# taz.de -- Hingucker der Winterspiele: Unser Olympia-Quartett
> Vier Sportlerinnen und Sportler, welche die Spiele prägen könnten. Eine
> Speedfahrerin, ein Sprungwunder, eine Neutrale und ein schwedischer
> Neuling.
(IMG) Bild: Ilia Malinin schwebt über dem Eis, hier bei den US-Meisterschaften im Januar
## Die coole Emma
Alle reden über [1][Emma Aicher] vor diesen Winterspielen. Zwangsläufig.
Jeder halbwegs kompetente Experte wird in diesen Tagen über die deutsche
Medaillenhoffnung befragt. Aicher selbst fährt ja lieber Ski, als dass sie
redet. Olympiafavoritin? Na ja, sagt die 22-Jährige, bisher habe sie in
Cortina d’Ampezzo noch nie hervorragend abgeschnitten. Was aber nichts
bedeutet, denn Aicher lernt schnell, so schnell, wie sie Misserfolge
abhakt. Sie habe im Moment eine Leichtigkeit, sagt Sportvorstand
[2][Wolfgang Maier]. „Die Emma macht sich noch nicht viel Kopf über die
Möglichkeiten und die Konsequenzen ihres Handelns.“ Aber so eine
öffentliche Fokussierung wie bei Olympia verändere natürlich etwas.
Aicher ist mittlerweile in Salzburg daheim, aber noch immer steckt viel
Skandinavien in der Halbschwedin, die mit 16 ganz alleine von Sundsvall
nach Deutschland kam, der Heimat ihres Vaters. Der Deutsche Skiverband habe
damals gesagt, sie könne sich „das gerne mal anschauen, ob es mir gefällt“.
Nach zwei Lehrgängen und ein paar Schnuppertagen im Skigymnasium
Berchtesgaden entschied Aicher, dass alles passt – „und dann bin ich
dageblieben“. Vergleiche mit ihrem Landsmann Ingemar Stenmark, früher ein
großer Schweiger und noch größerer Skirennläufer, mögen naheliegend sein,
sind aber nicht ganz passend.
Denn Aicher ist einfach nur ziemlich cool. Sie lässt sich nie locken, etwas
Unüberlegtes zu sagen, und schafft es bisher, die Aufgeregtheiten über sie
zu ignorieren. Manchmal überrascht sie mit ziemlich trockenem Humor. Was
solle sie auch anderes tun als Skifahren, sagte Aicher einmal auf die
Frage, wie sie die nächsten Tage verbringen werde.
Nein, Aicher kann sogar sehr lustig sein, aber das ist sie eben eher leise.
Die sozialen Medien nutzt sie nicht wie einige Konkurrentinnen zur seriösen
Selbstvermarktung, sondern nimmt sich in ihren Posts auch mal selbst auf
die Schippe.
Und nun also ein Mammutprogramm: In Abfahrt, Super-G, Slalom ist sie
gesetzt als Medaillenkandidatin, auch in der Teamkombination, die sie
entweder im Slalom zusammen mit Abfahrerin [3][Kira Weidle-Winkelmann] oder
als Abfahrerin zusammen mit Slalomfahrerin Lena Dürr bestreiten wird. Die
erfolgversprechendste Kombination wäre aber wohl Emma in der Abfahrt und
Aicher im Slalom, aber das ist, wie die DSV-Verantwortlichen nach dem
Studium des Reglements bereits bei der Ski-WM 2025 festgestellt hatten,
nicht zulässig. Elisabeth Schlammerl
## Der athletische Vierfachgott
Sollte es Menschen geben, für die die Gesetze der Schwerkraft nicht gelten
würden, der 21-jährige US-Amerikaner Ilia Malinin wäre so einer. Mit einer
atemberaubenden Sicherheit zaubert er Vierfachsprünge auf das Eis. Als
einziger Eiskunstläufer weltweit beherrscht er alle sechs Sprünge mit
vierfacher Umdrehung, auch den vierfachen Axel, bei dem man eigentlich
viereinhalb mal über dem Eis um die eigene Achse rotiert, bevor man wieder
auf einem Bein landet, genauer, auf der schmalen Kante eines Schlittschuhs,
und sein Programm weiterläuft.
Niemand außer Malinin, [4][in den USA auch „Vierfachgott“ genannt], hat so
einen Sprung bisher in einem internationalen Wettkampf gezeigt. Niemand
kann dem zweifachen Weltmeister und haushohen Kandidaten auf den
Olympiasieg das olympische Gold nehmen – außer er sich selbst: Sollte er
sich verletzen beispielsweise.
Malinin, in Virginia geboren, wurde das Talent fürs Eiskunstlaufen in die
Wiege gelegt. Seine Eltern, die ihn trainieren, liefen einst erfolgreich
für die Sowjetunion und nach deren Zerfall für Usbekistan. Seine zehn Jahre
jüngere Schwester trainiert ebenfalls. Für Malinin ist es die erste
Olympiateilnahme. Zwar hätte er sich vor vier Jahren in Peking als
amerikanischer Vizemeister auf einen der drei amerikanischen Startplätze
qualifiziert, aber der amerikanische Verband setzte lieber auf
wettkampferfahrene Läufer.
Malinins Stärke ist die künstlerische Seite der Sportart nicht. Da können
seine Konkurrenten aus Japan, Südkorea, Italien, Frankreich und dem eigenen
Verband besser überzeugen. Allerdings mögen die Zuschauer sein
Springrepertoire ebenso wie seine in die Kürprogramme eingebauten Saltos.
Dieses Element war viele Jahre wegen der Verletzungsgefahr verboten, ist
aber seit Kurzem erlaubt, weil die Zuschauer, die beim Eiskunstlauf immer
weniger werden, es mögen.
Malinin hat im Dezember, nach seinem Sieg beim Grand-Prix-Finale,
angekündigt, die verbliebenen Wochen bis Olympia zu nutzen, um sich
künstlerisch weiterzuentwickeln. „Bei den Olympischen Spielen werde ich
mehr zu den Programmen hinzufügen, alles schön flüssig und fast zu einem
Kunstwerk machen“, sagte er der Fachzeitschrift Pirouette. Man darf
gespannt sein, ob ihm neben seinem Sprungfeuerwerk dazu überhaupt die Kraft
bleibt.
Nach Olympia, so hat Malinin angekündigt, werde er in einem Showprogramm
erstmals einen Fünffachsprung zeigen. Das wäre eine Weltpremiere. Marina
Mai
## Angepasste Skiartistin
Hanna Huskowa ist zum vierten Mal bei Olympia. Dreimal ist die Skiartistin
aus Belarus für ihr Heimatland angetreten, diesmal geht sie als Neutrale
von den Aerial-Schanzen in Livigno. Sollte sie gewinnen, wird statt der
Hymne von Belarus eine Ersatzmelodie erklingen. Nach dem von Belarus
unterstützten Überfall Russlands auf die Ukraine wurden die Nationalsymbole
der Länder von internationalen Wettbewerben verbannt. Sportlerinnen, die
sich nicht positiv zum Krieg geäußert haben und nicht dem Militär
angehören, dürfen in Mailand und Cortina als Neutrale antreten.
Dass für Huskowa die Hymne gespielt wird, ist eher unwahrscheinlich, auch
wenn sie wieder Salti und Schrauben zum Staunen in die Lüfte zaubern wird.
2018 war die heute 33-Jährige zwar Olympiasiegerin [5][und vor vier Jahren
in Peking holte sie Silber.] Bei den jüngsten Weltcupwettbewerben aber kam
sie auf den neunten Platz. Es waren ihre ersten Wettbewerbe unter dem Dach
des Internationalen Skiverbands Fis seit dem kriegsbedingten Ausschluss von
Belarus. Eine Entscheidung des Internationalen Sportschiedsgerichts Cas im
Dezember ermöglichte ihr die Rückkehr auf die internationale Bühne.
So spektakulär ihre Sprünge von den Rampen sind, so zurückhaltend ist
Huskowa im Umgang mit den Medien. Dabei wäre es interessant zu hören, wie
sie die Propagandaspiele 2014 in Sotschi erlebt hat, bei denen sie ihr
olympisches Debüt gegeben hat. Wie sie heute dazu steht, dass sie nach
ihrem Olympiasieg 2018 Pyeongchang zur Propagandaikone ihres Staates wurde,
wüsste man ebenso gerne. Wie es dazu kam, dass sie im Team von Belarus zu
Olympia nach Peking fahren konnte, obwohl sie zu den vielen Athletinnen
gehörte, die nach den gefälschten Präsidentschaftswahlen 2020 in Belarus in
einem Brief Neuwahlen gefordert hatte, würde man sie gerne fragen.
Andere Wintersportlerinnen flohen damals aus Belarus. Und ihre
Freestylekollegin Aljaksandra Ramanouskaja, immerhin Weltmeisterin, wurde
aus dem Team geworfen, weil sie sich an den Massendemonstrationen gegen
Alexander Lukaschenkos Regime beteiligt hatte.
Wie sich danach der Händedruck von Viktor Lukaschenko, Präsidentensohn und
Chef des belarussischen Olympiakomitees, bei ihrer Ehrung als
Silbermedaillengewinnerin in Minsk angefühlt hat, auch das wird man wohl
nicht von ihr erfahren. Auf Instagram steht über ihrem Account mit Bildern
aus aller Welt „Freestyle Aerials Skier, Lifestyle, Travel, Animal Lover“.
Andreas Rüttenauer
## Gefeierter trans-Skifahrer
Für Elis Lundholm zählt vor allem dies: Er ist dabei. Einer der letzten
Plätze im schwedischen Olympia-Team ging an den 23-jährigen
Puckelpistenfahrer. „Ganz unglaublich und total cool“, findet das Lundholm.
Er fährt unter dem sogenannten Zukunftskriterium mit nach Italien. Nach
seinem 18. Platz im Weltcup wird Großes von ihm erwartet.
Dabei sein ist in seinem Fall aber nicht alles, worüber die Sportwelt
spricht: Elis tritt in der Damenkonkurrenz an, obwohl er als Mann lebt.
Geboren und auf der Buckelpiste groß geworden ist er als Elsa Lundholm. Vor
fünf Jahren änderte er seinen Namen und fing an, sich auch öffentlich als
Mann zu präsentieren. „Ich habe nur positive Reaktionen bekommen“, sagte er
dem schwedischen Programm Radiosporten.
Die Buckelpisten-Community sei super, zitiert ihn die Zeitung Dagens
Nyheter (DN). „Ich bin unter denselben Voraussetzungen dabei wie alle
anderen, und das ist für alle in Ordnung“, sagte Lundholm. Er passt nicht
in die Kategorie, die beim Thema Transmenschen im Leistungssport am meisten
für Diskussionen sorgt. Die von Gegnern angeführte Ungerechtigkeit – die
physische Überlegenheit von Transfrauen im Damensport – kann in diesem Fall
nicht gelten.
Lundholm hat keine geschlechtsanpassenden Behandlungen durchlaufen, ist
juristisch und biologisch eine Frau. „Ich bin einfach ich selbst, aber ich
verstehe, dass Außenstehende Fragen haben. Für mich ist das allerdings
ziemlich unkompliziert“, sagte er DN.
Lundholm ist einer von vier schwedischen Olympioniken im „Team LGTBQ“ des
US-Magazins Outsports. Mit dieser Liste will es die Präsenz queerer
Menschen bei den Winterspielen hervorheben. Auf der anderen Seite befinden
sich queerfeindliche Websites, die Lundholms Geschichte als Beispiel für
den Niedergang des Abendlands hervorheben wollen. Dass ihm auf der Bühne
der Olympischen Spiele Social-Media-Hassattacken drohen, ist allen
Beteiligten klar. Aber es ist nicht die größte Sorge des Neu-Olympioniken.
„Natürlich habe ich darüber nachgedacht“, sagte er der Nachrichtenagentur
TT. „Aber dann mache ich mein Ding und kümmere mich nicht darum.“
Bis jetzt sieht es auf Elis Lundholms Instagram friedlich aus. Unter der
dem Bild, auf dem er sein Olympia-Ticket präsentiert, finden sich fast
ausschließlich schwedische Hurra-Rufe und Glückwünsche. Fast: Gerade
tauchen die ersten Beleidigungen auf – auf Englisch, von Konten mit kleiner
Followerzahl. Für Lundholm viel wichtiger als das: Er ist dabei. Anne
Diekhoff
6 Feb 2026
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