# taz.de -- Geteilte Musik und geteilte Getränke: Antidote für den Winter
       
       > In der neuen Nationalgalerie kann man mit Moor Mother mitimprovisieren
       > und im Neuköllner Bajszel vorzüglich trinken – sogar mit Polizeischutz.
       
 (IMG) Bild: Die Musikerin Moor Mother bei einem Konzert im Haus der Berliner Festspiele, Berlin, 2023
       
       Eigentlich sollte der Bus längst da sein. Ich umkreise die Haltestelle,
       irgendwie muss man sich warmhalten. Mein Blick fällt auf ein
       überdimensioniertes Plakat. „Edgar, du bist ein gottloser Cheater“.
       Darunter ein QR-Code, angeblich der Zugang zu „privaten Fotos“. Ob dem
       schon jemand gefolgt ist? Edgar, sofern er hier wohnt, scheint nichts gegen
       diesen Fame zu haben. Mir fällt ein, dass ich ein ähnliches Plakat schon
       mal hier in der Nähe gesehen haben, offenbar läuft die Kampagne schon eine
       Weile. Bevor ich Unsinn anstelle, kommt der Bus.
       
       Überhaupt sticht mir dieser Tage einiges so ins Auge, was ich sonst
       übersehe – ein Vorteil der durchs Winterwetter entschleunigten
       Fortbewegung. Etwa entdecke ich in der Bergmannstraße, in der ich dauernd
       bin, einen Automaten, den ich noch nie wahrgenommen haben: Premium Parfum
       To Go für 2 Euro. Eine kurze Beschreibung der angebotenen Düfte wäre
       erhellend. Stattdessen wird man gewarnt, sie nicht in den Mund zu sprühen.
       Die Duft-Checker-Freundin, der ich ein Foto schicke, ist zumindest
       teilweise von der Auswahl angetan.
       
       Mittwoch geht es dann in die Neue Nationalgalerie zum Auftakt der
       Veranstaltung „Time Travel Hear Today“. Über vier Abende wird die
       [1][Musikerin und Dichterin Moor Mother] zusammen mit dem Ensemble Mosaik,
       weiteren Musikern und der interessierten Öffentlichkeit improvisieren und
       performen. Auf einem Tisch liegen Instrumente zur Benutzung. Melodicas,
       Rasseln, aber auch Geigen. Manche Leute spielen ein bisschen herum. Ich
       sehe allerdings niemanden, der sich mit einem der Instrumente ernsthaft ins
       musikalische Geschehen stürzt, das über verschiedene Stationen und in
       unterschiedlichen Konstellation durch den Raum wandert.
       
       Eigentlich braucht es den Überbau, den die Reihe hat (diverse
       Theoretiker:innen sind involviert, zudem ist eine Bezugnahme auf
       [2][Christian Marclays „The Clock“] angedacht), überhaupt nicht, die
       Kurzkonzerte sind auch so soghaft. Sogar der Sound ist in diesem Kasten aus
       Glas und Stahl gut. Drei Tage später komme ich noch mal wieder. Es ist
       voller, das Publikum wirkt kunstbetriebsmäßiger – was zu mehr aufgeregtem
       Geplapper führt.
       
       Es dauert ein bisschen, bis die Musik eine ähnliche Spannung entwickelt.
       Dann wird es jedoch richtig toll, besonders, als die Viola-Spielerin Karen
       Lorenz und Perkussionist Dudù Kouate sich batteln, umgarnen, klanglich zu-
       und auseinander driften. Eindrücklich auch das Finale, bei dem sehr viele
       Leute auf der Bühne stehen und Moor Mother mit ihrer Spoken-Word-Performace
       erinnert, dass Zukunft ja durchaus gestaltbar ist. Das vergisst man ja beim
       allgegenwärtigen Wahnsinn ja gerne mal.
       
       Danach auf einen Absacker ins Bajszel. Die Kneipe kannte ich bislang nur
       aus der Zeitung, [3][wegen der Morddrohungen gegen die Betreiber:innen]
       und dem antisemitischen Bullshit, mit dem sich diese Kiez-Institution
       konfrontiert sieht. Nun stellte ich fest, dass sie gleich ums Eck von der
       Wohnung einer Freundin ist.
       
       Erst letzte Woche bin ich dran vorbeigelaufen. Zur alljährlicher
       Silvesterparty bei ihr traue ich mich nämlich nur mit Taucherbrille und
       Ohrenstöpseln, denn sie wohnt mitten in der Böllerkriegszone. Dieses Jahr
       war der kurze Weg vom U-Bahnhof jedoch irritierend entspannt. Das liegt an
       dem 24-Stunden-Polizeischutz, den das Bajszel inzwischen hat, klärte mich
       meine Freundin später auf. Bitter.
       
       Nun feiert sie ihren Geburtstag dort – es erweist sich als netter Laden mit
       superleckeren Getränke. Ein Limoncello-artiger Schnaps, dessen Namen ich
       leider gleich wieder vergessen haben, gemixt mit Maracuja erweist sich als
       tolles Antidot für den Winter und andere Unbill vor der Tür. Von der
       Polizeipräsenz hat sich offenbar niemand abschrecken lassen. Der Laden ist
       rappelvoll.
       
       12 Jan 2026
       
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       Sie waren maximal laut: Die Dichterin und Musikerin Moor Mother und die
       Post-Metal-Band Sumac traten in Berlin auf. Die gemeinsame Platte folgt
       diese Woche.