# taz.de -- Nationalsozialismus in Berlin: Eine Mauer aus erhobenen Armen
       
       > Bei der „Köpenicker Blutwoche“ 1933 erprobten SS und SA offen den
       > nationalsozialistischen Terror. Wichtig wäre Gegenwehr gewesen – doch die
       > Zivilgesellschaft versagte.
       
 (IMG) Bild: Nachdem in Notwehr zwei SA-Männer erschossen waren, entfesselten die Nazis Terror und Folter in Köpenick. Die Bevölkerung salutierte
       
       Die Beklemmung verdichtet sich zum Schock, als wir plötzlich vor diesem
       Schwarzweißfoto stehen: ein Beerdigungszug, vorneweg Männer in Uniformen.
       Aus der Gruppe fällt der Satz, das habe „viel mit dem zu tun, was man
       gerade jeden Abend in den Nachrichten sehen muss“ – der Sprecher meint
       Berichte über das Abschmelzen der Demokratie in den USA, [1][mit den
       tödlichen ICE-Aktionen], mit einem Präsidenten, der alles deckt. Zu sehen
       ist auf dem Foto am Gedenk- und Erinnerungsort „Köpenicker Blutwoche“
       allerdings etwas anderes: die Bestattung dreier SA-Männer im Jahr 1933.
       
       Auf dem Bild schreitet Joseph Goebbels voran, geschniegelt, mit jener
       Gutsherrenart, die Macht beansprucht, ohne sie erklären zu müssen. Auf den
       Bürgersteigen stehen Tausende Köpenickerinnen und Köpenicker. Die Arme sind
       erhoben, der Hitlergruß formt eine Mauer aus Zustimmung. Niemand hat die
       Hände in den Taschen, niemand wendet sich ab. Zivilcourage ist auf diesem
       Foto nicht einmal ansatzweise zu erkennen – sie kommt schlicht nicht vor.
       
       Der Besuch [2][des Gedenk- und Erinnerungsortes „Köpenicker Blutwoche“] im
       ehemaligen Amtsgerichtsgefängnis in der heutigen Puchanstraße, anlässlich
       des internationalen Gedenkens an die Opfer des Holocaust, gestaltet sich
       für die rund 20 Teilnehmenden zu einem harten Ritt – man sieht es ihnen an.
       Denn die nachdrückliche Führung von Museumspädagoge Matthias Wiedebusch
       ordnet individuelle Schicksale konsequent in den historischen Prozess der
       nationalsozialistischen Machteroberung ein. Sie zeigt, wie Gewalt nicht
       plötzlich ausbrach, sondern organisiert, legitimiert und öffentlich
       vollzogen wurde.
       
       Die „Köpenicker Blutwoche“ steht für einen der frühen und besonders offenen
       Gewaltexzesse der Nationalsozialisten nach der Machtübernahme 1933. Ende
       Juni jenes Jahres verwandelte sich Köpenick in „ein Labor des Terrors“, so
       sagt es Wiedebusch. Und das habe die Nazis selbst erstaunt, wie wenig
       Gegenwehr aus der Bevölkerung kam. SA und SS verschleppten, folterten und
       ermordeten politische Gegnerinnen und Gegner, Jüdinnen und Juden – mitten
       in der Nachbarschaft, oft vor den Augen der Öffentlichkeit. Als wollten sie
       austesten, wie weit sie gehen können.
       
       ## Gegenwehr als Vorwand
       
       [3][Im Betsaal, der ehemaligen Gefängniskapelle], schildert Wiedebusch
       anschaulich, wie die Köpenicker Blutwoche ins Rollen kam. Am Abend des 21.
       Juni 1933 stürmten drei SA-Männer zum zweiten Mal das Haus der Familie
       Schmaus. Sie wollten den Sozialdemokraten Johann Schmaus sowie seine Söhne
       Anton und Hans festnehmen.
       
       Anton stellte sich den Männern in den Weg. In Notwehr schoss er auf die
       Eindringlinge: Zwei SA-Männer traf er tödlich, ein dritter wurde im
       Schusswechsel vermutlich von den eigenen Leuten verletzt. Anton Schmaus
       stellte sich freiwillig der Polizei. Man brachte ihn ins Polizeipräsidium
       am Alexanderplatz. Dort wurde ihm in den Rücken geschossen. Schwer verletzt
       kam er ins Krankenhaus, wo er nach weiteren Misshandlungen im Januar 1934
       starb.
       
       Anton Schmaus ist auch deshalb eines der bekanntesten Opfer der Köpenicker
       Blutwoche, weil seine Gegenwehr den Nazis als Vorwand diente, den Terror zu
       entfesseln. Sie instrumentalisierten die Tat propagandistisch – auch das
       ist auf dem eingangs erwähnten Schwarzweißfoto eingeschrieben. Die
       Köpenicker Blutwoche steht bis heute stellvertretend für jene besonders
       brutale Phase der nationalsozialistischen Machteroberung, in der SA und SS
       gezielt und öffentlich auf Einschüchterung, Folter und Mord setzten. Es war
       ein früher Moment, in dem die Nazis Einschüchterung und Mord nicht
       heimlich, sondern demonstrativ einsetzten – und in der die
       Zivilgesellschaft vollständig versagte.
       
       ## Hunderte wurden misshandelt
       
       Am Ende hatten die Nazis mindestens 23 Menschen getötet, ihre Leichen bei
       helllichtem Tag in öffentlichen Wäldern aufgehängt, in Säcke gesteckt und
       in der Dahme versenkt. Hunderte hatten sie misshandelt: auf dem Heimweg aus
       der Straßenbahn gezerrt, durch Straßen gejagt, in Kneipen geprügelt, aus
       denen die Schreie nach draußen drangen.
       
       Möglich wurde dieser Horror durch den Ausnahmezustand nach dem Brand des
       Reichstags Ende Februar 1933. Mit der entsprechenden Verordnung setzte das
       NS-Regime zentrale Grundrechte außer Kraft: die Freiheit der Person, die
       Unverletzbarkeit der Wohnung, Meinungs- und Versammlungsfreiheit, den
       Schutz des Eigentums. Unmittelbar darauf folgte eine Welle von
       Verhaftungen, Misshandlungen und Morden, die nun als staatliches Handeln
       ausgegeben werden konnten.
       
       So kurz nach der sogenannten Machtergreifung erfüllte die Gewalt einen
       doppelten Zweck: Sie verbreitete Angst und Schrecken – und sie zwang zur
       Positionierung. Wer zur „Volksgemeinschaft“ gehören wollte, musste sich
       zeigen: auf der Straße, am Fenster, auf dem Bürgersteig. Und wer sich zuvor
       außerhalb der Kommandozentralen von Gesellschaft und Staat verortet hatte,
       durfte sich ermutigt fühlen, auf der untersten Ebene politischer Herrschaft
       mitzuwirken – und Gewalt auszuüben.
       
       Wiedebusch, der hier seit Jahren Führungen anbietet, reagiert aufmerksam
       und trotz seiner Routine mit spürbarem Nachdruck auf die Fragen und
       Bemerkungen der Besucherinnen und Besucher zu dem Foto. Er berichtet, dass
       das Interesse an der Gedenkstätte seit Monaten deutlich wächst. Zugleich
       veränderten sich die Gespräche, sagt er: Immer häufiger erzählten Menschen
       persönlich von ihrer Angst. In einer [4][Gegenwart, in der Ausgrenzung]
       wieder lauter wird und [5][Gewaltfantasien erneut öffentlich artikuliert
       werden], tut ein Besuch dieses Ortes doppelt weh.
       
       29 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Toedliche-ICE-Schuesse/!6148692
 (DIR) [2] https://www.museumsportal-berlin.de/de/museen/gedenkstaette-koepenicker-blutwoche-juni-1933/
 (DIR) [3] /Als-der-Betsaal-zur-Metzgerei-wurde/!755087/
 (DIR) [4] /Gedenken-an-die-Holocaust-Opfer-mit-AfD/!5653719
 (DIR) [5] /Sebastian-Moll-ueber-Minneapolis/!6148573
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Susanne Messmer
       
       ## TAGS
       
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