# taz.de -- Deutsche Iran-Politik: Über Symbolpolitik hinaus
> Irans Mullah-Regime reagiert auf die Massenproteste mit beispielloser
> Brutalität. Drei Dinge, die Deutschland tun kann, um den Menschen
> beizustehen.
(IMG) Bild: Protest in Berlin zur Unterstützung der landesweiten Massenproteste im Iran gegen die Regierung am 18. Januar 2026
Beispiellos ist das Ausmaß der Brutalität, nicht nur in der 47-jährigen
Geschichte der Islamischen Republik Iran. Innerhalb weniger Tage hat das
iranische Regime mehrere Tausende protestierende Menschen getötet. Die
Menschenrechtsorganisation HRANA verifizierte bislang [1][3.919 Getötete] –
bisher nicht verifizierbare Schätzungen sprechen von [2][bis zu 16.500].
Über [3][24.669] Menschen wurden verhaftet. Ihnen droht das Regime mit der
[4][Todesstrafe].
Das erste Todesurteil, gegen den Protestierenden Erfan Soltani, wurde
bislang noch nicht vollstreckt – wie lange, ist unklar. Das volle Ausmaß
ist schwer zu fassen, seit zwei Wochen sind Iraner:innen durch einen
[5][vollständigen Internet-Shutdown] von Kommunikation nahezu
abgeschnitten. Vereinzelt dringen Nachrichten über Festnetzanrufe oder
Starlink-Verbindungen unter Lebensgefahr aus dem Land. All das lässt einen
vor kaltem Grauen erstarren.
Für Deutschland – und die EU – stellt sich die Frage, welche Reaktion
möglich ist, angesichts des historischen Ausmaßes der Proteste, aber auch
ihrer blutigen Niederschlagung und der anhaltenden massivsten Repression
des Regimes: Wie kann Deutschland auf die Gewalt des Regimes reagieren, wie
die Menschen in Iran unterstützen, und lassen sich die Bestrebungen der
Iraner:innen nach einer demokratischen, selbst gestalteten Zukunft
unterstützen?
Wenn auch in den letzten Tagen aufgrund der schieren Gewalt vorerst nahezu
keine Proteste verzeichnet wurden, waren sie doch [6][anders als zuvor] –
in ihrem Ausmaß und Mobilisierungspotenzial weitreichender als
vorhergehende. Und trotz [7][beispielloser Repression] ist die Frage nach
neuen Protesten die des Wann, nicht des Ob.
Deutschland verurteilt die Gewalt des Regimes in Stellungnahmen, äußert
Solidarität mit den Protestierenden, und [8][spricht sich für die
Ausweitung von Menschenrechtssanktionen ebenso aus wie für die
EU-Terrorlistung der Revolutionsgarden]. All dies sind Maßnahmen mit vor
allem symbolischer Wirkung. Und auch wenn Symbolik und Solidarität
angesichts des Grauens notwendig sind, ohne Maßnahmen bleiben sie letztlich
leere Hülsen. Um über Symbolpolitik hinaus Menschen in Iran konkret zu
unterstützen, sollte Deutschland drei konkrete Schritte ergreifen,
gemeinsam mit der EU.
## Drei Dinge, die helfen würden
Erstens wäre für unmittelbare Prioritäten ein EU-weites und koordiniertes
Nothilfeprogramm angezeigt, um zusätzliche finanzielle Mittel, aber auch
politische Koordinierung zu ermöglichen. Das würde Rückhalt schaffen für
akute Prioritäten iranischer Zivilgesellschaft, darunter vor allem:
medizinische Notfallversorgung, Menschenrechtsdokumentation und Zugang zu
Internet, sowohl über politischen Druck auf das Regime als auch konkrete
[9][Förderung von Starlink- und anderen Umgehungstools].
Dieses Nothilfeprogramm sollte seine Prioritäten im engen Austausch mit
iranischer Zivilgesellschaft koordinieren – und zugleich politische
Abstimmung stärken: innerhalb der EU, aber auch mit Partnerländern, wie
Kanada und UK, besonders zu Sanktionslistungen.
Aber auch stärkere Koordinierung der EU-Politik mit
UN-Menschenrechtsmechanismen wie der UN Fact Finding Mission und der
UN-Sonderbeauftragten für Menschenrechte in Iran könnte darüber gestärkt
werden, beispielsweise zur Bereitstellung und Nutzung von Plattformen, um
Beweismaterial zu übermitteln. Eine gemeinsame oder eng abgestimmte
Resolution des EU-Außenministerrats mit dem UN-Menschenrechtsrat wäre ein
konkreter Schritt in diese Richtung. Es geht um unmittelbare Dokumentation
und Beweissicherung, Auswertung ebenso wie strafrechtliche Aufarbeitung –
auch im Rahmen universeller Gerichtsbarkeit.
Zweitens sollten Solidaritätsbekundungen davon begleitet werden, dass
Deutschland ein sicherer Ort sein kann – für die iranische Diaspora genauso
wie für diejenigen Iraner:innen, die ihr Land wegen politischen Engagements
und Protest verlassen müssen. Dabei geht es um innenpolitische Maßnahmen,
wie Vorgehen gegen transnationale Repression und Abschiebestopps, aber auch
die Wiedereinführung der erleichterten Aufnahme für Frauen- und
Menschenrechtsverteidiger:innen in Deutschland, welche diese
Bundesregierung im letzten Jahr ausgesetzt hatte.
Drittens sollte dieses Nothilfeprogramm auch eine Neuausrichtung der
deutschen und europäischen Iran-Politik einläuten. Verpasst wurde bisher
wieder und wieder, einen politischen Ansatz zu entwickeln, der die
Expertise und Handlungsfähigkeit prodemokratischer iranischer
Zivilgesellschaft gegenüber der autoritären Regierung systematisch und
strukturell stärkt. Das sollte im Mittelpunkt stehen, wenn Deutschland und
die EU politischen Druck auf die iranische Regierung erhöhen wollen.
Deutschland und die EU sollten daher eine strukturierte Dialogplattform für
den Austausch mit zivilgesellschaftlichen Netzwerken schaffen.
## Die EU muss eigene Handlungsoptionen entwickeln
So könnte Zivilgesellschaft ihre Prioritäten, aber auch Expertise in einen
umfassenderen politischen Rahmen einbringen. Angezeigt wäre auch die
Unterstützung prodemokratischer Akteur:innen bei der Entwicklung
politischer Optionen. Im Fokus stehen sollten dabei: der Ausbau und die
Weiterentwicklung von Frauen- und Menschenrechtsarbeit, einschließlich der
Entwicklung von Perspektiven auf Übergangsjustiz und Aufarbeitung;
Förderung zivilgesellschaftlicher Arbeit und Forschung zu Internetfreiheit;
und strukturelle Ungleichheit als Treiber gesellschaftlicher, politischer
und sozioökonomischer Konfliktlinien.
Für die Europäische Union mag das in Anbetracht ihrer sonst zurückhaltenden
Position und angesichts der scheinbaren Stabilität des Regimes verfrüht
wirken. Beidem ist nicht so. Immer wieder war die EU in den letzten Jahren
ohne konkrete Handlungsoptionen, also aufgrund fehlender Szenarienplanung
oder Vorstellungsvermögen unvorbereitet. Diese konkreten politischen und
programmatischen Schritte sind daher längst überfällig. Auch um in einem
Kontext höchster Volatilität letztlich eigene Handlungsoptionen zu
entwickeln.
23 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.en-hrana.org/day-twenty-two-of-the-protests-the-scale-of-the-killings-grows-as-the-internet-shutdown-continues/
(DIR) [2] https://www.thetimes.com/world/middle-east/article/iran-young-protesters-news-nsdztp5t2
(DIR) [3] https://www.en-hrana.org/day-twenty-two-of-the-protests-the-scale-of-the-killings-grows-as-the-internet-shutdown-continues/
(DIR) [4] https://www.cnn.com/world/live-news/iran-protests-01-09-26?post-id=cmk701mez001k3d5t2rn1z9at
(DIR) [5] https://www.bbc.com/news/articles/cg5gegrdq3go
(DIR) [6] https://irananalytica.substack.com/p/why-this-round-of-protests-in-iran
(DIR) [7] /Proteste-in-Iran/!6146224
(DIR) [8] /Proteste-in-Iran/!6146309
(DIR) [9] /Proteste-in-Iran/!6142246
## AUTOREN
(DIR) Barbara Mittelhammer
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