# taz.de -- Proteste in Iran: Mit EU-Sanktionen das Mullah-Regime stürzen?
> Die EU arbeitet an neuen Iran-Sanktionen. Ob es eine Entscheidung dafür
> gibt, ist fraglich. Doch wirken Sanktionen überhaupt? Das sagen
> Expertinnen.
(IMG) Bild: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im Plenarsaal des Europaparlaments: Was bringen Sanktionen?
Wer in Iran gegen die Staatsführung aufbegehrt, [1][dem droht der Tod].
Dennoch entstanden in den letzten Jahren immer wieder neue
Protestbewegungen; zuletzt Ende Dezember, die vermutlich Ende vergangener
Woche ihr größtes Ausmaß erreichten. Und dann [2][von den
Sicherheitskräften brutalst niedergeschlagen] wurden.
Menschenrechtsorganisationen sprechen von 2.000 bis 12.000 Toten, von einer
neuen Dimension staatlicher Gewalt. Laut Berichten wurde selbst auf
unbewaffnete Fliehende gezielt von Dächern geschossen, Sicherheitskräfte
mischten sich mit einem Schleier getarnt unter die Protestierenden,
verbündete Milizen aus Irak und Libanon beteiligten sich an der
Niederschlagung. Eine Internetsperre verhindert, dass die Menschen sich
organisieren und Bilder nach außen dringen können.
Was soll die Welt in Anbetracht dieser Bilder tun? [3][Militärisch
eingreifen], wie es US-Präsident Donald Trump angedeutet hat?
Für die Europäer ist dies keinerlei Option; sie setzen auf neue
EU-Sanktionen gegen Iran. Für kommende Woche wird ein Sanktionspaket der
EU-Kommission erwartet, das die EU-Außenminister anschließend einstimmig
beschließen müssen.
Laut Plänen der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas sollen die
Revolutionsgarden (IRGC), eine der mächtigsten Organisationen des
iranischen Staates, auf die EU-Terrorliste gesetzt werden. Auch Deutschland
drängt darauf.
Das hätte zur Folge, dass EU-Regierungen keine normalen diplomatischen
Beziehungen mehr mit Iran führen düften. Zudem könnte jedes Mitglied der
IRGC in Europa juristisch belangt werden. Geschäfte mit ihnen wären
verboten, ihre Konten und Vermögenswerte eingefroren. Gegen sie und ihr
Umfeld könnten Einreiseverbote verhängt werden.
## Von der Leyen: „Die Sanktionen werden wehtun“
Doch bei dem Vorhaben bahnt sich eine Sperre des Rates an. In der
EU-Außenpolitik gilt das Einstimmigkeitsprinzip und mehrere Länder haben
bereits Bedenken geäußert, darunter Frankreich, Italien und Spanien.
Da man versucht, Iran vom Bau von Atomwaffen abzuhalten, möchte man nicht
den diplomatischen Zugang verlieren. Zudem hält das Regime westliche
Touristen als Faustpfand in Haft. Diese Menschen möchte man wieder nach
Hause holen.
„Die Sanktionen werden wehtun“, sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von
der Leyen am Donnerstag auf einer Pressekonferenz zu einem Treffen der
EU-Kommissar:innen mit der EU-Ratspräsidentschaft in Zypern. „Sie werden
das Regime schwächen und in Richtung seines Endes treiben.“
Diba Mirzaei, Iran-Forscherin beim German Institute for Global and Area
Studies (Giga), sieht das weniger optimistisch. „Unter Expert*innen ist
umstritten, ob eine Einstufung der Revolutionsgarden als Terrororganisation
überhaupt einen zusätzlichen Effekt hätte“, sagte sie der taz. „Zahlreiche
ihrer Mitglieder unterliegen bereits umfassenden Sanktionen, darunter
Einreisebeschränkungen und das Einfrieren von Vermögenswerten.“
Diese bereits bestehenden Sanktionsmaßnahmen seien sogar umfangreicher als
die bloße Terrorlistung.„Zielführender wären gezielte zusätzliche
Sanktionen gegen einzelne Mitglieder der Revolutionsgarden sowie gegen
Vertreter der politischen Führung“, so Mirzaei.
Mirzaeis Einschätzungen werden von der politischen Analystin Barbara
Mittelhammer geteilt: „Die Terrorlistung hat vor allem symbolische
Wirkung“, sagte sie der taz. „Die Sanktionsforschung zeigt, dass Sanktionen
als Instrument für Regimewechsel eine sehr schlechte Erfolgsbilanz haben.
Die Gründe liegen unter anderem darin, dass Regierungen oft Resistenzen
entwickeln, ja geradezu voneinander lernen und miteinander kooperieren, um
Sanktionen zu umgehen.“ Aber auch ein unkoordiniertes Vorgehen bei der
Durchsetzung der Sanktionen schwäche ihre Wirkung, das gelte laut
Mittelhammer von Einreisekontrollen bis hin zu Finanztransaktionen.
„Das iranische Regime hat bislang wiederholt Wege gefunden, bestehende
Sanktionen zu umgehen“, bestätigt Mirzaei.
## Die Folgen der Sanktionen für die Zivilbevölkerung
Ein Problem zudem: Anstatt der autoritären Eliten trägt die Bevölkerungen
die Kosten von Sanktionen, was die Regime wiederum nutzen, um die nationale
Einheit zu beschwören.
Gleichzeitig ist die wirtschaftliche Schwächung der Bevölkerung bisweilen
Teil der Strategie von Sanktionspolitik: So sollen die Menschen gegen ihre
staatliche Führung aufgebracht und so ein Wandel von innen initiiert
werden.
Die beiden Expertinnen widersprechen dieser Logik. „Bestehende
Finanzsanktionen erschweren es Menschen mit familiären Wurzeln in Iran
erheblich, ihre Angehörigen finanziell zu unterstützen. Dabei ist
ökonomische Absicherung eine zentrale Voraussetzung dafür, Protest, Streik
oder zivilgesellschaftliches Engagement überhaupt möglich zu machen“,
erläutert Mirzaei.
Letztlich könnte der Sturz des Regimes durch Sanktionen sogar erschwert
werden. „Breite Sanktionen schwächen die Handlungsfähigkeit und Resilienz
von Gesellschaft, Zivilgesellschaft und politischem
Mobilisierungspotenzial“, sagt Mittelhammer. „Also genau die Kräfte, die es
für erfolgreichen Regimewechsel braucht.“
Und damit bleibt das außenpolitische Vorgehen der Europäer am Ende
vermutlich mal wieder eines: wirkungslos.
18 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Eva Fischer
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