# taz.de -- Kommunalwahlen in Großbritannien: Besser gar nicht wählen als Labour abwählen
       
       > Großbritanniens Labour-Regierung will wegen einer Verwaltungsreform die
       > Kommunalwahlen teilverschieben. Die Opposition sieht sich um Wahlsiege
       > betrogen.
       
 (IMG) Bild: Nicht alle können bei den Kommunalwahlen im Mai in England wählen
       
       Wenn am 7. Mai [1][in weiten Teilen Großbritanniens Regional- und
       Kommunalwahlen] stattfinden, wird nicht mehr in allen für diesen Tag
       vorgesehenen Regionen Wahltag sein. Zahlreiche Wahlgänge in England könnten
       auf einen späteren Termin verschoben werden. Die Neuwahl der
       Regionalparlamente in Wales und Schottland ist nicht betroffen.
       
       Die Labour-Regierung hat vielen englischen Regionalbehörden, wo Wahlen
       anstehen, erlaubt, Anträge auf Verzögerungen zu stellen. Der Grund ist eine
       anstehende Verwaltungsreform. In vielen Regionen gab es bisher sowohl
       kleinere „District Authorities“ und größere „County Authorities“, also
       kleinere Orts- und Stadtgemeinden und größere Regionalbehörden.
       
       Die kleinen Ortsgemeindeverwaltungen sollen nach den Labour-Plänen
       abgeschafft und in die Regionalbehörden integriert werden, um angeblich
       unnötige Ausgaben einzusparen und die Regionalebene zu stärken. Insgesamt
       soll es bis 2028 21 Regional- und 164 Bezirksbehörden in ihrer heutigen
       Form nicht mehr geben. Zudem werden an verschiedenen Orten Regional- und
       Stadtbürgermeister eingeführt, zum Beispiel in Brighton.
       
       Weil diese administrativen Änderungen aus Kapazitätsgründen nicht
       rechtzeitig bis zum Wahltag implementiert werden können, würden im Mai
       Behörden neugewählt werden, die bald danach abgeschafft werden würden. Um
       Kosten und Aufwand zu sparen, können Regionen nun entscheiden, die Wahlen
       zu verschieben, bis die Änderungen umgesetzt sind; danach soll auf
       Grundlage der Neuregelung gewählt werden. Mehr als ein Drittel von 63
       betroffenen Kommunalbehörden haben inzwischen diese Verzögerung beantragt;
       die bestehenden Mandatsträger sollen dann einfach länger im Amt bleiben.
       
       Das ist keine rein technische Angelegenheit, wie es die Regierung
       darstellt, zumal es [2][bereits vor einem Jahr] identisch begründete
       Wahlaussetzungen gab. Der Schritt könnte im kommenden Mai mindestens drei
       Millionen, womöglich sogar über vier Millionen Personen temporär das
       Stimmrecht nehmen. Dazu zählen Grafschaften wie Suffolk und Sussex im Süden
       sowie größere Städte wie Exeter und Preston. In Brighton könnte die
       Bürgermeisterwahl um ein Jahr verzögert werden. Weitere Kommunalbehörden
       könnten bis Ende dieser Woche dazukommen.
       
       ## Der Wahlstreit landet nun vor Gericht
       
       Diesbezüglich ist nun ein politischer Riesenstreit ausgebrochen, der in
       Redditch südlich von Birmingham zu einem Polizeieinsatz aufgrund eines
       kräftigen Meinungsaustausches führte und nun auch vor dem höchsten
       britischen Verwaltungsgericht landen wird, dem Royal High Court of Justice
       in London.
       
       In 34 englischen Regionen soll zum ursprünglich vorgesehen Termin gewählt
       werden, in 28 nicht. Von den 34 sind nur vier unter Labour-Kontrolle, von
       den 28 sind es 22. In drei weiteren der 28 dominieren die Konservativen und
       in einer die Liberaldemokraten, die restlichen haben unklare
       Mehrheitsverhältnisse. In den Meinungsumfragen führt gerade in fast ganz
       England und gerade in den ländlichen Regionen mit großem Vorsprung Reform
       UK, die rechtspopulistische Partei von Nigel Farage. Sie [3][gewann bereits
       2025 kräftig], als in anderen Regionen und Kommunen abgestimmt wurde, und
       sieht sich nun um weitere Wahlerfolge in 2026 betrogen.
       
       Farage ist vor Gericht gezogen und behauptet, dass Labour der britische
       Demokratie Schaden zufüge und sich vor den Wählern verstecke. „Es ist eine
       demokratische Schandtat, die wir rechtlich angehen werden!“ versprach er.
       Diese Woche wurde seine Klage zugelassen, Prozessbeginn in London ist am
       19. Februar. Auch die Konservativen sagen, Labour verweigere das
       demokratische Wahlrecht.
       
       Die Labour-Regierung von Premierminister Keir Starmer weist das zurück. Ein
       Regierungssprecher betonte, dass es sich um einen seltenen Ausnahmefall
       handele. Die Steuerzahler:innen würden darunter leiden, wenn Wahlen
       trotz der bevorstehenden Reform abgehalten werden und Steuergelder für
       nicht notwendige Wahlen statt für öffentliche Dienstleistungen ausgegeben
       würden. Er verwies als Präzedenzfall auf die Coronapandemie, die erstmals
       in der britischen Geschichte Wahlverzögerungen erzwungen hatte.
       
       Doch sogar [4][Großbritanniens Wahlkommission] sieht die Wahlverschiebungen
       kritisch. Ihr Chef Vijay Rangarajan sagt, es entstehe ein
       Interessenkonflikt, wenn gewählte Kommunalbehörden selber darüber
       entscheiden können, wann sie sich zur Wiederwahl stellen. Wahlen zu
       verschieben führe dazu, dass die Legitimität von Entscheidungen der
       Behörden infrage gestellt werden könne. Inzwischen hat sich auch der
       Sprecher des britischen Unterhauses Lindsay Hoyle in einer geleakten E-Mail
       an einen Reform-UK-Politiker gegen die Stornierung von Wahlen
       ausgesprochen.
       
       22 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://en.wikipedia.org/wiki/2026_United_Kingdom_local_elections
 (DIR) [2] https://en.wikipedia.org/wiki/2025_United_Kingdom_local_elections
 (DIR) [3] /Teilwahlen-in-Grossbritannien/!6085529
 (DIR) [4] https://www.electoralcommission.org.uk/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Daniel Zylbersztajn-Lewandowski
       
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