# taz.de -- Dämonen der Demokratie: Der Feind in deinem Bett
       
       > Die Demokratie kann man nicht nach außen verteidigen, wenn man ihre
       > inneren Feinde gewähren lässt. Man muss genau definieren, was auf dem
       > Spiel steht.
       
 (IMG) Bild: Demonstration gegen rechts in Berlin, am 29. November 2025
       
       Mit unserer Demokratie verhält es sich ein bisschen so wie mit dem
       [1][öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland]: Man würde sie sehr
       gern verteidigen. Aber was, wenn die Kräfte zu ihrer Zerstörung direkt aus
       ihrer Mitte kämen, was, wenn sich das, was man verteidigen will,
       hinterrücks selbst auflöste? Wenn man die Demokratie verteidigen möchte,
       dann geht es ja schließlich nicht nur um dieses zwar nie perfekte, aber
       doch menschlichste und modernste politische System, sondern auch um die
       Menschen, die es mit Leben erfüllen sollen: Regierungen, Parlamente und
       nicht zuletzt um die Leute, um das Volk, um uns – we, the people. Wollen
       wir, können wir überhaupt noch Demokratie? Gibt es überhaupt noch ein
       demokratisches, liberales und humanistisches „Wir“?
       
       Bevor man sich, mit den bescheidenen Mitteln, die jeder Einzelne hat, an
       die schwere Aufgabe einer Verteidigung der Demokratie macht, muss man sich
       wohl zweier Dinge versichern, nämlich erstens, dass es dafür noch nicht zu
       spät ist (sonst sitzt man in der Fatalismus-Falle), und zweitens, dass es
       dafür immer noch genügend aufrechte und mutige Menschen gibt, für die und
       mit denen es sich lohnt (anderenfalls droht die Misanthropie-Falle). Danach
       kann man sich daranmachen, die Linien zu definieren, an denen die
       Demokratie verteidigt werden soll. Vielleicht ist dafür ein Modell für eine
       Dämonologie der Demokratie nutzbringend, die Kräfte der Antidemokratie
       betreffend, die aus dem demokratischen System, aus der Entwicklung der
       [2][kapitalistischen Marktwirtschaft] und aus der liberalen Gesellschaft
       selbst entstehen. Man kann vermutlich eine Demokratie nicht nach außen
       verteidigen, wenn man ihre inneren Feinde gewähren lässt. Nennen wir diese
       inneren Kräfte der Zerstörung dramatisch vereinfachend die „Dämonen“ der
       Demokratie:
       
       Der Populismus, der an die Stelle demokratischer Teilhabe und öffentlicher
       Verhandlung emotionale Erregung und psychosoziale Schauspiele vor allem
       über die Medien setzt. Politik wird hier eher verkauft als erklärt. Man
       kommuniziert nach den Regeln der Unterhaltung und der Regression,
       Personenkult, Inszenierung und Show übernehmen die Rollen von Diskurs und
       Debatte.
       
       Die Technokratie, die [3][Herrschaft der Tech-Milliardäre] und ihrer
       „Experten“, die einer besonderen Art von mechanischer Rationalität
       verpflichtet sind. Dem technologischen Fortschritt, dem wirtschaftlichen
       Wachstum und dem globalen Wettbewerb wird absoluter Vorrang vor den
       langsamen, „bürokratischen“ und zögerlichen demokratischen Verfahren
       gegeben. Von Krise zu Krise gewöhnt man sich an die Institutionalisierung
       des Ausnahmezustandes.
       
       Der Lobbyismus oder die strukturelle und schließlich auch direkte
       Korruption, der übermäßige Einfluss der Mächtigen aus der Wirtschaft in
       Gesetzgebung, Verwaltung und Politik. Die Verflechtung von politischer und
       ökonomischer Macht führt zu einer (Mit-)Regierung der ökonomischen Kräfte,
       die sich der demokratischen Kontrolle und der öffentlichen Kritik
       weitgehend entziehen.
       
       Der faschistische Bodensatz, die Grauzone zwischen dem Konservativen und
       dem Rechtsextremen. Eine „bürgerliche Gesellschaft“ birgt in sich
       zwangsläufig Impulse und Gefahren der Faschisierung. Ab einer bestimmten
       Entwicklung dieser Grauzone der Demokratie am rechten Rand greift indes
       eine fatale Abfolge von Radikalisierung und Gewöhnung.
       
       Die Gleichgültigkeit und das politische Desinteresse, eine in Teilen
       fundamentale Ablehnung jeglicher Teilhabe an demokratischen Prozessen,
       kritischer Öffentlichkeit und liberalen Debatten. Eine wachsende Zahl von
       Menschen findet unter den Vertretern der demokratischen Mitte keine
       Repräsentanten und keine Sprache mehr. Die Flucht aus der demokratischen
       Zivilgesellschaft führt in Parallelkulturen oder mediale Traumwelten,
       verknüpft sich aber ebenso rasch mit politischem Opportunismus:
       Narzisstischer Egoismus ist an Demokratie nicht groß interessiert.
       
       ## Der postdemokratische Staat gehört dem Geld
       
       Die (sexuelle) Reaktion und die „Kulturrevolution“ gegen den Liberalismus.
       Zu den Zielen und zugleich Voraussetzungen von Demokratisierung gehören
       auch Gleichberechtigung der Geschlechter, sexuelle Selbstbestimmung und
       kulturelle Offenheit. Teile der Gesellschaft widersetzen sich mehr oder
       weniger militant solchen metapolitischen Projekten und finden sich in
       toxischen Gegenerzählungen und Kulten wieder.
       
       Entsolidarisierung und Ent-Bildung. Unter dem Einfluss von Neoliberalismus
       und Austerität vernachlässigt der demokratische Staat seine sozialen und
       seine kulturellen Aufgaben und führt dadurch eine Verschärfung des
       Widerspruchs von Gewinnern und Verlierern herbei. Der (post-)demokratische
       Staat „gehört“ schließlich der ökonomischen Macht und ist nicht mehr der
       Staat der Armen. Ebenso „gehören“ die Medien der öffentlichen Debatten
       mehrheitlich den gleichen wirtschaftlichen Mächten, die durch den
       Lobbyismus ihren Einfluss auf die Politik erhöhen, und nicht mehr der
       demokratischen Zivilgesellschaft.
       
       Alle diese Dämonen der Demokratie sind auf demokratischem Wege und
       innerhalb der liberalen Gesellschaft entstanden. Eine funktionierende und
       lebendige Demokratie sollte mit jedem einzelnen ihrer Dämonen fertig
       werden, nicht zuletzt, indem ihr Wesen aufgeklärt werden kann. Gefährlich
       wird es, wenn eine Demokratie nicht besonders gut funktioniert und nicht
       besonders viel Leben zulässt, wenn die Dämonen der Demokratie, statt
       einzeln in die Mitte der Gesellschaft zu streben, sich miteinander zu einer
       Schlinge verbinden, die sich unerbittlich zuzuziehen scheint, und wenn die
       äußeren Bedrohungen die innere Gefährdung verschärfen. In dieser Situation
       ist es für die Verteidigung der Demokratie sehr wichtig, genau zu
       definieren, was auf dem Spiel steht.
       
       7 Jan 2026
       
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