# taz.de -- Zahnarzt über unversicherte Patienten: „Die Probleme sind Karies und oft auch ganz zerstörte Zähne“
> Peter Urbanowicz behandelt ehrenamtlich Menschen ohne Versicherung. Er
> hält nichts vom CDU-Vorschlag, die Zähne bei den Krankenkassen
> auszunehmen.
(IMG) Bild: Nicht versichert? Ja auch in Deutschland ist das möglich
Der Vorschlag hat polarisiert, selbst innerhalb der Union: Der
Wirtschaftsrat der CDU [1][hat am vergangenen Wochenende vorgeschlagen,]
Zahnbehandlungen nicht mehr durch die Gesetzlichen Krankenversicherungen
zahlen zu lassen. [2][Widerspruch kam nicht nur aus der Opposition, sondern
auch aus der Parteispitze,] unter anderem von Kanzler Friedrich Merz und
Gesundheitsministerin Nina Warken.
Was es bedeutet, wenn die Zahngesundheit nicht versichert ist, weiß Peter
Urbanowicz aus eigener Anschauung: Der 77-jährige Zahnarzt arbeitet zwei
Tage in der Woche ehrenamtlich in einer Praxis der Malteser in Köln. Diese
richtet sich speziell an Menschen ohne Krankenversicherung und bietet ihnen
kostenlose Behandlungen an.
taz: Herr Urbanowicz, wer sind die Menschen, die zu Ihnen in die
Malteser-Praxis kommen?
Peter Urbanowicz: Es sind viele Osteuropäer darunter, die ohne
Aufenthaltserlaubnis für drei Monate in Deutschland bleiben dürfen und dann
zurück müssen. Die lassen sich lieber bei den Maltesern behandeln als in
ihrer Heimat, weil es dort offensichtlich Geld kostet und die Qualität der
Behandlungen nicht so hoch ist wie bei uns. Seit Corona kommen aber auch
deutlich mehr deutsche Staatsbürger. In der Regel sind das Selbstständige,
die mal privat versichert waren und irgendwann ihre Gebühren nicht mehr
zahlen konnten. Man fliegt in solchen Fällen schnell raus aus der
Versicherung und der Weg zurück ist kompliziert – also kommen die Leute zu
uns.
taz: Wenn Sie Ihren Patienten in den Mund schauen: Welche Probleme sehen
Sie dort am häufigsten?
Urbanowicz: Die Probleme sind Karies und oft auch ganz zerstörte Zähne. Bei
den Patienten aus dem Ausland liegt das oft an nicht vorhandener
Mundhygiene. Viele sind starke Raucher und verlieren ihre Zähne über
Raucher-Parodontitis, da können sie eigentlich nur noch chirurgisch
eingreifen. Die Klientel der Deutschen, die die Krankenversicherung nicht
zahlen können, pflegt ihre Zähne durchaus. Aber die kommen natürlich nicht
zwei Mal im Jahr zur Kontrolle wie Patienten, bei denen über die
Krankenkasse abgerechnet wird. Die kommen erst, wenn es zu spät ist und sie
ein Problem haben. Meistens irgendwelche Schmerzen oder ein abgebrochener
Zahn.
taz: Wenn die Patienten denn mal da sind: Können Sie Ihnen genauso helfen
wie Versicherten?
Urbanowicz: Nein, ich kann Zahnlücken nicht schließen. Die Praxis lebt von
Spenden und für Zahnersatz reichen die Mittel nicht. Es sei denn, der
Patient sagt, er hat Geld. Dann kann ich mit dem Labor Rücksprache halten
und das macht was. Das kommt hin und wieder vor.
taz: Die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen schon heute nicht alle
Zahnarztleistungen, oft müssen auch Versicherte zuzahlen. [3][Soziale
Unterschiede] müssten Sie also auch bei Ihrer Arbeit in der regulären
Praxis erkennen?
Urbanowicz: Nicht so sehr. Vieles hängt vom Patienten selbst ab. Wenn
jemand wirtschaftlich nicht besonders gut dasteht, aber viel Wert auf
Mundhygiene legt und regelmäßig zum Kontrollbesuch kommt, können wir viel
machen. Natürlich gibt es aber auch unter den Versicherten starke Raucher.
Da ist die Mundhöhle mangelhaft durchblutet, man ist dadurch sehr anfällig
gegenüber Karies, Knochenabbau und so weiter. Der Zahnverlust ist dann
hausgemacht, wenn man so will.
taz: Anlass für unser Gespräch ist die Forderung, Zahnbehandlungen aus den
Gesetzlichen Krankenversicherungen auszunehmen. Was haben Sie gedacht, als
Sie von diesem Vorschlag gehört haben?
Urbanowicz: Schnapsidee. Ich weiß ja nicht, wer sich das ausgedacht hat,
aber da kann kein Mediziner dabei gewesen sein. Es gibt eine ganze Reihe
von Krankheiten, die nur bei den Zähnen beginnen und sich noch in ganz
anderen Organen manifestieren können, bis hin zu Gelenkbeschwerden oder
sogar einem Herzinfarkt. Das heißt: Man muss den Menschen immer als Ganzes
sehen und kann nicht die Mundhöhle separat ausschließen. Man könnte es
vielleicht auf Schmerzbehandlung und Zahnerhalt beschränken und beim
Zahnersatz weniger übernehmen. Aber die Zahnbehandlung ganz rauszunehmen,
ist absoluter Blödsinn.
6 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Forderung-des-CDU-Wirtschaftsrats/!6150423
(DIR) [2] /CDU-Angriffe-auf-den-Sozialstaat/
(DIR) [3] /Zahnaerztekongress-in-Greifswald/!5038550
## AUTOREN
(DIR) Tobias Schulze
## TAGS
(DIR) Zahnmedizin
(DIR) Zahnarzt
(DIR) Medizin
(DIR) CDU
(DIR) Sozialstaat
(DIR) Krankenkassen
(DIR) Gesundheitspolitik
(DIR) GNS
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) CDU/CSU
(DIR) CDU Schleswig-Holstein
(DIR) CDU
(DIR) Zahnmedizin
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Abbau des Sozialstaats: Gegen das halbe Land
Sollen die doch selbst zahlen beim Zahnarzt, tönt es aus CDU-Kreisen. Auch
wenn es so weit nicht kommen wird, haben solche Forderungen Folgen.
(DIR) CDU-Vorstoß zu Teilzeit und Zahnersatz: Schleswig-Holsteins CDA-Vorsitzender gibt Kontra
Andreas Ellendt kritisiert die sozialen Einschnittsforderungen des
Unions-Wirtschaftsflügels. Er warnt vor einem Überbietungswettbewerb nach
rechts.
(DIR) CDU-Angriffe auf den Sozialstaat: Überspannter Bogen
Die CDU und ihr Umfeld fallen mit scharfen Forderungen gegen den
Sozialstaat auf. Das könnte sich in diesem wichtigen Wahljahr als Bumerang
erweisen.
(DIR) Forderung des CDU-Wirtschaftsrats: Kassen sollen keine Zahnbehandlung mehr bezahlen
Der CDU-Wirtschaftsrat fordert, Zahnarztbesuche zur Privatleistung zu
machen. Empörung dafür kommt von allen Seiten – selbst von der CDU.