# taz.de -- Gedenken an polnische NS-Opfer: Wir brauchen bessere Gedenkarbeit
       
       > Das Gedenken an die polnischen Opfer des Zweiten Weltkrieges schreitet im
       > Deutschlandtempo voran. Ein provisorisches Denkmal kann nur ein Anfang
       > sein.
       
 (IMG) Bild: Einweihung des temporären Denkmals für die polnischen Opfer der deutschen Gewaltherrschaft, Berlin, 16. Juni 2025
       
       Achtzig Jahre zu spät, aber besser als nie. Das ist wohl das Motto der
       deutsch-polnischen Versöhnung. Ein Findling und ein Baum mit Blick auf den
       Bundestag sollen nun für maximal fünf Jahre an die NS-Gräueltaten während
       der deutschen Besatzung Polens im Zweiten Weltkrieg erinnern. Ein Projekt,
       das zeigt, was an der deutschen Gedenkarbeit falsch läuft.
       
       Die Vernichtung während der NS-Zeit war beispiellos: Mehr als sechs
       Millionen Menschen, mehr als ein Fünftel der damaligen Gesamtbevölkerung,
       kam ums Leben. Davon allein drei Millionen polnische Juden und drei
       Millionen nicht-jüdische polnische Zivilist*innen, die Opfer deutscher
       Verbrechen wurden. Da sollte man meinen, dass sich Deutschland längst um
       eine Gedenkstätte gekümmert hätte. Stattdessen nun ein provisorisches
       Denkmal. „Ein Stein des Anstoßes“, wie es der Leiter des deutschen
       Polen-Instituts nennt.
       
       Warum zeitlich begrenzt? Weil auch vor der Gedenkarbeit die Bürokratie
       keinen Halt macht. Im Deutschlandtempo berät die Bundesregierung über ein
       Denkmal und einen Gedenkort für die polnischen Opfer des
       Nationalsozialismus. Damit es mehr als nur eine [1][weitere Stelle für
       Kranzablegungen deutscher Politiker*innen wird], soll neben dem
       Denkmal das Deutsch-Polnische Haus eröffnet werden.
       
       Bereits 2013 forderte der frühere polnische Außenminister Władysław
       Bartoszewski, selbst Häftling im Konzentrationslager Auschwitz und
       Widerstandskämpfer, einen Gedenkort. 2017 entstand dann eine bürgerliche
       Initiative. Der Plan, das Denkmal mit einer Begegnungsstätte zu verbinden,
       ist richtig; sind in Deutschland doch das Interesse an den und das Wissen
       über die Verbrechen der Nationalsozialisten in Polen kaum vorhanden. Ein
       Ort, der den Blick in die Vergangenheit schärft und die Lehren für die
       Zukunft bewahrt, ist daher notwendig.
       
       ## Findling schürt Hoffnung
       
       Doch der Traum vom Haus bleibt weiterhin eben nur eine Skizze in einer
       [2][netten Broschüre zum Projekt] – nicht mal der Standort ist beschlossene
       Sache.
       
       Einerseits macht der Findling daher Hoffnung. Er ist das erste Ergebnis
       eines zähen Prozesses. Denn dass Deutschland seine Schuld anerkennt und
       danach handelt, hat viel zu lange gedauert. Warum hat es nicht schon früher
       Vorstöße in der BRD gegeben? Zumal nicht weit weg, in Friedrichshain,
       bereits 1972 ein DDR-„Denkmal des polnischen Soldaten und deutschen
       Antifaschisten“ errichtet worden war. Nur war es damals ein polnischer
       Verband, von dem die Initiative ausging.
       
       Andererseits zeigt der provisorische Stein, wie schnell sich die
       Verantwortungen scheinbar verschoben haben. Zivilgesellschaftliche Akteure,
       allen voran das Deutsche Polen-Institut, haben sich auf unbürokratischem
       Weg gekümmert, Spenden gesammelt und eine Genehmigung des Berliner
       Abgeordnetenhauses eingeholt, für die fünf Jahre eben, die der Findling
       laut Auflage nun mahnen darf.
       
       Dabei muss es auch für die gegenwärtige deutsch-polnische Beziehung
       weitergehen mit dem Deutsch-Polnischen Haus. Denn fragt man Deutsche nach
       ihren Assoziationen mit Polen, geht es meist ums Reisen, um günstige Preise
       und Gastfreundschaft.
       
       ## Pol*innen blicken in die gemeinsame Vergangenheit
       
       Und andersherum? „Die Polen verbinden Deutschland und die Deutschen mit der
       schwierigen deutsch-polnischen Vergangenheit (jede fünfte Assoziation),
       insbesondere mit dem Zweiten Weltkrieg“. So steht es im
       [3][Deutsch-polnischen Barometer für 2024].
       
       Die Deutschen leben gern in der Gegenwart, viele Pol*innen können auch
       gerade deswegen mit der Vergangenheit nicht ganz abschließen. Zu Recht.
       Während in Deutschland das Interesse an den Verbrechen der eigenen Nation
       schwindet, haben die Jahre unter der nationalkonservativen PiS-Regierung in
       Polen den Fokus der Beziehungen zu Deutschland auf die Gedenkarbeit und
       Forderung nach Reparationszahlungen gelenkt. Anti-deutsche Ressentiments in
       der politischen Rechten sind in Polen alltäglich. Premierminister Donald
       Tusk hat bereits das Image des „deutschen Agenten“ bei Anhängern der
       nationalkonservativen PiS inne.
       
       Daher ist es wichtig, die Anliegen der polnischen Bevölkerung auch hier
       ernst zu nehmen und dem Nachbarn auf Augenhöhe zu begegnen. Denn wer laut
       dem deutsch-polnischen Barometer die Beziehungen in einem ungünstigen Licht
       sieht, bemängelt überwiegend die unzureichende Aufarbeitung der deutschen
       Kriegsverbrechen in Polen. Trotzdem schätze die Mehrheit den deutschen
       Nachbarn. Wie lang es angesichts der unzureichenden Gedenkarbeit so bleibt?
       Bisher haben wir wohl noch Stein gehabt.
       
       17 Jun 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Plaene-fuer-Deutsch-Polnisches-Haus/!5953254
 (DIR) [2] https://deutschpolnischeshaus.de/uploads/files/Dateien/stiftung-denkmal-deu-pol-haus-broschure-A5-DRUCK.pdf
 (DIR) [3] https://www.deutsches-polen-institut.de/themen-projekte/politik/deutsch-polnisches-barometer
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anastasia Zejneli
       
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