Baumarkt
an der Säge steht. Die Zahnmedizin hat sich der leidenschaftliche Bastler
im Selbststudium beigebracht. „Ich habe mir Tutorial-Videos auf Youtube und
ganz oft die berühmte Szene mit dem Zahnarztbohrer aus dem Film ‚Der
Marathon-Mann‘ angesehen“, erklärt der Hobbyist stolz und bittet uns, im
Behandlungsstuhl Platz zu nehmen. Inmitten von Schaufeln und rostigen
Hacken, die hoffentlich nur bei Wurzelspitzenresektionen im Erdreich zum
Einsatz kommen, steht tatsächlich ein antiker Zahnarztstuhl aus den
Fünfzigerjahren.
„Den hab ich bei Ebay geschossen“, erklärt der Selfmade-Mediziner stolz und
lässt die Finger über die chromglänzenden Werkzeuge gleiten. „Allerdings
bohre ich viel lieber mit meiner Hilti.“
Seit ein Lobbyverband mit dem irreführenden Namen „Wirtschaftsrat der CDU“
vorgeschlagen hat, dass der gesetzlich versicherte Pöbel seine horrenden
Zahnarztrechnungen gefälligst selbst zahlen soll, wird nach
kostengünstigere Alternativen zur teuren Zahnmedizin der Profis gesucht.
Könnten billige Cosplay-Zahnärzte die Forderungen der teuren
Cosplay-Politiker nach Kostensenkungen im Gesundheitswesen erfüllen?
## Zahnreißer und Bader
Bundesweit, so schätzt Rainer Bertz, der selbst als Zahnfee zweiten Grades
in der Rollenspielgilde der Zahnreißer und Bader organisiert ist, arbeiten
etwa 2.000 nichtakademische Zahnärzte ohne Approbation, aber wie „Dr.
Julius Kröger“ mit Perücke, Sonnenbrille und unter falschem Namen. „Die
Dunkelziffer ist aber wesentlich höher“, vermutet er. „Oder haben Sie sich
von Ihrem Zahnarzt mal ein Diplom zeigen lassen?“
Wir schütteln den Kopf, bis uns der Herr Doktor eine Trense aus Hartplastik
zwischen die Kiefer schiebt. Jetzt versuchen wir, um Hilfe zu schreien,
doch Bertz´15-jährige Tochter Pia-Cheyenne, die in der Rolle der
gelangweilten Assistentin aufgeht, hat uns den Absaugschlauch aus der
Gartenabteilung bereits tief in den Hals gerammt.
„Ich habe mir hier ein echtes Kindheitstrauma erfüllt“, plaudert der
ehemalige Panikpatient unseren Protest wie ein echter Zahnarzt nieder. „Ich
bin sogar Mitglied in einem Lesezirkel geworden.“ Tatsächlich durften wir
während der langen Wartezeit im Geräteschuppen in einschlägigen Magazinen
wie Yacht, dem Immobilienmagazin Bellevue und Focus Money schmökern.
„31 ob, 41 zst, Treffer versenkt“, raunt der falsche Dentist täuschend echt
klingende Befunde, die seine „Sprechstundenhilfe“ ebenso kunstfertig
ignoriert. „Keine Sorge“, beruhigt er uns, „ich habe lange an
Schweinegebissen vom Schlachthof geübt, bevor ich Verwandte in meinen Stuhl
gesetzt habe. Besonders meiner Oma verdanke ich viel.“
Deren Porträts zieren als geschmackvolle Schwarzweißfotos die Wände der
Gartenhaus-Praxis, haben aber auch in den sozialen Netzwerken für Furore
gesorgt. Mal ragen der alten Dame gewaltige Stoßzähne aus dem Gesicht, dann
wieder trägt sie gelochte Edelstahlbleche im Mund oder Jacketkronen in
Eichenholzfurnier. „Damals habe ich auch noch viel mit Sperrholz
gearbeitet“, erklärt der künstlerisch ambitionierte Heimwerker die
extravaganten Zahnersatzkreationen, die er im Internet auch als
DIY-Bausätze verkauft. Auf Tiktok hat er satte „50K Follower“, wie Bertz im
Branchenjargon der Influencer stolz zu berichten weiß. Nur die Filmchen
einer Sachbearbeiterin aus Riesa, die nach Dienstschluss im Bekanntenkreis
als Schönheitschirurgin dilettiert, erringen noch mehr Aufmerksamkeit.
Doch der freundliche Handwerker hegt keine Gewinnabsichten, seine Dienste
bietet er aus „Altruismus und einem gerüttelt Maß Sadismus“ an, wie er
verschmitzt sagt. Womöglich sind exzentrische Idealisten wie Bertz die
Rettung für klamme Kassenpatienten, die auch ohne das CDU-Störfeuer schon
jetzt überall draufzahlen müssen.
„Ich saniere Ihnen das Gebiss zum Selbstkostenpreis“, verspricht der
Hobbydentist und betäubt uns mit einer Magnumflasche Lachgas. Als wir
erwachen, dürfen wir uns an einem mächtigen Hirschgeweih erfreuen, das fest
in den Unterkiefer verdübelt scheint. „Dr. Julius Kröger“ hatte uns
allerdings vorgewarnt, sein künstlerisches Interesse gilt mittlerweile
Naturmaterialien und objets trouvés, die er in spannenden Kontexten ganz
neu inszeniert.
6 Feb 2026
## AUTOREN
(DIR) Christian Bartel
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