# taz.de -- Massenmord in Iran: Wir können wissen, was geschieht
> Das Regime in Teheran hat während der jüngsten Proteste mindestens 16.000
> Menschen ermordet. Was hindert uns, diese Realität wahr- und
> ernstzunehmen?
(IMG) Bild: Ein von Nachrichtenagenturen verifiziertes Foto vom 11. Januar 2026: Auf den Straßen von Kahrizak liegen zahlreiche Leichensäcke
Ich merke, wie ich inzwischen zögere, Zahlen aus Iran auszusprechen. Ich
weiß, was dann nahezu reflexartig passiert: das Stirnrunzeln, das
vorsichtige „Das lässt sich ja nicht unabhängig verifizieren“, der
scheinbar sachliche Hinweis auf fehlende Bestätigung. Was da durchklingt,
ist vor allem eines: Zweifel. Den Iraner:innen wird – mal wieder – nicht
geglaubt.
Als das Exilmedium [1][Iran International] von 12.000 Toten bei den
landesweiten Protesten gegen das Regime in Iran sprach, setzte sofort ein
bekanntes Ritual ein: zu nah an der Diaspora, zu emotional, zu wenig
überprüfbar. Man müsse vorsichtig sein, hieß es, abwarten, einordnen.
Dabei ist genau das der Punkt: Dass sich gerade nichts vollständig
verifizieren lässt, ist Teil des Verbrechens. Das Regime hat das Internet
seit fast zwei Wochen vollständig [2][abgeschaltet,] internationale
Telefonate gekappt, Journalist:innen werden eingeschüchtert und
festgenommen, Krankenhäuser militarisiert und gestürmt, Leichen werden den
Familien oftmals nicht ausgehändigt. Wer unter diesen Bedingungen
niedrigere Zahlen meldet, tut das nicht, weil weniger Menschen sterben,
sondern weil weniger dokumentiert werden kann.
Auch Organisationen, die traditionell zurückhaltender zählen, sagen genau
das. Am 22. Tag der Proteste bestätigte die [3][Menschenrechtsorganisation
HRANA] mindestens 3.919 Tote, weitere 8.949 Todesfälle werden allerdings
noch untersucht. Organisationen kommen bei dem Ausmaß der Gewalt kaum noch
hinterher, die Toten zu zählen. Amnesty International spricht von
„massenhaften rechtswidrigen Tötungen in bislang beispiellosem Ausmaß“ und
betont zugleich, dass die tatsächliche Zahl der Opfer deutlich höher liegen
müsse. Es geht dabei nicht darum, etwas zu dramatisieren. Ein Massenmord
ist im Dunkeln schlechter zu erfassen als im Licht.
## Zu subjektiv, emotional, nicht belastbar
Aus Iran selbst erreichen uns nur Bruchstücke. Ein Mann aus Karaj, der für
wenige Minuten telefonieren konnte, sagte: „Diese Zahlen, die ihr da hört –
10.000, 12.000 – das ist ein Witz. Das ist nichts im Vergleich zu dem, was
hier passiert.“
Solche Stimmen werden hier oft als subjektiv, emotional und nicht belastbar
abgetan. Dabei sind sie das Einzige, was wir haben, wenn ein Staat
systematisch jede Form von Dokumentation zerstört. Und: Die Menschen in
Iran bestätigen alle unabhängig voneinander das gleiche, nämlich dass wir
außerhalb Irans nur Bruchstücke dessen sehen, was im Land tatsächlich los
ist. Dass die Gewalt noch viel höher ist, als wir uns auch nur vorstellen
können.
Selbst die Islamische Republik kann das Ausmaß der Gewalt nicht mehr
vollständig leugnen. [4][Ayatollah Ali Khamenei,] der Oberste Führer,
sprach im Staatsfernsehen von „mehreren tausend“ Getöteten seit Beginn der
Proteste.
Er schob die Schuld den Demonstrierenden selbst zu, nannte sie „Fußsoldaten
der USA“ und behauptete, sie seien bewaffnet gewesen. Das ist die bekannte
Täter-Opfer-Umkehr. Doch die Aussage steht für sich: Der Mann, der die
Gewalt befohlen hat, kann die Toten selbst nicht mehr leugnen, wie er es
jahrelang zuvor getan hat.
## Das Wort Massenmord ernst nehmen
Die britische [5][Sunday Times ] geht inzwischen von mindestens 16.500
Toten aus, gestützt auf Berichte von Ärzt:innen vor Ort. Sie sprechen von
330.000 Verletzten. Diese Zahl wird medial deutlich weniger skeptisch
behandelt. Vielleicht, weil sie aus London kommt und nicht aus dem
iranischen Exil. Vielleicht, weil westliche Quellen immer noch als
glaubwürdiger gelten als die Betroffenen selbst. Als bräuchte die Wahrheit
einen europäischen Pass.
Aber vielleicht gibt es noch einen anderen, unbequemen Grund für unsere
Skepsis. Vierstellige Todeszahlen in wenigen Tagen sind schon kaum zu
ertragen; fünfstellige Zahlen sprengen das Vorstellbare. Sie zwingen uns,
das Wort Massenmord ernst zu nehmen.
Uns einzugestehen, dass im Jahr 2026 so viele Menschen getötet werden
konnten, während die Welt zugeschaut, gezögert und relativiert hat.
Vielleicht werden die Zahlen deshalb infrage gestellt. Aus Abwehr, aus
Scham. Weil es leichter ist, an einer Zahl zu zweifeln als an der eigenen
Untätigkeit.
Diese automatische Skepsis gegenüber den Betroffenen verschiebt den Maßstab
des Glaubwürdigen weg von ihnen und hin zu westlichen Bestätigungsinstanzen
– und sie spielt dem Regime in Iran in die Hände, das genau darauf setzt:
auf Zweifel und das ewige „Wir wissen es noch nicht genau“.
Dabei wissen wir genug. Wir wissen, dass Menschen gezielt erschossen
werden. Wir wissen, dass das Internet abgeschaltet ist, um die Spuren zu
verwischen. Wir wissen, dass auf den Straßen derzeit faktisch Kriegsrecht
herrscht und das Regime mit schweren Waffen gegen die Zivilbevölkerung
vorgeht. Und wir wissen, dass jede weitere Relativierung kein Zeichen von
Nüchternheit ist, sondern ein bewusstes Wegsehen.
Den Iraner:innen muss endlich geglaubt werden. Eine Wahrheit, die erst
dann gilt, wenn sie uns erträglich erscheint, ist keine Wahrheit. Jede
Relativierung ist ein stilles Mitgehen mit der Gewalt.
19 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.iranintl.com/
(DIR) [2] /Massenproteste-im-Iran/!6145455
(DIR) [3] https://www.en-hrana.org/
(DIR) [4] /Aufstand-in-Iran/!6144897
(DIR) [5] https://www.thetimes.com/world/middle-east/article/iran-young-protesters-news-nsdztp5t2
## AUTOREN
(DIR) Daniela Sepehri
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