# taz.de -- „Industrial Witchcraft“ in Berlin: Übrig bleiben
       
       > In der eigenen Stadt ist man nie Tourist. Statt süßer Melancholie gibt es
       > nur graue Kaputtheit und destruktive Flucht in die Kunst.
       
 (IMG) Bild: „Industrial Witchcraft“ Arbeiten von: Marc Brandenburg, Döbereiner/Rehnert, Cosey Fanni Tutti. Eliza Douglas, Harun Farocki u.a
       
       Der Flieger landet sehr früh. Ich bin seit fünf Uhr wach. Während ich mit
       verklebten Wimpern die Gangway langschlurfe, überholt mich ein aufgeregtes
       italienisches Paar. Verwaschene Gesprächsfetzen, ich verstehe nur „Siamo a
       Kreuzberg“. Der Typ sieht aus wie ein DJ oder vielleicht auch nur wie
       jemand, der gerne wie ein DJ aussehen würde. Sie lacht sehr laut,
       sympathisch.
       
       Die beiden könnten die Hauptfiguren aus [1][Vincenzo Latronicos Roman „Die
       Perfektionen“] sein. Der halbe Flughafen könnten die Hauptfiguren aus „Die
       Perfektionen“ sein. Es ist ziemlich leer. Noch nie habe ich begriffen, wie
       das mit der Stadt funktioniert. Die mich umgebende Menge Menschen erscheint
       mir seit jeher willkürlich und unberechenbar. Ich verschließe die Ohren mit
       [2][Leslie Winer. „Are you mindful? Is your mind full?“], fragt mich die
       US-amerikanische Musikerin eher, als dass sie singt.
       
       Wenn man an einem Freitagmorgen vom BER aus in die Stadt hineinfährt, kann
       man versuchen, sich kurz vorzustellen, man sei Tourist und käme fürs
       Wochenende. Das tiefe, allumfassende Anthrazit, welches sich nun Mitte
       Oktober an schlechten Tagen erstmalig über die Stadt abzusenken beginnt, um
       sie darin unabwendbar und für die nächsten Monate unwiederbringlich zu
       verschlingen, versprühte dann vielleicht melancholischen Charme.
       
       Die Tauben in ihrem himmelgrauen Gefieder sehen aus, als seien sie direkt
       aus den Wolken gefallen, auf der Sonnenallee blinken die Lichter der
       Gewerbe im diesigen Tagesanbruch: China-Thai-Viet-Shushi. Protein-Factory.
       Mega-Umzüge. Cowboy-Internet Café. Harry Cutter. Holy Coffee. Euro-Imbiss
       2. Da lacht der Durst. Ich bin kein Tourist, und der Bus riecht nach
       Schweiß. Nach fremden und meinem eigenen. Vor der Haustür haben die
       Bauarbeiter der Neusanierung nebenan den Schrott auf dem Gehsteig
       erstaunlich gut nach Größe und Material sortiert. Es hebt die Stimmung.
       
       „Industrial Witchcraft“ bei Die Möglichkeit einer Insel 
       
       Am Samstag besuche ich Stephanie Kloss in ihrem [3][Projektraum „Die
       Möglichkeit einer Insel“]. Sie erzählt mir, dass Oliver Koerner von Gustorf
       die dortige Ausstellung „Industrial Witchcraft“ kuratiert hat. Ich erzähle
       ihr, dass ich an einen seiner Ausstellungstexte vor vielen Jahren, bei Lisa
       Herfeldts Schau im Kunstraum Between Bridges bis heute denke. Die
       ungefilterte Mischung aus Analyse, Wut, Poetik und Snobismus. In den
       kleinen Räumen der Inselstraße gibt es sie nun als Gruppenschau.
       
       [4][Harun Farockis] Film „Arbeiter verlassen die Fabrik“. Fast
       ekelerregende Gemälde von Eliza Douglas. Cosey Fanny Tuttis sehr explizite,
       geile pornografische Selbstportraits. Eine Installation von Ursula
       Döbereiner und Thomas Rehnert nimmt Bezug auf [5][Throbbing Ghristles Dead
       on Arrival-Cover]. Auf einer Zeichnung Mark Brandenburgs steht ein böser
       Clown zwischen „Friends of Dorothy“, wie in einem echten amerikanischen
       Albtraum, und von Stephanie selbst gibt es Fotos des leeren
       Sado-Maso-Studios „Avalon“.
       
       Der Kurator hat keinen Bock auf kollektive Heilung, das schreibt er auch.
       Die Menschheit ist hier höchstens verbunden in ihrem eigenen Kampf ums
       Überleben, irgendwo zwischen von Drohnen zerfetzten Gliedmaßen,
       Kinderpornos, 60-Stunden-Woche und der restlichen langweiligen
       Internetscheiße. Kunst wie eine Massenpanik, nur ohne Menschen. Es gefällt
       mir gut.
       
       Am frühen Abend sitzen im [6][Roam an der Lindenstraße] wenige Leute an
       einem Biertisch im gleißenden Neonlicht. An den Wänden Malerei und
       laminierte Zeichnungen vom gerade 18-jährigen Luke Velten unter dem Titel
       „Kurze Hose mit Kaputze“. Halbvolle Weingläser werden verlangsamt hin- und
       hergeschoben. Die Stimmung ist weich. Auch hier muss nichts geheilt werden,
       aber nicht, weil niemand Bock drauf hätte, hier ist einfach noch alles
       heil.
       
       Beim Rausgehen riechen die Blätter nach Verwesung, violette Astern leuchten
       im Dunkeln am Stabmattenzaun. Ich öffne mit meinem Gesicht das Telefon und
       tippe „Brockhaus Leben“ in das Display. „Leben [althochdeutsch lebēn,
       eigentlich „übrig bleiben (nach einem Kampf) …]“, leuchten mir blaue
       Buchstaben weiß entgegen. Darunter ein Kasten: „Jetzt kostenlos testen“.
       
       15 Oct 2025
       
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