# taz.de -- Europas neue Rechte: Mit Europa in den Abgrund?
> Die kommenden zwei Jahre werden entscheiden, wohin die Reise Europas
> geht. Noch ist der Marsch nach rechts allerdings nicht alternativlos.
(IMG) Bild: Womit soll Europa in den Jahren 2026 und 2027 den Wahlkampf gegen die neue Rechte bestreiten, wenn es deren Politik ohnehin umsetzt?
Es ist der 7. Mai 2027. Großbritanniens neuer Premierminister Nigel Farage,
dessen Partei Reform UK soeben bei vorgezogenen Parlamentswahlen die
regierende Labour-Partei geschlagen hat, hält in London vor der schwarzen
Tür seines Amtssitzes seine Siegesrede, während in Hörweite linke
Gegendemonstranten johlen.
„Ich habe soeben die Einladung Seiner Majestät angenommen, eine Regierung
zu bilden“, hebt er an und grinst verzückt. „Hier, vor Downing Street
Nummer 10, weiß ich nur allzu gut, wie groß meine Verantwortung ist – und
wie groß das Vertrauen des britischen Volks in mich. Ich weiß genau, wofür
das Land gewählt hat. Es ist ein Mandat für Reform, und ich sage dem
britischen Volk: Wir traten an für Reform, und als Regierung liefern wir
Reform! Dies ist kein Mandat für Dogma oder Ideologie oder für die Rückkehr
zum Scheitern der Vergangenheit. Es ist ein Mandat, die Dinge zu tun, die
dieses Land dringend braucht, ein Mandat für Großbritanniens Zukunft.“
Nur kurz vorher, am Abend des 2. Mai, hat in Paris der frisch gewählte
Präsident Jordan Bardella seinen Sieg gefeiert, nach einem erbitterten
Wahlkampf seines rechten Rassemblement National (RN) gegen die Linke in der
Stichwahl. Antifaschistische Großdemonstrationen ziehen durch Teile von
Paris; schussbereite Sonderpolizisten umgeben den jungen Wahlsieger am
abgeriegelten Triumphbogen.
„Danke, dass ihr heute Abend hier seid!“, ruft er seinen Getreuen zu.
„Heute Abend habt ihr gesiegt! Frankreich hat gesiegt! Was wir geschafft
haben, ist beispiellos und einmalig. Heute Abend gibt es nur noch
Französinnen und Franzosen, das geeinte französische Volk! Die Welt schaut
auf uns! Euer Mut wird mich tragen. Ich werde euch beschützen. Ich werde
für euch kämpfen. Gegen die Lüge, gegen die Beharrungskräfte, für ein
besseres Leben für jeden von euch!“
## Schluss mit grün, woke und Masseneinwanderung
Ein Wind des Wandels fegt durch Europa in diesem Sommer 2027. Italien,
Österreich, Ungarn, Tschechien und die Niederlande sind ohnehin schon nach
rechts gerückt, nun auch Großbritannien und Frankreich. Europa kippt.
Farage und Bardella arbeiten seit Jahren zusammen, für den 31-jährigen
Franzosen ist der 63-jährige Brite ein Mentor, „ein großer Patriot, ein
Pionier“, wie er [1][in London im Dezember 2025] sagte. Gemeinsam wollen
sie Europa seine „Selbstachtung“ als Bündnis stolzer Nationalstaaten
zurückgeben. Schluss mit der Masseneinwanderung, mit grün und woke, mit
Selbstzweifeln. Die EU wollen sie gemeinsam begraben, sie ist die
gescheiterte Welt von gestern.
Schon Anfang Juni 2027 können Farage und Bardella bei den Gedenkfeiern zum
D-Day, der Landung der Westalliierten des Zweiten Weltkriegs an den
Stränden der Normandie 1944, gemeinsam mit Donald Trump und Wladimir Putin
die Achse der Freundschaft zwischen Washington, London, Moskau und Paris
neu gründen: die Wiedergeburt der Siegerallianz von 1945 im Sinne der
„Feier des individuellen Charakters und der Geschichte der europäischen
Nationen, frei von Schamgefühl“, wie es Ende 2025 die [2][neue Nationale
Sicherheitsstrategie] der USA festhielt.
Ein irrer Albtraum? Keineswegs. „2027 bin ich Premierminister“, rief Nigel
Farage auf seinem [3][Parteitag im September 2025]. Damals zerlegte sich in
Großbritannien gerade die Labour-Regierung von Keir Starmer, dessen
Stellvertreterin Angela Rayner [4][zurücktreten] musste. Zum Jahreswechsel
2025/26 diskutiert Labour fieberhaft, wann Starmer gehen muss und wie
brutal die Flügelkämpfe um die Nachfolge wohl werden, während Reform UK –
seit fast einem Jahr die [5][stärkste britische Partei in allen Umfragen]
und seit Herbst auch die mitgliederstärkste des Landes – in aller Ruhe an
ihrer Regierungsfähigkeit arbeitet.
Für Bardellas RN in Frankreich sieht die Lage ähnlich gut aus: Macron hat
keine Mehrheit im Parlament und verschleißt einen Premierminister nach dem
anderen. Er kann weder Reformvorhaben noch [6][Staatshaushalte]
durchbringen, während die Rechtspopulisten, deren historische Führerin
Marine Le Pen [7][von der Justiz ins politische Aus befördert] wurde, in
aller Ruhe ihren Generationenwechsel vollziehen. In einer Stichwahl um die
Präsidentschaft würde Bardella nach [8][Umfragestand Ende 2025] jeden
Widersacher schlagen.
## Putin und Trump weisen die Richtung
Noch kann in den 500 verbleibenden Tagen natürlich viel passieren. 2026
wird ein Jahr der Weichenstellungen. Ungarns Viktor Orbán könnte im April
abgewählt werden, gefolgt von Benjamin Netanjahu in Israel im Oktober –
zwei rechte Vorreiter, deren Skrupellosigkeit der neuen Rechten als Vorbild
dient. Reform UK und RN könnten bei Kommunal- und Regionalwahlen in
Großbritannien und Frankreich im Mai 2026 Dämpfer erleiden. Die
US-Republikaner von Donald Trump könnten die Kongresswahlen im November
2026 verlieren. Russland könnte unter der Last des [9][Ukrainekriegs]
kollabieren.
Bei Weichenstellungen gibt es aber immer zwei Möglichkeiten. Genauso
denkbar ist: Orbán und Netanjahu bleiben im Amt. Die linken und liberalen
Kräfte in Großbritannien, Frankreich und den USA scheitern an den
Wahlurnen. Die Ukraine bricht zusammen, weil Trump sie Putin ausliefert.
Die EU verharrt untätig. Ringsherum brennt die Welt, vom Sahel über
[10][Sudan] bis Nahost.
All dies würde in Europa den Trend zur Abschottung verstärken, wie Putin
und Trump es vormachen. Und Europa erlebt seit Jahren bereits eine
Brutalisierung und Polarisierung der Politik. Ob die neue Rechte sich
durchsetzt, ist keine Frage der politischen Mengenlehre, sondern eine der
politischen Kultur. Politische Mengenlehre fragt: Wie groß ist die
Überschneidung zwischen traditionellen und neuen Rechten? Bewahren
Koalitionen der Mitte ihre Mehrheit? Steht die Brandmauer noch? Aber
Brandmauern nützen nichts, wenn es auf beiden Seiten brennt. Autoritäres
Handeln ist in Europa längst Regierungspraxis – es fehlt nur noch das
autoritäre Denken dazu.
Staatliche Förderung und sogar Einbürgerung an die Gesinnung knüpfen,
[11][Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit beschränken], Opposition mit
Ausgrenzung kleinhalten – solche Praktiken breiten sich längst aus. Sich
empören, weil Andersdenkende ihre Meinung sagen, gehört in linken Kreisen
etwa in Deutschland genauso zum guten Ton wie in rechten, ebenso
identitäres Denken, das Menschen nach Gruppenzugehörigkeit bewertet.
## Rechter als rechts
Großbritanniens Labour-Regierung [12][verschärft das Asylrecht] im Sinne
von Farage, sie sagt turnusmäßige Kommunalwahlen gegen den Protest der
Wahlkommission ab, sie will das Recht auf ein Geschworenengericht
einschränken, Säule des angelsächsischen Rechtssystems. Frankreichs
Präsident Macron hat mit RN-Unterstützung [13][das Ausländerrecht
verschärft] und weigert sich beharrlich, die Linke mit der
Regierungsbildung zu beauftragen, die als stärkste Kraft aus den
Parlamentswahlen 2024 hervorging. [14][Polizeigewalt] wird von seiner
Regierung mal geleugnet, mal gerechtfertigt – die Brutalität gegen die
Gelbwesten-Proteste 2018–19 und die vielen Todesschüsse auf Jugendliche mit
Migrationshintergrund würden unter einer RN-Regierung Entsetzen auslösen.
Der neue [15][EU-Asylpakt], der 2026 in Kraft treten soll, sieht vor,
Flüchtlinge gar nicht erst in die EU, sondern an den Außengrenzen sitzen zu
lassen – etwa [16][in Tunesien], wo Präsident Kais Saied von afrikanischen
„Horden“ schwadroniert. Mit Russland ein Ende des [17][Ukrainekriegs auf
dem Verhandlungsweg] zu erreichen, also zu Putins Bedingungen, war noch vor
wenigen Jahren die rechte Außenseiterposition in Europa; heute drängen die
europäischen Regierungen bloß noch darauf, mit am Tisch sitzen zu dürfen.
Nichts davon ist alternativlos. Aber womit sollen Regierungen in Europa in
den Jahren 2026 und 2027 glaubhaft Wahlkampf gegen die neue Rechte
bestreiten, wenn sie deren Diskurs bereits teilen und deren Politik bereits
umsetzen? In so einer Situation bedeutet Wahlkampf gegen die neue Rechte
nicht Wahlkampf gegen ihre Ideen, sondern gegen ihre Kompetenz. Das
zentrale Wahlkampfargument der Nachfolger von Starmer und Macron wird
lauten: Wozu Reform UK oder RN wählen, wenn wir das selber alles viel
besser können?
Es ist allerdings auch gut möglich, dass die Wähler zum umgekehrten Schluss
kommen. Als bei den britischen Wahlen 2024, die Labour an die Macht
brachten, konservative Wähler in Scharen zu Farages Reform UK wanderten,
zeigten Umfragen: Nur für wenige davon waren die Konservativen nicht rechts
genug – für die meisten waren sie einfach unfähig. Der Farage-Slogan
„Britain Needs Reform“ ist pragmatisch, nicht ideologisch.
## Verlockender Heilsdiskurs
In Frankreich ist der Spruch „Die haben wir als Einzige noch nie
ausprobiert“ das populärste Motiv, RN zu wählen. Die neue Rechte in
Großbritannien und Frankreich positioniert sich klug. Sie grenzt sich von
gewalttätigen Rechtsextremisten ab. Sie sucht aber auch nicht das Bündnis
mit den etablierten konservativen Kräften, sie will diese zerschlagen und
beerben. Sie nährt sich aus der verbreiteten Abneigung gegen die
Hauptstadteliten in London und Paris und aus dem Aufstand männlicher
Jungwähler gegen die Alten.
Die neue Rechte ist deswegen stark, weil sie mehrheitsfähige Emotionen auf
den politischen Punkt bringt. Das nennt man gemeinhin Populismus, aber der
ist kein Alleinstellungsmerkmal der neuen Rechten. Die eingangs zitierten
fiktiven Siegesreden von Nigel Farage und Jordan Bardella im Jahr 2027 sind
wörtliche Ausschnitte aus den [18][Siegesreden von Tony Blair] in
Großbritannien 1997 und [19][Emmanuel Macron] in Frankreich 2017 – außer
dass Blair „New Labour“ sagte, nicht „Reform“. Es ist ein Heilsdiskurs,
eine Wende der politischen Kultur zurück zum Führerkult.
Macron und Blair standen beide für einen Populismus der Mitte, der
Erneuerung allein aus der Überzeugungskraft der eigenen Person heraus
versprach. Beide endeten als Hassfiguren, beschimpft als abgehoben,
selbstverliebt, überheblich. Aber ihren Politikstil – Geringschätzung
bewährter Parteien, Institutionen und Verfahren, Zentralisierung und
Personalisierung der Macht – haben ihre rechten populistischen Erben erst
verinnerlicht und dann zugespitzt.
Vieles, was ein Premierminister Farage und ein Präsident Bardella anrichten
wollen, dürfte also in Wahrheit sehr vertraut erscheinen, sowohl im Stil
als auch im Inhalt. Und vermutlich werden sie beide ebenso Schiffbruch
erleiden. Es wäre zynisch, in dieser Prognose Trost zu finden.
3 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.telegraph.co.uk/news/2025/12/09/jordan-bardella-nigel-farage-i-restore-borders/
(DIR) [2] https://www.whitehouse.gov/wp-content/uploads/2025/12/2025-National-Security-Strategy.pdf
(DIR) [3] /Politisches-Chaos-in-UK/!6112203
(DIR) [4] /Vizepremierministerin-in-Grossbritannien/!6112147
(DIR) [5] https://www.politico.eu/europe-poll-of-polls/united-kingdom/
(DIR) [6] /Staatshaushalt-in-Frankreich/!6140341
(DIR) [7] /Urteil-gegen-Le-Pen/!6075810
(DIR) [8] https://x.com/EuropeElects/status/1993366572409172067
(DIR) [9] /Schwerpunkt-Krieg-in-der-Ukraine/!t5008150
(DIR) [10] /Schwerpunkt-Krieg-in-Sudan/!t5930698
(DIR) [11] /Palaestina-Kongress-in-Berlin/!6132855
(DIR) [12] /Grossbritannien-verschaerft-Asylrecht/!6130166
(DIR) [13] /Neues-Immigrationsgesetz-in-Frankreich/!5980949
(DIR) [14] /Unruhen-in-Frankreich-nach-Polizeigewalt/!t5944512
(DIR) [15] /EU-Paket-zur-Asylpolitik/!6013932
(DIR) [16] /Migrantinnen-in-Tunesien/!5917526
(DIR) [17] /Diplomatin-ueber-gelungenes-Verhandeln/!6137386
(DIR) [18] https://www.mirror.co.uk/news/politics/tony-blairs-1997-election-victory-10332834
(DIR) [19] https://www.youtube.com/watch?v=2cJh_v5mmuc
## AUTOREN
(DIR) Dominic Johnson
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