# taz.de -- Kunst gegen zu viel Bildschirmzeit: Der Blues auf alten Tonaufnahmen
       
       > Angesichts der Nachrichtenlage tut ein wenig Ablenkung gut. Die findet
       > sich in der Akademie der Künste bei einer Ausstellung zu Eslanda und Paul
       > Robeson.
       
 (IMG) Bild: Paul Robeson bei einer Rede im Vorhof der Humboldt-Universität zu Berlin am 5. Oktober 1960
       
       Was für ein bullshit“, sage ich aufgebracht zu dir. Das Jahr beginnt – nach
       dem Auskatern – mit einer vermeintlich „linksextremen“
       [1][Stromnetz-Sabotage in Berlin] – was auch immer daran links sein soll –
       und einem [2][US-Angriff auf Venezuela] getreu der US-amerikanischen
       Tradition des letzten Jahrhunderts. Dabei ist angeblich vor wenige Tagen
       das zweite Viertel des 21. Jahrhunderts angebrochen.
       
       Wir sitzen in der Küche und starren auf deinen Handy-Bildschirm, über den
       uns Donald Trump gerade erklärt, wie toll und überwältigend seine
       Streitkräfte seien und wie jetzt endlich Frieden, Sicherheit und
       Gerechtigkeit einkehren wird, sowohl in Süd- als auch in Nordamerika.
       Irgendwann drückst du auf Pause. „Wie wäre es, wenn wir mal was anderes
       machen, als nur Nachrichten zu schauen?“, sagst du und ich finde, das ist
       eine sehr gute Idee. Zumal mich jetzt auch noch meine Freundin A. anruft
       und dringend Ablenkung von ihrem Liebeskummer sucht.
       
       Wir entscheiden uns, zusammen zur Akademie der Künste zu laufen und uns
       dort [3][die aktuelle Ausstellung über Eslanda und Paul Robeson]
       anzuschauen: „Every Artist Must Take Sides“. Das afro-amerikanische Ehepaar
       hatte sich ab den 1930er Jahren immer wieder klar positioniert und zwar
       gegen den Faschismus und für gleiche Rechte für alle. Das ist genau das,
       was wir jetzt brauchen – Inspiration durch starke politische
       Intellektuelle, ohne die die Welt vielleicht noch viel schlimmer aussehen
       würde.
       
       Ehrlich gesagt, hätten wir der Ausstellung, die letztens vor einer
       Kinovorführung beworben wurde, wahrscheinlich kaum Beachtung geschenkt,
       hätten wir nicht zufällig bis vor Kurzem in der nach Paul Robeson benannten
       Straße im Prenzlberg gewohnt. Woraufhin wir seinen Namen gegoogelt hatten
       und dann total fasziniert waren, dass wir diesen in der DDR wohl
       „berühmtesten Amerikaner“ nicht kannten.
       
       ## Ein krasses Multitalent
       
       Für alle Wessis also, die wie ich nicht wussten, wer Paul Robeson war: Das
       war ein krasses Multitalent. Profi-Footballer, Jurist, dann berühmter
       Schauspieler und Sänger – unter anderem auf dem Broadway, zudem Autor und
       Bürgerrechtler – und zwar weit vor der Bürgerrechtsbewegung in den 60er.
       Seine Frau Eslanda Goode Robeson war ähnlich krass unterwegs wie er, als
       Anthropologin, Autorin, Schauspielerin, UN-Korrespondentin und ebenfalls:
       Bürgerrechtlerin.
       
       Die Robesons besuchten in den 1960er Jahre die DDR und wurden von deren
       Regierung ziemlich gefeiert. Vor 60 Jahren wurde an der damaligen Deutschen
       Akademie der Künste in Ost-Berlin dann auch das Paul-Robeson-Archiv
       gegründet, in Zusammenarbeit mit den Robesons selbst. Ganz so unumstritten
       waren die beiden in ihrem antikolonialem Kampf auch nicht.
       
       Wir betreten die Ausstellungsräume, hier vermischen sich etwas lose im Raum
       die Installationen zwölf kontemporärer Künstler:innen mit Dokumenten aus
       dem Robeson-Archiv. Wir erfahren von entzogenen Reisepässen und
       Berufsverbot während der McCarthy-Ära, hören den Sänger auf alten
       Tonaufnahmen den Blues singen und sehen ihn auf einem alten Streifen einen
       Minenarbeiter spielen. Es gibt viel zu lesen und zu betrachten, auch wenn
       der Raum auf den ersten Blick eher leer erscheint. Bezüglich Robesons
       Einstellung zum doch auch autoritären Ostblock findet sich aber leider nur
       sehr wenig Einordnung und Kritik.
       
       Wieder draußen aus der Akademie der Künste, ist es mittlerweile dunkel
       geworden im Hansaviertel. Es schneit, und eine gedämpfte Stille liegt über
       der Beton-Architektur. A. und ich versuchen mehr oder weniger erfolgreich
       die Straßenschilder mit Schneebällen zu treffen. Dann beschließen wir, dass
       eine warme Suppe jetzt genau das richtige wäre.
       
       Ich muss noch lange über einen Satz nachdenken, den Robeson in seinem Buch
       „Here I stand“ 1958 geschrieben hatte: „… durch die Verbreitung falscher
       Vorstellungen von rassischer und nationaler Überlegenheit werden Künstler,
       Wissenschaftler und Schriftsteller herausgefordert. Die Frontlinien sind
       überall. Es gibt keinen geschützten Rückzugsort.“ Er ist (leider) aktueller
       denn je.
       
       6 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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