# taz.de -- Pläne für Deutsch-Polnisches Haus: Gedenken am Ort der Lüge geplant
       
       > Erinnern an die NS-Besatzungszeit in Polen: Das Deutsch-Polnische Haus
       > soll am Standort der früheren Kroll-Oper in Berlin entstehen.
       
 (IMG) Bild: Pressekonferenz in Berlin zur Einrichtung des Deutsch-Polnischen Hauses am 29.08.2023
       
       Mit Superlativen wird an diesem Vormittag nicht gespart. „Weltweit
       einzigartig“ sei das Projekt, sagt Anna Lührmann, grüne Staatsministerin im
       Auswärtigen Amt. Man plane einen „Leuchtturm der Empathie“, erklärt Peter
       Oliver Loew von Darmstädter Polen-Institut. Es handle sich um „das
       wichtigste erinnerungspolitische Projekt Deutschlands“, heißt es im
       Eckpunktepapier für das Vorhaben.
       
       Die Rede ist vom [1][„Polen-Denkmal“], wie das Erinnerungszeichen
       landläufig in Berlin genannt wird. Vor knapp drei Jahren beschloss der
       Bundestag, einen Ort des Erinnerns und der Begegnung zur deutsch-polnischen
       Geschichte zu schaffen. Dahinter stand die Erkenntnis, dass es am Wissen um
       die Gräuel während der NS-Besatzungszeit im Nachbarland in der deutschen
       Öffentlichkeit mangelt – und dass die deutsch-polnischen Beziehungen
       durchaus freundlicher gestaltet werden könnten.
       
       Jetzt endlich wird dieser Plan konkreter. [2][Kulturstaatsministerin
       Claudia Roth (Grüne),] die die Verantwortung für das „Polen-Denkmal“ nach
       dem Regierungswechsel vom Auswärtigen Amt erbte, hat die Stiftung Denkmal
       für die ermordeten Juden Europas mit der weiteren Ausgestaltung der Pläne
       beauftragt.
       
       Dessen Direktor Uwe Neumärker skizzierte auf einer Pressekonferenz am
       Dienstag im Kanzleramt in Berlin das, was später einmal das
       „Deutsch-Polnische Haus“ ausmachen soll. Er stellte drei Säulen vor:
       Gedenken, Information und Begegnung. Zu dem Bau soll also ein
       „Gedenkzeichen“ gehören, das auch bei offiziellen Anlässen der Erinnerung
       dient. Doch es bleibt erfreulicherweise nicht bei diesem „Polen-Denkmal“.
       
       Weiterhin sehen die Pläne ein Museum mit Dauerausstellung vor, in dem es
       primär um die deutsche Besatzungsherrschaft in Polen zwischen 1939 und 1945
       gehen soll, aber eben auch um die polnische (und deutsch-polnische)
       Geschichte insgesamt. Und drittens soll dieses Museum auch zu einem
       Begegnungszentrum werden. Man wolle jungen Menschen vermitteln, wozu
       Faschismus und Nationalismus führen konnten, ergänzte Loew. Neumärker
       versprach, dass „überraschende Themen und ungewöhnliche Fragen“ die
       Ausstellung prägen sollten. Ein Restaurant mit Küchen beider Länder etwa
       könnte gewiss zum gegenseitigen Verständnis beitragen, sagte er.
       
       ## Fehlendes Wissen um Verbrechen in Polen
       
       „Ohne Kenntnis der Geschichte kann es kein wahrhaftes Gedenken geben“,
       sagte Claudia Roth einleitend zu den Plänen. Nur wer die Geschichte kenne,
       könne „Gegenwart und Zukunft gestalten“. Sie beklagte das „fehlende Wissen
       um die Verbrechen in Polen“. Der Historiker und Holocaust-Experte Stephan
       Lehnstaedt fand gegenüber der taz lobende Worte für das Konzept: Das sei
       „inhaltlich überzeugend“. In der Umsetzung sieht er allerdings einige
       Probleme am Horizont.
       
       Das beginnt schon mit dem geplanten Ort für das „Deutsch-Polnische Haus“.
       Als Standort ist das Gelände der früheren Kroll-Oper nahe dem Berliner
       Hauptbahnhof und dem Kanzleramt vorgesehen, dort, wo Adolf Hitler am 1.
       September 1939 seinen Überfall mit der berühmt-berüchtigten Lüge „Seit 5
       Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen“ begründete.
       
       Die ursprüngliche Idee, das Haus am Anhalter Bahnhof zu errichten, ist also
       vom Tisch. Das Gelände gehört dem Berliner Bezirk Tiergarten. Der verlangt
       dem Vernehmen nach für die Abtretung eine Ausgleichsfläche. Die aber kann
       die Stiftung Denkmal nicht anbieten, schließlich ist sie kein
       Immobilienunternehmen. Da könnten nur Bundesregierung und Bundestag helfen.
       
       Wann der Komplex einmal fertiggestellt werden wird? Dazu wollten sich weder
       Politiker noch Experten festlegen. Fest steht nur: Es wird dauern. „Ein
       paar Jährchen wird das brauchen“, sagte Loew. Ebenso wenig war zum
       Finanzrahmen etwas in Erfahrung zu bringen.
       
       Bis zum Frühjahr nächsten Jahres soll ein Realisierungsvorschlag vorliegen.
       Dann ist auch eine erneute Debatte und ein Beschluss des Bundestags
       geplant.
       
       29 Aug 2023
       
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