# taz.de -- Ex-Skifahrerin Werdenigg übt Kritik: „Es gibt zu wenig Respekt“
       
       > Nicola Werdenigg war eine der besten Skifahrerinnen Österreichs. Ein
       > Gespräch über Heldenverehrung, die Überhöhung des Skisports und mentalen
       > Druck.
       
 (IMG) Bild: Spitzenleistung unter Hochdruck: Österreichs Stephanie Venier bei der Weltcup-Abfahrt in Beaver Creek 2024
       
       taz: Frau Werdenigg, die Winterspiele beginnen gleich mit den alpinen
       Speedrennen. Schauen Sie sich das in Fernsehen an? 
       
       Nicola Werdenigg: Ich schaue mir das total gerne an. Es interessiert mich
       einfach. Irrsinnig gern sehe ich die Frauenrennen. Diese feinen Athletinnen
       [1][wie Mikaela Shiffrin] zum Beispiel. Die betrachte ich mit meinem
       Expertinnenauge. Als ehemalige Rennläuferin verfolge ich jede Entwicklung.
       Ich bin ja auch Sportpädagogin, habe Sportwissenschaften studiert. Das ist
       mein Metier und allein deshalb sind die Rennen für mich spannend.
       
       taz: Drücken Sie dann den Österreicherinnen die Daumen? 
       
       Werdenigg: Mir ist es wirklich völlig egal, welche Nation gewinnt.
       Nationale Gefühle kenne ich nicht. Mich fasziniert das einfach, wenn da
       [2][ein Franzose wie der Cyprien Sarazzin] im vergangenen Jahr etwas Neues
       in die Abfahrtswelt reinbringt. Wer dann in Kitzbühel gewinnt oder vorne
       dabei ist, das ist ja völlig egal. Zu sehen, wie ein neues Level erreicht
       wird, das ist es, was mich interessiert.
       
       taz: So halten Sie auch den maskulinen Abfahrtswahnsinn aus, der jedes Jahr
       bei der Streif inszeniert wird. 
       
       Werdenigg: Die Streif kann ja da nichts dafür. Das ist eben eine Abfahrt.
       Die hat meine Mutter Anfang der 50er Jahre auch mal gewonnen. Aber das ist
       heute einfach eine furchtbare Inszenierung. In den Kommentatorenkabinen der
       Österreicher geht es dermaßen testosteronlastig und nationalistisch zu,
       dass ich jedes Jahr mehr den Kopf schütteln muss.
       
       taz: Wie hat sich das aufgebaut über die letzten Jahrzehnte? 
       
       Werdenigg: Das ist ein österreichisches Spezifikum, dass man den alpinen
       Rennsport so komplett aufgeladen hat. Den Ursprung hatte das in der
       Nachkriegszeit, als meine Mutter noch im Nationalteam war. Österreich war
       auf der Suche nach einer nationalen Identität. Man sah sich als Opfer von
       Hitler und wollte die Bilder nicht sehen, auf denen dem Führer freudig
       zugewunken wurde. Als man begonnen hat, neue Identitätsflächen zu schaffen,
       hat der alpine Rennsport schnell eine wichtige Rolle gespielt.
       
       taz: Ihre Mutter hat das miterlebt. 
       
       Werdenigg: Ja, und ihre Rolle war klar definiert. Die Frauen in diesem
       österreichischen Skiteam sollten sich möglichst bescheiden geben. Und die
       Männer sind halt als die Bauern, die wilden Hunde inszeniert worden.
       Möglichst unpolitisch sollte es zugehen, damit ja niemand auf die
       Nazivergangenheit zu sprechen kommt, die der Skiverband bis heute nicht
       wirklich aufgearbeitet hat.
       
       taz: Dann kamen die Winterspiele 1956 in Cortina d’Ampezzo, bei der Toni
       Sailer drei Goldmedaillen für Österreich gewonnen hat.
       
       Werdenigg: Das war der erste absolute Höhepunkt. Toni Sailer ist als echter
       Held inszeniert worden. Mit allem Drum und Dran. Er war medial omnipräsent
       …
       
       taz: … und wird in diesen Tagen wieder gefeiert, obwohl seit 2018 bekannt
       ist, dass 1974 in Polen wegen einer Vergewaltigung gegen ihn ermittelt
       worden ist. In seinem Heimatort Kitzbühel ist gerade ein Platz nach ihm
       benannt worden. 
       
       Werdenigg: Er wird heute wie damals als Held inszeniert. Und jetzt haben
       wir den Toni-Sailer-Platz und im österreichischen Fernsehen wird anlässlich
       seines 90. Geburtstages jeden zweiten Tag irgendwas von seiner Heldensaga
       neu aufgekocht. Es gibt schon kritische Stimmen in diesen Dokus, aber die
       überwiegen bei Weitem nicht. [3][Es wurde vieles aufgearbeitet.] Jetzt soll
       auch mal Ruhe sein. Wenn sich alle beklagen, dass man ihr Idol beschmutzt,
       warum lassen sie ihn dann nicht einfach in Frieden ruhen, anstatt ihn
       weiter zu überhöhen.
       
       taz: In Cortina wird diese Huldigung dann weitergehen. 
       
       Werdenigg: Natürlich geht es weiter und das ist keine Nebensache, das ist
       höchst politisch.
       
       taz: [4][Sie haben 2017 öffentlich gemacht,] dass Sie von Mitgliedern des
       österreichischen Skiteams vergewaltigt worden sind. Die Enthüllungen trafen
       zur Hochzeit der #MeToo-Bewegung auf offene Ohren. Die Offenheit scheint es
       nicht mehr zu geben. 
       
       Werdenigg: Ja, man hört öfter, dass jemand sagt: Jetzt lassen wir mal Gras
       über die Sache wachsen. Aber es gibt schon eine Gegenbewegung, die das
       unbedingt verhindern will. Ich versuche, da so präsent wie möglich zu sein,
       wo immer ich kann, dagegen aufzustehen. Weil es passieren nach wie vor
       schlimme Dinge. Das betrifft ja nicht nur den Skisport. [5][Wir haben
       gerade in Österreich diesen Kinderdorfskandal.]
       
       taz: Da geht es um Gewalt und Missbrauch in österreichischen
       SOS-Kinderdörfern. 
       
       Werdenigg: Und immer haben wir es mit denselben Strukturen zu tun, wo
       honorigen Männern nach Enthüllungen dann oft nichts anderes einfällt, als
       zu sagen: ‚Das kann doch nicht wahr sein, das können wir nicht glauben.‘
       Das ist immer derselbe Mechanismus.
       
       taz: Hat sich im Österreichischen Skiverband nichts getan seit Ihren
       Enthüllungen? 
       
       Werdenigg: Es gibt heute schon ein größeres Bewusstsein für das Thema. Und
       vor allem: Es ist ja nicht mehr [6][Peter Schröcksnadel als Patriarch am
       Werk …]
       
       taz: … der von 1990 bis Juni 2021 ÖSV-Präsident war … 
       
       Werdenigg: … aber die Struktur ist immer noch patriarchalisch, obwohl zum
       ersten Mal seit 120 Jahren eine Frau Verbandspräsidentin ist. Diese
       Strukturen lassen sich auch nicht von heute auf morgen ändern. Das
       Bewusstsein, da hinzuschauen, wo Machtmissbrauch in sexualisierte Gewalt
       umschlägt, muss erst geschaffen werden. Eine Vergewaltigung, die kommt
       nicht von heute auf morgen. So etwas hat seine Grundlage in Hierarchien und
       Unebenheiten.
       
       taz: In der vergangenen Saison gab es eine Diskussion um den harschen
       Umgangston des österreichischen Frauentrainers Roland Assinger. Obwohl eine
       Weltmeisterin zu seinen schärfsten Kritikerinnen gehörte, durfte er im Amt
       bleiben. 
       
       Werdenigg: Das beschäftigt mich seit fast zwei Jahren. Genau vor einem Jahr
       ist das Thema richtig hochgekocht. Und was ist das Ergebnis? Die Leistung
       bleibt aus. Etliche Frauen sind verletzt. Sie sind anfällig. Es ist einfach
       zu wenig Respekt vor den Sportlerinnen da. Die Zeiten sind vorbei, in der
       man auf ein Heer von Nachwuchsathletinnen zurückgreifen konnte, um sie an
       die Spitze heranzüchten. Das ist heute anders. Viele Eltern können sich
       diesen teuren Spaß Skirennsport nicht leisten. Damit überhaupt junge Leute
       nachkommen, müsste man sie besser behandeln. So werden sie vergrault.
       
       taz: Ändert sich die Stimmung? Werden die Athletinnen selbstbewusster? 
       
       Werdenigg: Langsam tut sich etwas. Vor einem halben Jahr habe ich einen
       Brief von einer ganz jungen Athletin gekriegt. Die hat sehr offen
       geschrieben. Es ging um psychische Gewalt, Benachteiligung, Mobbing, zum
       Teil Schleifermethoden im Training, fehlende Wertschätzung, aber auch
       Anzüglichkeiten und sexistische Sprache. Das ganze Paket.
       
       taz: Was macht den Umgang damit so schwer? 
       
       Werdenigg: Während die Athletinnen am Fortschritt ihrer Karriere basteln,
       gibt es [7][innerhalb der Strukturen keinen Raum, in dem sie gehört
       werden.] Die Einzelne zählt nichts, es gibt ja genug Konkurrentinnen. Und
       wenn sie geschlossen auftreten? Das ist besonders schwer. Das kennen die
       Nachwuchssportlerinnen nicht. Die sind ja im System Leistungssport
       sozialisiert, wachsen nicht unter Teenies in Wien auf, die jede Woche auf
       eine feministische Demo gehen. Das heißt nicht, dass ihnen das Bewusstsein
       fehlt. Aber sie wissen: Wenn sie jetzt laut werden, dann können sie die
       Karriere schmeißen.
       
       taz: Und die ist ihnen ja wichtig. 
       
       Werdenigg: Deswegen haben sie sich ja auf das System eingelassen, ja. Sie
       wissen, dass sie funktionieren müssen. Und ich muss auch dazu sagen, ich
       berate ganz viele Leute, die mit ihren Geschichten in die Öffentlichkeit
       gehen wollen. Aber 90 Prozent der Menschen, die sich an mich wenden, sind
       eigentlich noch nicht weit genug dafür. Man achtet darauf, alles anonym zu
       halten, sodass kein Rückschluss auf die betroffene Person möglich ist. Aber
       selbst wenn man das tut, triggert das die Betroffenen, die mit ihren
       schweren Erfahrungen noch nicht abgeschlossen haben, aufs Neue. Bevor nicht
       jemand austherapiert, mit sich im Reinen ist, ist der Gang in die
       Öffentlichkeit irrsinnig schwer.
       
       taz: Sie haben sich als Ansprechpartnerin für Missbrauchsbetroffene
       etabliert. Wie viele Menschen wenden sich bis heute an Sie? 
       
       Werdenigg: Es sind nicht nur Skifahrerinnen, sondern grundsätzlich viele
       Menschen, die von Machtmissbrauch betroffen sind. Neben Athletinnen auch
       Verwandte, Menschen aus dem Umfeld von Athletinnen. Im Zuge der Skandale um
       die SOS-Kinderdörfer ist eine Blase aufgegangen in Österreich. Dann gab es
       sofort einige Anrufe, in denen von Missständen an den Schulen gesprochen
       wurde. Sobald ein Fall groß in den Medien ist, melden sich Menschen bei mir
       mit Beobachtungen. Dann flaut es wieder ab. Der Drang, sich zu äußern, der
       kühlt dann schnell wieder ab.
       
       taz: Wahrscheinlich spüren sie dann die Macht der Strukturen, die sich ja
       auch auf ihre Art gegen die Vorwürfe zu wehren wissen. 
       
       Werdenigg: Es sind ja nicht nur die Strukturen, gegen die man anzutreten
       hat. Zu beachten sind obendrein die Familienmitglieder, Ehepartner, auch
       Kinder, die ebenfalls betroffen sind. Das ist ein Generationenthema. Ein
       Missbrauch kann lange nachwirken.
       
       taz: Zurück zu der jungen Sportlerin, die Ihnen geschrieben hat. Ist sie
       dem Sport treu geblieben? 
       
       Werdenigg: Diese sehr junge Sportlerin hat ihren Brief in einem Stil
       geschrieben, dass ich erst mal dagesessen bin und gesagt habe: Wow! Es muss
       eine höchst intelligente junge Frau sein, die da etwas auf dem Herzen hat
       und trotzdem nicht wirklich dagegen ankämpfen kann. Ein gescheiter Mensch,
       der alles durchblickt, was mit ihm passiert ist, und trotzdem so sehr am
       Sport hängt, dass er vieles in Kauf nimmt.
       
       5 Feb 2026
       
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